Logbuch

DER SIEBTE TAG.

Wie kann jemand, den man selbst so schätzt, gänzlich unbemerkt derart unbeliebt werden? Ich verstehe den Niedergang des britischen Premiers Sir Keir Starmer nicht. Seine Partei zeigt nicht nur Ambition im inneren Machtkampf; sie überschäumt im Furor gegen diesen braven Mann. Vatermord ist eine normale Form des Generationswechsels in der Politik, den Sozialdemokraten ist aber auch das Gift der stalinistischen Säuberung mitgegeben. Ich bin fassungslos: Wann und wie wächst so viel Hass gegen einen so feinen Kerl?

Nicht, dass mir das neu wäre. Ich bin ja Zeitzeuge der gezielten Entehrung des Gerhard Schröder, dem man, als schon entmachtet, Büro und Fahrer nahm. Das war eine bloße Demütigung und auch so gemeint. Nun bin ich da kein verlässlicher Kritiker; ich mochte den und er hat mir mal den Arsch gerettet, als es für ihn nicht ohne Risiko war. Ich schulde dem was.

Keir Starmer habe ich geschätzt, weit mehr als Tony Blair, den sein transatlantisches Vasallentum einsam machte. Starmer ist ein rechter Sozialdemokrat mit liberaler Seele, ein linker Gentlemen, wenn man eine solche Fülle an Attributen vermeintlich widersprüchlicher Art noch entschlüsseln kann. Er hat Recht gesucht und verteidigt für jene, denen das nicht an der Wiege gesungen war.

Und das in einer Partei, die über weite Flügel und ganze Regionen einen ideologisch zementierten Antisemitismus mit einer Islamophilie verbindet, die nicht nur der Neuen Rechten als Treiber einer migrantisch begründeten Gegengesellschaft gilt. Labour packt in Watte, was Labour zu wählen verspricht. Mich fremdelt vor dem pakistanisch stämmigen Herrn, der da Greater London regiert. Aber darum geht es mir nicht. Keir konnte auch mit dem.

Ich will auf etwas hinweisen, dass unter den Hunnen vielleicht niemand weiß, sprich den Deutschen. Sir Keir Starmer ist mit einer jüdischen Anwältin verheiratet und die Familie mit zwei Kinder lebt im jüdischen Ritus. In aller Stille und Privatheit, jedenfalls nicht zu politischer Münze gemacht. Könnte das einen Anteil am Missfallen im linken Labour-Milieu gehabt haben? Ich frage für einen Freund.

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BRECHTSCHER FRÜHSPORT.

Idylle eines Sommermorgens mit Blick in den Garten majestätischer Bäume und satten Grüns, dann auf einen malerischen See, zwei Segel, Enten ein einzelner Schwimmer und ein Kuckuck.

Der Blick streift die weißen Pylonen des Hauses, hinter ihnen hundertjährige Eichen. Da stellt sich der Naive die Frage, ob nicht schon die Vorliebe der Griechen für Säulen eigentlich eine Verehrung des runden Stammes der Waldgesellen war. Schließlich simulierten sie die ebenmäßigen Pylonen aus Steinquadern, die sie dann rundschliffen. Auch das Heim der Athene, Lieblingstochter der Zeus, war ein Säulenhain. Nicht Quader, runde Steinstämme. Der erhabene Baum als Archetyp.

Weiteres von Römern. Die Jungs haben sich halt Zeit genommen, ewig war ihre Stadt ja eh. Sie unterpflanzten die behäbigen Eichen mit schnell wucherndem Laub, um so zügigeres Wachstum zu erzeugen, vor allem aber geraderes. Schließlich sollten es die Kiele großer Kriegsschiffe geben. Wo man Aufscherung der Stämme brauchte, Gestalten nach dem Ypsilon, pflegte man solche Neigungen der Natur ein, zwei Menschengenerationen mit scharfer Schere und gab sie dann als massives Bauteil in den Schiffbau. Navigare necesse est. Schiffen tut not.

Jetzt zur Idylle am Scharmützelsee, dem Davos des Ostens. Die Russen hatten, da die hier noch lagen, das für die Eingeborenen gesperrt. Er war rigoros der Iwan, doof war er nicht. Vorher hatte hier die Nomenklatura der DDR-Sommerfrische geübt. Der Alte war auch hier. Ich erinnere seine Liste der Vergnügen am Morgen. Es grüßt sein Nachgeborener.

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KING OF SATIRE.

Jeremy Clarkson hat es zu Weltruhm gebracht, indem er schlechtes Benehmen zeigte, unverschämt war, auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschreckte und in allem einem pubertantem Männlichkeitskult folgte. Er war sarkastischer Autor von sogenannten Meinungskolumnen, Autotester der BBC mit dem erfolgreichsten TV-Format aller Zeiten, Protagonist und Produzent eines Farmer-Story in Wales. Immer mischte sich Kritik mit Klamauk, Motorjournalismus mit Comedy. Ich habe ihn gekannt, weil ich damals für einen großen Autohersteller arbeitete und um sein Wohlwollen bemüht war.

