Logbuch

HAUTE CUISINE.

Die Preise in der Spitzengastronomie sind völlig albern. Niemand, der bei Verstand ist, zahlt das. Aber mein Freund Kurt, der schwärmt so von seiner Frankreichreise, da habe ich jetzt mal was nachgekocht aus der HOHEN KÜCHE. Eine Art „chicken nuggets“, Hühnerklein.

Wir bereiten ein junges Hühnchen aus der Bresse, Frankreich, in einer Schweinsblase nach der Art des großen Paul Bocuse. Das Poulet sollte seine blauen Beinchen noch haben und den weißen Hals wie die rote Brust, der Tricolore entsprechend, den Nationalfarben des Franzosen. Gegart wird es im Sud unterhalb der Kochgrenze für vier bis sechs Stunden.

Wichtig ist die Vorbereitung. Man schiebe unter die Haut weißen Trüffel in nicht zu dünnen Scheiben. Das Innere füllt sich mit Gänsestoffleber und wildem Thymian. Man reibe die Haut mit Rum ab und nähe das Geflügel als Ganzes in eine Kalbsblase ein. Bei kleineren Vögeln tut es auch die vom Schwein.

Serviert wird der gesimmerte Ballon als Ganzes und am Tisch mit großem Schnitt in einem tiefen Teller geöffnet. Die Suppe ergießt sich und der Raum ist von Trüffelduft erfüllt. Das Poulet fällt matt freiwillig vom Knochen. Herrlich.

Bei Bocuse kostet das achtgängige Menü 370€, mit Weinbegleitung 670€, das Poulet en vessie als einzelner Gang 250€. Nachgekocht habe ich es für 38€. Dazu einen Macon blanc zu 18€, halb ausgetrunken.

Die Blase isst man nicht mit. Morgen wieder Pasta.

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DAS FREMDE.

Sie sah aus, als sei ihr der Leibhaftige erschienen. Ich fuhr mit der sehr geschätzten Barbara Baerns in einem Aufzug an der Freien Universität Berlin und plapperte irgendwas Theoretisches. Sie stutze: „Wir reden aber jetzt nicht über KYBERNETIK?“ Frau Professor ging in Abwehrstellung. Ich hatte wirklich nur geplaudert.

Jahre später an der Gutenbergischen Uni zu Mainz. Ein sehr geschätzter Professor aus der italienischen Schweiz, Stephan Russ-Mohl, hatte einen seiner Postdocs mitgebracht, den ich ganz gegen meinen Vorsatz empörte. Auf irgendeinen Gedanken aus dem französischen Strukturalismus, einen abgegriffenen Gedanken, der längst bessere Tage gesehen hatte, brach es aus ihm heraus: „Das ist französisch!“ Er sagte das so, wie man früher die Syphilis die französische Krankheit nannte. Ups.

In meinem Fach, der Publizistik, ging es für meine Begriffe eigentlich immer eher gemächlich zu, außer es drangen gelegentlich fremde Diskurse ein, kybernetische oder französische; dann kam es zu Immunreaktionen. Die allgemein verbindliche Alltagshermeneutik reagiert in solchen Fällen mit Versuchen der Verlächerlichung des Fremden. Das wird demnächst in einer „Festschrift“ Thema sein, die zu meinem Siebzigsten von zwei hochzulobenden Professoren herausgegeben wird. Sapienti sat.

Dort ist von einer Abstoßung des Fremden die Rede, die der Leipziger Professor Günter Bentele, also die Nachfolgegeneration an PR-Professoren zu den Vorbenannten, an seinem Kollegen Klaus Merten aus Münster vorgenommen hat. Er hat ihn öffentlich bezichtigt, „bullshit“ zu lehren. Eine Farce, die, wollte man übertreiben, mit der Schelte an Kopernikus oder Einstein vergleichen könnte, aber wir haben es auch eine Nummer kleiner: Das war ein Spiegelkonflikt zu dem Disput von Jürgen Habermas (Frankfurter Schule) mit dem Bielefelder Niklas Luhmann, der sogenannten Systemtheorie-Streit. Luhmann war der Exot. Bielefeld gibt es seither gar nicht.

In meiner Jugend erschien der Leibhaftige, wenn man Marx zitieren konnte oder Freud. Nur aus dem Grund habe ich die Jungs gelesen. Immer ein Ass im Ärmel.

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ZWEIFEL.

Ich summe einen Ohrwurm und weiß nicht warum: „Living next door to Alice…“ Das muss fast vierzig Jahre alt sein. Heute lebt man neben Alexa. Auch eine unerreichbare Schönheit. „Who the fuck is Alice?“ Oder eben Alexa. Die neuen Konversationsautomaten erkennen jetzt auch Gefühle, lese ich im Netz. Ich bin tief unbeeindruckt. Zurück zur Wissenschaft.

