Logbuch
SCHULERINNERUNG.
Ich hatte das Privileg, ein liberal geführtes Gymnasium zu besuchen, in dem der Geist der „libertas bavariae“ herrschte, unter anderem weil ein allseits geschätzter Pauker von der „Münchner Lach- und Schiessgesellschaft“ kam, dem damals führenden politischen Kabarett. Das andere Bayern. Klar weiß ich seinen Namen noch. Er steht mir vor Augen.
Und es gab in Kollegium den schneidigen alten Kameraden, der seine Wut auf die Linke, namentlich die ApO, in den Unterricht fließen ließ. Seine Klassenarbeiten waren regelmäßig Agitationsstücke. Ich weiß seinen Namen noch und sein Motto: „Tue recht und scheue niemand.“ Dabei die Hacken zusammenschlagend.
Wir wollten den Reaktionär in der Schülerzeitung vorführen; es fehlte mir aber an journalistischem Geschick. Da half mir ein dritter Pauker; das durfte natürlich niemand erfahren. Dessen Namen und alle Umstände erinnere ich sehr gut. Aber ich halte die Klappe. Ein publizistisches Schlitzohr war geboren. Mein erstes investigatives Stück war, obwohl von mir gezeichnet, gar nicht von mir.
Das alles ist mehr als 50 Jahre her. Die aktuellen Erinnerungslücken niederbayrischer brauner Buben beziehen sich auf eine Frist von 36 Jahren. Ich schenke dem keinen Glauben. Und ich weiß, wes Geistes Kind jene sind, die ihre rechtsextreme Agitation mit „Recht tun und niemanden scheuen“ begründen. „Weitermachen, keine Meldung!“
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REDE AN MEINE BÄUME.
In diesem Jahr muss ich Euch loben. Ich sehe zwar an der alten Kirsche und der jungen Birne schon braune Blätter. Aber im Wuchs haben alle sehr gut zugelegt, selbst der einst verfrorene Ahorn findet ins Leben zurück.
Sonderlob für die Walnuss, eine prächtige Krone, massiver Stamm. Außer Konkurrenz wie immer die neun Ginkgos. Der nasse Frühsommer und die folgende Hitze habt Ihr genutzt; zurückhaltend, aber deutlich. Ihr seid keine lauten Pflanzen, auf Euch ruht das Wissen der Erdgeschichte.
Anmerkung: 150 Millionen Jahre alt ist der Ginkgo ein „lebendes Fossil“ im Sinne des Charles Darwin. Die Dinosaurier hat der Klimawandel geholt, den Ginkgo nicht. Übrigens bilden sich lebende Fossilien im auskömmlichen Habitat, in dem ihnen keine Fressfeinde zu Leibe rücken. Allerdings gibt es dann auch keine Evolution, sprich keinen Fortschritt. Gilt auch für die Säugetiere; manches lebende Fossil. Hauptargument gegen den Sozialstaat.
Zurück: die Eiben lobe ich, weil dem Fremden giftig. Zur Lärche sage ich mal nix, wächst wie blöd, steht aber unter persönlichem Schutz der Dame des Hauses. Und die Magnolie ist eine eitle Sau. So das wär es, verehrte Bäume. Die Nichtgenannten mögen sich bitte ihren Teil denken.
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IDYLLEN.
Zur nachhaltigsten Idylle meiner Kindheit gehört das Örtchen Aschau im Chiemgau. Wir hatten ein Zimmer mit Frühstück und den unverstellten Blick auf die Kampenwand, eine Art örtlicher Alpen. In dem Bauernhaus der Familie Wörndl floss ein Bach durch den Keller, was mich, den Buben aus der Industriestadt, endlos faszinierte. Locus amoenus bavariae.
Dann wurde das Idyll ein kleiner Hafen im Bristol Channel, Wales zugewandt mit dramatischer Steilküste. Lynmouth in N. Devon. Wasserbahn hoch nach Linton. Ein Badehotel unter Leitung des fabelhaften Mister D. und in der Nähe das Jagdhaus namens Watersmeet. Country living, very nice.
Jetzt lese ich, dass in Lynmouth die traditionellen Schwimmmeisterschaften in der See gerade abgesagt wurden, da das Hafenbecken mit dem Inhalt des Klärwerkes gefüllt war. Und in Aschau begrüßte Herr Aiwanger seine Wähler als die „Partei des gesunden Menschenverstandes“. Zwei Unfälle, ein Unglück.
Mal sehen, ob das Elsass am Hochrhein die neue Idylle werden kann. Land, Leute, Küche und Keller sprechen dafür. Allerdings hat Marine Le Pen hier 30 Prozent. Ich werde berichten.
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SCHWARZ-GRÜN.
Zu den Vorurteilen, mit denen ich groß geworden bin, gehört jenes, nach dem der hässliche Deutsche Ösi ist. Das war natürlich nicht gerecht, aber es amüsierte mich und reagierte auf einen Schrecken. Ich hörte im Wiener Kaffeehaus Sprüche zu jener Melange aus Rechtem, Reaktionären und Judenfeindlichkeit, die mich prinzipiell schrecken. Dass sich diese Herrschaften „freiheitlich“ nennen, kann mich nicht täuschen; sie sind nichts weniger als das.
Das Liberale hat nun wahrlich keine Heimat im schwarzbraunen Milieu, das sich blau nennt. Das Liberale als Refugium des Individuums ist ohnehin eher selten geworden. Stattdessen gewöhnen wir uns europaweit, wenn nicht im gesamten Westen, an ein gutes Drittel für die Damen Le Pen, Meloni und Weigel. Bei den Ösis sind die blauen Reaktionäre neuerdings stärkste Fraktion der Nation.
Gleichzeitig haben sich die Sozialdemokraten und die Freidemokraten in meinem Vaterland marginalisiert; beides nur noch Episoden, die ihren angestammten Wählern nichts mehr sagen. Auf dem Land schließt das die Grünen ein. Was mal als Horte sozialliberaler Werte galt, ist jedes für sich eine leere Hülle. Fast die Hälfte der Wähler votierte früher mal hier, wenn nicht eine klare Mehrheit, wo heute zwischen 1 und 15% oszilliert wird. Wenn es das Liberale noch im Sinne der alten Euphorie gibt, hier wohnt es nicht mehr in der Beletage.
In das Haus der Demokratie ziehen neue Mieter. Ich wage einen Gedanken. Wenn die Grünen den Schwarzen das Reaktionäre abgewöhnen könnten und die Schwarzen den Grünen das Totalitäre, wäre dann mit Schwarzgrün eine halbwegs liberale Republik möglich? Dass jemand meiner biographischen Zurichtung eine solche Frage überhaupt wagt, ist schon überraschend; jedenfalls für mich selbst.
Und ich will einräumen, dass es ein Killerargument gibt, mindestens eines. Dies soll schon ein Plan von Merkel und Trittin gewesen sein. Dazu merke ich an, dass die Merkelsche Permissivität im Eregnis reaktionär war und der Trittin immer totalitär. Kann gelingen, was Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein politisch in ihren schwarzgrünen Kabinetten erproben? Bayern sagt nein. Alle Fragen also offen.