Mit den besten Empfehlungen ausgestattet näherte ich mich ihm, nur um zu erfahren, dass er mich, den Deutschen, gegenüber Dritten als „Nazi prat“ adressierte. Er sah das als sein Recht an und ich winkte es kommentarlos durch. Danach war Ruhe. Man muss die Grundregel verstanden haben: Lieber einen guten Freund verloren, als einen Gag ausgelassen. Leute zu beleidigen ist ein Geschäft, nichts Persönliches…

Jetzt hat er Prostata-Krebs und macht daraus eine große Nummer. So wie ich seinerzeit nicht zu beleidigen war, bin ich jetzt frei von Rachegelüsten; ich werde das nicht kommentieren und beobachte seine larmoyante Inszenierung der Remission mit Mitgefühl und Entsetzen darüber, wie man selbst aus dem nahen Tod eine Comedy machen kann. Möge der Herr gnädig sein und ihm einen weiteren Triumph gönnen; im Himmel kann er mit dem Arsch eh nix anfangen.

Jetzt warum ich ihn liebe. Nie hat er eines meiner Autos zerrissen. Nicht eines. Aber es gibt einen verbotenen TV-Beitrag für TopGear, wo er einen in England zusammengewichsten Schlitten aus US of A in den Hof einer Farm fährt, das Schiebedach öffnet, mit dem Gülle-Trecker vorfährt und die Karre durch’s geöffnete Schiebedach vollständig mit Gülle volllaufen lässt. Er fand den halt Scheiße. War diskriminierend, deshalb zurecht verboten, aber ein sehr großes Vergnügen.

Wer so was als King of Satire kann, sollte nicht im Alter zu Demut gezwungen werden. Lieber Gott, winke ihn durch.

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MUTMASSUNGEN ÜBER JAKOB.

Es gibt in Berlin diesen Verkäufer der Obdachlosenzeitung, der mir so vertraut ist, dass ich ihn nicht Penner nennen möchte. Nennen wir ihn also Jakob. Gestern hat die FAZ ein kleines Porträt über ihn geschrieben, einen veritablen Runterläufer auf der Eins im Feuilleton. Jakob steht Tag aus, Tag ein, bei Wind und Wetter an der Einmündung der 17. Juni in den Ernst-Reuter-Platz und bietet an der Ampel diskret seine Zeitung an. Wenn er bettelt, so mit Zurückhaltung und einiger Würde. Den Kreisverkehr anfahrend kramen wir immer nach einem Fünfeuroschein. Man gibt immer. Das ist der geringste Anstand des Flaneurs.

Die FAZ erhebt ihn nun zum Thema und schreibt: „Er steht nicht vorwurfsvoll da, nicht wie jene stummen Abgesandten der „Zeugen Jehovas“, die in Bahnhofshallen und vor Einkaufszentren warten, um den an ihnen vorbeihastenden Menschen mahnende Blicke zuzuwerfen. Nein, dieser Mann ist kein Mahner. Er ist ein Hüter. Ein heimlicher Hirte jener so gefährdeten Her- de von Großstadtbewohnern, die meinen es sich leisten zu können, ohne Zusammenhang zusammenzuleben und nach keinen Gemeinsamkeiten mehr zu suchen. Nervös sitzen sie in ihren Autos, schauen nicht nach rechts, nicht nach links, wischen auf ihren Displays herum, flirten mit Siri – und wissen nichts mehr von ihren „kranken Nachbarn“. Zitat der FAZ unterbrochen.

Das Blatt macht Jakob zum Mythos, einem Gott des seelenlosen Asphalts, einem Hüter der Gesichtslosen. Da ist mir doch irdischer zu Mute. Ich sorge mich, will aber nicht indiskret sein. Ob er eine kleine Wohnung hat, zumindest eine sichere Schlafstelle? Das wär mir wichtig. Und vielleicht noch aus ganz alten Tagen ein Konto, wo er die gesammelten Groschen sicher wüsste. Ich kenne seine Stimme nicht, da er tonlos dankt, aber mir stets in die Augen blickt. Als er neulich fehlte, waren wir irritiert; hoffentlich nichts Schlimmes; Covid vielleicht.

Weiß er, dass wir, seine Stammkunden, wenn man das so nennen kann, über ihn schreiben? Würde ihm das gefallen oder nur verstören? Mutmaßungen über Jakob. Ich sehe ihn in getragener Kleidung, aber nicht zerlumpt; man darf vermuten, dass er bessere Tage gesehen hat. Solche Wahrnehmungen sind für jeden gestört, der weiß, wer Jonathan Jeremia Peachum ist, Inhaber der Firma „Bettlers Freund“. Das Kafkaeske der Situation liegt darin, dass man sich immer nur für den Augenblick einer Rotphase an dieser Ampel sieht und dann schon ärgerliches Hupen der Meute weitertreibt.

Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal den Kreisverkehr ganz zu umrunden, vor der TU zu parken und Jakob mit einem Becher Kaffee aufzusuchen; vielleicht redet er mit mir. Wenn er denn Deutsch spricht. Jedenfalls kriegt er immer den Fünfer. Manchmal frage ich mich, ob er mich wiedererkennt und was er wohl von dem Kautz in der Limousine hält.