Als der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann 1994 einen kleinen Vortrag zum Wesen der MASSENMEDIEN halten sollte, muss er zuvor eine Aufführung von Shakespeares Hamlet gesehen haben. Ich stelle mir vor, wie er mit dem Bus von Oerlinghausen in die Innenstadt fuhr und im Stadttheater saß, amüsiert über Horatio, den Diener Hamlets. In der Pause machte er sich im Foyer eine Notiz.

Der Luhmannsche Vortrag beruht auf der These, dass alles, was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt wissen, in der wir leben, wir durch die Massenmedien wissen. Darin liegt eine bewusste Verkürzung, die man seinem Wissenschaftshumor zurechnen kann. Und eine höhere Wahrheit; dreißig Jahre später umso mehr. Das kleine Scheißding aus Kalifornien bestimmt unsere Weltsicht. Und ob das die ganze Wirklichkeit ist, die TikTok für uns inszeniert, da ist jeder Zweifel berechtigt.

Horatio sagt also: „So I have heard and do in part believe it!“ Alles ist Hörensagen und wir werden einen Zweifel darüber, wie weit dies stimmt, nicht los. Übrigens ist das keine kritische Haltung besserer Kreise (etwa von Professoren aus Oerlinghausen), sondern auch dem BILD-Leser wie dem TikToker präsent. Ein guter Teil des Amüsements besteht ja darin, dass die Mitteilung überspitzt ist, wenn nicht schlank erlogen. Wer sich an Sensationen selektieren will, der ist großzügig, was den Wahrheitsgehalt angeht. Und um Wirklichkeit geht es nie.

Man kann schlecht auf einen Witz hin fragen, ob er denn stimme. Man erkundigt sich nach der Mitteilung „Kommt eine Frau beim Arzt“ nicht danach, um welche Kassenarztpraxis es dabei gehe. Schon die Zuhörer des blinden Sängers Homer hatten Zweifel, ob Odysseus wirklich so tapfer war, wie das Lied es ausmalt. Nein, Harry Potter beruht nicht auf wahren Ereignissen, da hat Markus Krebs eben leider recht.

Bei den Verkürzungen des Soziologen Luhmann, den viele für völlig unlesbar halten, handelt es sich oft um Einsichten, die für den Alltagsverstand erst ein Vierteljahrhundert nach deren Erstveröffentlichung wahr werden. Das Internet beweist die Systemtheorie, weil es ein kybernetisches Universum ist, das nur so aussieht als handle es sich um menschliche Kommunikation. Wir müssen jetzt ganz stark sein: Alexa wohnt nicht nebenan. So I‘ve heard and do in part believe it.

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FUSSECK.

Aus dem rüden englischen Fabrikfussball der dortigen Rüstungsindustrie entwickelte sich eine kultiviertere Form dieses Mannschaftsspiels in Deutschland, nämlich der Rasenballsport. Er kommt ohne das ansonsten ja uferlose Marketing, sprich ohne jegliche Werbung aus.

Ich habe keine Ahnung von Fußball. Trotzdem merke ich in Leipzig, Sachsen, an, dass mir der örtliche Fusseck-Verein österreichisch inspiriert erscheint. Von einem einschlägigen Rechtspopulisten aus Salzburg. Ich erwähne beiläufig ein mir erinnerliches derartiges Gerücht. Und das in einer Vatertagsgruppe mit Vorsprung. Freunde, da war was los.

Also, die mit zwei roten Ochsen bebilderte Truppe im Stadion des Rasenballsports zu Leipzig geht dem Rasenballsport absolut AUTHENTISCH nach; hier spielen nur Sachsen und zwar solche aus der Stadt des Rasenballsports. Keine aus Dresden. Insofern sei das, lerne ich, mit BAYERN LEVERKUSEN vergleichbar. Ich dachte zwar, die Münchner hießen 1860; aber wer will sich schon mit angetrunkenen Fans streiten? Auf Vatertag. Zudem habe ich von Fußball eigentlich keine Ahnung.

Als ich aus beruflichen Gründen noch einen anderen authentischen Verein zu besuchen hatte (ich war in meinem Leben nur zweimal in einem Rasenballstadion), hatte mir meine damalige Sekretärin in meinen Tagesterminplan für die zweite Halbzeit geschrieben: „Achtung. VfL spielt jetzt auf das andere Tor!“ Sie wollte verhindern, dass ich wegen spontaner, aber falscher Begeisterung tot im Wolfsburger Kanal lande. Das andere Mal war ich bei Bayern Leverkusen, die in der Nähe von Köln spielten.

Und traf eine viril wirkende Dame namens Tante Käthe in der sogenannten VIP-Lounge, über die mir allen Ernstes erzählt wurde, dass ihr lockiges Haar darauf zurückzuführen sei, dass ihr gegnerische Spieler Speichel zur Verfügung stellen. Man nennt das „holländische Minipli“ im Rasenballsport, erzählt man mir. „Dauerwelle versus Minipli“: Ist das nicht ein Lied von den ÄRZTEN? Man könne aber auch drei Weizenbier trinken. Tja, die Bayern in Leverkusen; ich weiß nicht. Also, man sollte auch nicht alles glauben, was im Rasenballsport so erzählt wird.