Logbuch
EWIGER FRIEDEN.
Kriegsnachrichten aus dem Nahen Osten erreichen mich in Karlsbad im Böhmischen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Hotel IMPERIAL von einem Engländer gebaut, 1907 in Betrieb genommen. Eine Spekulation auf eine multikulturelle Blüte mit Heilwasser und Wandelhalle im Wunsch nach ewigen Frieden.
Ein Imperialismus eigener Art. Die Stadt hat eine große jüdische Tradition und eine deutsch-österreichische wie eine tschechische. Vielleicht keine Idylle, aber ein „locus amoenus“, ein lieblicher Ort. Ob dies eine saisonale Apartheid war oder ein Schmelztiegel, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Russen interessieren ohnehin später nur das Uran aus dem örtlichen Bergbau; ich trinke das radiumhaltige Heilwasser eh nicht.
Gründungsjahr 1907. Dann kam der Erste Weltkrieg („14/18“) und Österreich verlor Böhmen und Mähren. Dann der Zweite („39/45“) und Mitte der Fünfziger Jahre schrieb Brecht, der da schon einen Schweizer Pass hatte, sein Geld in Frankfurt/Main und in der DDR wohnte, sein Carthago-Gedicht: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“
Mich wundert die kontroverse Beurteilung des Krieges, den Israel gegen die HAMAS führt, nicht, allenfalls die Leichthändigkeit, mit der Urteile ausgesprochen werden; so jüngst von Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, der israelische Kriegsverbrechen tadelte. Dazu weiß ich zu wenig. Aber es fehlt mir schon die Äquidistanz zu den Kriegsparteien.
Karlsbad ist jetzt tschechisch; wer aus dem sächsischen Oberwiesenthal herüberfährt, trifft nicht mal auf einen Grenzposten. Man spricht tschechisch, deutsch oder englisch und zahlt in Kronen oder Euro und entdeckt, dass es aus dem Mährischen ganz ausgezeichnete Weine gibt. Es herrscht jener Frieden, der dem europäischen Gedanken geschuldet ist.
Ich gehöre zu der Generation, die es weise findet, dass mein Vaterland die Warnung Brechts befolgt hat.
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CHELSEA TRACTOR.
Auf dem Land ist ein Trecker des Mannes größter Stolz, vorzugsweise ein antikeres Modell, sauber restauriert. Mit dem Traktor fährt er nicht nur die Fuhre Mist auf den Acker, sondern auch zum Bäcker Brötchen holen. Der Freund des Diesels ergötzt sich am Tuckern der Maschine, der Sound eines Schiffsdiesels. Ein Jungs-Ding.
In den USA mag das der Pickup sein, man sieht ja die Navarros auch hierzulande. Bei uns ist es der Schlepper von Deutz. Ich geb zu, dass ich da nichts bäuerliches zu bieten habe. Allerdings ist ein T6 Doka Pritsche V6 Diesel kein ganz schlechter Ersatz. Jetzt aber lese ich in der TIMES vom CHELSEA TRACTOR, den junge Frauen der höheren Kreise, die als „posh“ bezeichnet werden, zu steuern suchen.
Gemeint ist damit ein Teil von Kensington, der seit dem 18. Jahrhundert Künstler anzog und als besonders hip gilt. Ich habe hier auf offener Straße Mick Jagger getroffen und Eric Clapton; letzterer grüßt verhalten; wir kennen uns, seit die Volkswagen Sound Foundation eine seiner Touren gesponsert hat. Es gibt hier einen Pizzaservice, der auch eine Mafiatorte mit dem Namen CHELSEA PRIDE anbietet, die 50 Schleifen kostet, weil unter dem Karton ein Briefchen mit bolivianischem Marschierpulver klebt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Hier fahren zierliche junge Damen mit sehr hochhackigen Pumps hochgebockte Limousinen, die im Fahrwerk der Vorstellung eines Geländewagens entsprechen, aber eigentlich fahrende Wohnzimmer sind. Es hat sich der amerikanische Begriff des SUV auch bei uns eingebürgert, obwohl er völlig fehlleitend ist, ein Nutzfahrzeug für Sportgeräte ist er nämlich eher nicht, der CHELSEA TRACTOR.
Wir reden über einen Trend: es laufen im Automarkt vor allem Verbrenner und zwar als SUV. Der Zeitgeist findet das unangebracht, aber Otto Normalverbraucher kauft den Tiguan, weil er wie der Touareg aussieht. Der Kern ist die Sitzposition. Man gleitet nicht mehr unter Kniehöhe, um fast liegend zu fahren, man will auf den Hochsitz. Erhabenheit, das vermittelt der Hochgebockte. Der Trend wird anhalten.
Wie gesagt, das gefällt dem Zeitgeist nicht, aber dieser grüne Kollege wohnt ohnehin nicht in Kensington. In deutschen Gefilden fährt er, respektive sie, also die als Frau gelesene Person, ein wokes Lastenfahrrad holländischer Provenienz, ein Gerät von der Grazie einer betagten Schubkarre für den Mist. Nicht mein Ding.
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DER GUTE RUF.
Oft gelingt es mir, sie zu vergrätzen, die elenden Tauben, die unter meinem Schlafzimmerfenster gurren, aber nicht immer. Gestern sehe ich, dass es ihnen während meiner Abwesenheit wieder gelungen ist, dort ein Nest zu bauen. Tauben können zur Plage werden. Der mit den Vögeln übersäte Markusplatz in Venedig ist nur für Laien ein Friedenssymbol. Eigentlich sind es fliegende Ratten.
