Logbuch
Hass, Zorn, Streit, Rechthaben, Gewinnen müssen, Vernichten wollen... all das nennen die alten Griechen THYMOS. Es ist das gegnerische Prinzip von EROS, der Zuwendung, Liebe, Mitleidensfähigkeit. Zorn trieb schon die Helden der Ilias. Was mich an der Binnenkultur von TWITTER so abstößt, ist diese thymotische Subkultur der gegenseitigen Vernichtung. Ein unbedingter Wille zur Denunziation treibt Horden von Anonymen dazu, aus nichtigen Anlässen aufeinander Hetzjagden zu veranstalten. Ein jakobinisches Milieu. Weil der THYMOS Feinde braucht, wie die Luft zum Atmen, schafft er sie sich mit geradezu zwanghafter Anstrengung. Es werden all überall neue Tatbestände für Todesurteile erfunden. So hörte ich über einen Kabarettisten, er habe wiederholt den Klimawandel verharmlost. Man stelle sich vor, er hat Witze über die grüne Hysterie gemacht. Damit ist der Mann natürlich geliefert. Oder in der SPD sollen gerade jene ausgeschlossen werden, die sich abfällig über die Frau mit dem bösen Mund äußern. Der Ton der Kritiker der Kritiker ist stalinistisch. Neue Kainsmale entstehen; so ist jemand, der wahrnehmbar schlechten Journalismus in den Öffentlich-Rechtlichen kritisiert, ziemlich sicher ein Faschist, jedenfalls dann, wenn er auch noch das Wort Zwangsgebühren sagt. Daran erkenne man das, lerne ich. Die Inquisition hat so ihre Erfahrungen damit, woran man den Leibhaftigen erkennt. Was am rechten Rand so alles an Diskreditierung geschieht, nehme ich nicht wahr, es muss aber gruselig sein. Die Welt mit Furor in Schwarz und Weiß teilen, um das eigene Grau gänzlich zu leugnen und das Grau der anderen der Verdammnis anheimstellen zu können. Auf Twitter immer und überall, jedenfalls bei einigen und oft. Frage: Verhärtet das nicht die Seele? Verkürzt es nicht den Verstand? Verlässt man am Ende nicht die Vernunft? Man verliert doch jedes Maß. Auch der Hass, soll Brecht, der große Freund der Freundlichkeit, gesagt haben, verzerrt die Züge.
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Wie knackt man tierisches Eiweiß? Lese bei Levi-Strauss, dass man das Beutetier kochen, sotten oder rösten kann. Zum Verfaulenlassen ist wegen Botox nicht so zu raten. Wenn also Aas ausscheidet, das Sotten ewig dauert, bliebe nur Tafelspitz oder Steak. Langweilig. Was ist aus dem guten alten Rollbraten geworden? Oder Rostbraten? Oder der Aschebraten, der unvergleichliche? Kalbsnierenbraten! Wie atavistisch ist es, ein Ferkel aufzuspießen oder ein Lamm in den Topf zu stecken? Aber deshalb ein Gemüsedöner? Echt?
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Mir san voll, voll sammer.
Das war früher der Befreiungsschrei des Blattmachers in einer süddeutschen Tageszeitung, wenn es keiner weiteren Themen bedurfte. Gelegentlich ergänzt durch die Aufforderung, in der nahen Gastwirtschaft ein Bier zu nehmen: „Genmer in den Hacker!“ Heutzutage ist das Blatt dünn geworden, erschreckend dünn. Aber nicht weniger ist passiert „in derer Welt“, sondern die Werbung fehlt. Aber man tut weiter so, als gebe es kein neues Paradigma. Auch so eine Paradoxie des Journalismus: die Ökonomie, namentlich die Industrie, tief verachtend, von ihr leben zu müssen. Werbung, separat im Blatt, gerade noch tolerierend, ansonsten jede redaktionelle Handreichung zurückweisend. Das hat ja schon seinen historischen Sinn. Aber ein Stolz, den man sich leisten können muss.
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LOW TECH & NO BRAINER.
Wenn ein Auto noch so ganz im Mechanischen verhaftet war, man es also mit Schraubenschlüsseln reparieren konnte, nannte es mein seinerzeitiger Chef: „no-brainer.“ Etwas ohne Hirn? Ein Lob! Er sagte das mit Respekt, nicht mit Verachtung. Für die wirklichen Experten ist weniger Tüftlertechnik und weniger Elektronikscheiss schlicht mehr. Siehe Uhren, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich kam gestern auf der A7 an Kassel-Calden vorbei; erinnert mich an den dortigen Feldflughafen. Hier hatte ich mal eine Notlandung. Wir kamen aus Gstaad im Berner Oberland, wo die Düsenflugzeuge ungern runtergingen und hatten deshalb einen zweimotorigen Propeller bestellt. Über Nordhessen wachte ich plötzlich wegen Hektik im Cockpit auf und sah durch mein Fensterchen einen der Motoren ausgefallen: Propeller starr, Segelstellung. Der Copilot kniete im Vorraum des Cockpits und durchblätterte einen Ordner, in hektischer Suche nach einem bestimmten Formblatt, das jetzt auszufüllen war. Hmmm. Ich wurde damit getröstet, dass, wenn ich eine Düse genommen hätte, und diese dann ausgefallen, wir jetzt alle schon hinüber wären. Proper der Propeller, bleibt selbst wenn einmotorig noch oben. Im Anflug Feuerwehr auf der Landebahn, großes Besteck. Geglückte Notlandung. Raus vors Terminal. Ein einziges Taxi, Fahrer ist erst noch zu wecken . Innen Pumakäfig. Und dann, jetzt kommt es, in diesem ausgelutschten Opel-Taxi mit übernächtigtem Fahrer von Kassel nach Berlin. Das war mit einiger Sicherheit der gefährlichere Teil dieser kleinen Reise.