Die Population richtet sich nach der Ernährungslage; werden sie also auch noch gefüttert, nehmen sie schnell überhand. Die Verkotung ganzer Gebäude die Folge. Spatzen sind mir lieber. Ich füttere sie auf dem Land mit Sonnenblumenkernen, was nicht auch noch den Marder anlockt, aber ein nettes Schauspiel abgibt. In der Großen Stadt machen mir dann noch die schwarzen Gesellen Freude, Raben oder Krähen. Sie gelten als die Intelligenzler unter den gefiederten Genossen, die krächzenden Schwarzkittel.
Die farbenfrohe Elster dagegen hat ein Imageproblem; man nennt sie die diebische. Es wird ihr der Raub von Goldschmuck unterstellt. Sie galt schon immer als Galgenvogel und Todesbotin. Die Elster wurde beobachtet, wie sie sich von Aas ernährt, und obendrein ihre Beute sehr trickreich versteckte; eine Kombination, die sie imagetechnisch zum Pechvogel, zur Botin des Bösen machte. Raffinesse nützt nicht in den Augen der tumben Gesellen.
Die Taube dagegen im Image auf der Gewinnerstraße. Liebessymbol wurde das gurrende Täubchen, Ausdruck von Frieden und schließlich gar christliche Metapher für den Heiligen Geist. Mehr geht nicht, wenn Du eigentlich eine fliegende Ratte bist. Die Elster ist vor allem im Verschiss, weil sie Nesträuber ist; man hatte beobachtet, wie sie aus den Nestern der guten Vögel die Gelege stiehlt, um sich daran zu laben. Vergessen wir mal, was wir zu Ostern so anstellen oder zum Frühstück, und sagen: Das geht ja nicht! Man frisst doch nicht anderer Leute Kinder.
Heute morgen, ich hole die Zeitung rein, scheuche ich unfreiwillig die Täubin auf, zeternd verlässt sie das Nest, und ich sehe: Sie brütet. Zwei Eier im Nest. Damit ist es zu spät, sich des Nestes zu entledigen. Wir lassen sie ausbrüten. Schließlich bin ich vielleicht ein Rabenvater, aber sicher keine Elster.
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GRÄSER DES GRAUENS.
Aus meiner Zeit, da ich in der schwäbischen Energiewirtschaft zu tun hatte, erinnere ich den Begriff der Kehrwoche. Dem Calvinisten klingt darin auch ein religiöser Inhalt, der der Umkehr. Jedenfalls bedeutet er einen Kampf gegen das Böse vor der eigenen Tür, das zur Vernichtung ansteht. Der Bürgersteig wird gekehrt, bis er kein Blatt mehr trägt, insbesondere keinen Grashalm.
Die Unkrautvernichtung ist nicht nur eine lästige Pflicht; sie wird mit Inbrunst ausgeführt. Auch im Westerwald sehe ich sie kniend auf den Gehsteigen mit scharfem Metall die Fugen auskratzen. Es scheint eine strafbewehrte Pflicht, hier jede Natur zu tilgen. Man sieht auch aufgerüstete Kämpfer gegen die Gräser des Grauens: Gas kommt zum Einsatz. Rote Flaschen werden auf kleinen Karren bewegt und befeuern Flammenwerfer. Von manchem Heckenbrand wird berichtet, ein Kollateralschaden. Aber auf Einzelschicksale, da kann keine Rücksicht genommen werden.
In den Vorgärten des Grauens scheint der grüne Feind endgültig vernichtet. Der Boden wurde mit einer Folie isoliert und Schotter überlagert. Trotz aller Kritik zum Thema Flächenversiegelung sieht man diese monströs hässlichen Vorgärten allenthalben. Es muss eine tiefe innere Befriedigung sein, die den Unkrautvernichter erfüllt, wenn er diesen Asphaltirrsinn geradezu glückselig demonstriert.
Das sind jene Bauherren, die ihre Häuser in Wärmedämmung ersticken und mit Plastik verkleiden, das natürlichen Baustoffen ähneln soll; in Wirklichkeit aber den Bau von innen vermodern lässt und mit Schimmel erfüllt. Das rettet dann auch die Wärmepumpe nicht mehr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Pflugscharen zu Schwertern! So die Philosophische Losung der Bordsteinmilitärs. Man kratzt die Ritzen aus, bis der Beton glänzt. Dann gibt es noch die mit der chemischen Keule. Die Braven nehmen aus dem Giftschrank des Gartencenters „Round-up“, sprich Glyphosat. Bayer sagt, das ist nicht so krebserzeugend, wie man meint. Aber hier gibt es auch härtere Kämpfer, die sich mit asiatischen Mitteln aus dem Internet versorgen. Es wird dämonisches Pflanzengift versprüht; da wäre selbst der Südtiroler neidisch, der das notorisch seinen Äpfeln antut.
Wer das Glück hat, in der Nähe zu einer osteuropäischen Grenze zu wohnen, bringt sich was aus dem Vietnamesischen Markt mit, wenn er dort ohnehin billig tankt, Ziegen holt und Christel. Da war das sprichwörtliche Entlaubungsmittel des US-Militärs harmlos gegen; Agent Orange genannt. Geht es wieder um Krieg? Um Vernichtung des Bösen? Jetzt auf dem heimischen Trottoir? Ja.