Logbuch
MELONI ATTENZIONE.
Wie man seine Dichter und Denker ehrt, oder nicht. Man kann ja nicht jedermann reinlassen in die Hochkultur. Auch bei UMBERTO ECO gibt es Zweifel. Er hat zeitlebens eine Feindschaft zu Berlusconi gepflegt. Das vergessen die jetzt in Italien Regierenden nicht, der Herkunft nach Faschisten.
In der Diskussion um den präsumptuösen Vorlass der privaten Tagebücher des MARTIN JOHANNES WALSER an das Archiv in Marbach werde ich drauf hingewiesen, dass HANS MAGNUS ENZENSBERGER seine Unterlagen auch dorthin gegeben habe. Das war mir nach meinem Besuch in seinem norwegischen Sommerhaus (es gab Fischpudding) nicht unbekannt. Auf einen Vergleich der beiden lasse ich mich nicht ein. Nur soviel: ENZENSBERGER jedenfalls trug seinen zweiten Vornamen zu Recht.
Zum aktuellen Fall. Die private Bibliothek von UMBERTO ECO umfasste rund 30.000 Bände, die seine Erben posthum der öffentlichen Hand übergaben. Der Bau eines Gebäudes zur Ehrung dessen steht aus. Aber es wird angeblich katalogisiert.
Ich habe auch Zweifel am Bestandsverzeichnis. Nicht nur wegen des umstrittenen Frühwerks (eine Fälschung). Als ich seinerzeit den Primitivo mit Eco aus Plastikbechern auf seiner Bibliotheksleiter verköstigt habe und er zur Toilette ging, habe ich zwei meiner Bücher ins Regal geschoben. Reingeschmuggelt. Beide unter alten Pseudonymen erschienen. Jetzt warte ich, wann sie im Bestand erscheinen. Oder eben nicht. Die Meloni soll aufpassen!
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EIN X FÜR EIN U.
Twitter erscheint seit heute Morgen als X, unter neuem Namen. Ein Eingriff des Verlegers; Elon Musk räuspert sich. Dessen Eingriffe ändern nichts daran, dass Twitter das erfolgreichste Medium der freien Publizistik ist. Eine Säule der deliberativen Demokratie. Gerne lasse ich mir ein X für ein U vormachen.
Die große Hoffnung der Demokratie schien Habermas der herrschaftsfreie Dialog der Bürger, aller Bürger, zur möglichst sanktionsfreien Meinungsbildung. Dies sollte nicht nur ein Privileg von Eliten sein, die sich als Verleger Zeitungen kaufen konnten, sondern aller aufgeklärten Menschen, die Kant euphemistisch „die Leser“ genannt hat. Ja, Twitter ist ein Medium massenhafter Aufklärung, mit einer historisch noch nie da gewesenen Breite und Tiefe.
Wo allgemeiner Gebrauch möglich, ist Missbrauch nicht ausgeschlossen. Die Aufklärung gebiert Gegenaufklärung. Das kostenlose Urteil von jedermann nutzen dann auch die Dummen und die Bösen. Wer das übersieht, ist ein Idiot. Aber der allfällige Hang von Querdenkern und Propagandisten zur Desinformation hat nicht verhindern können, dass sich eine Weltgemeinschaft der Vernünftigen hier verständigte. Kant hätte gejubelt; Habermas ist dazu zu altersdumm.
Natürlich sehe ich das oligarchische Wirken der globalen Potentaten aus SILICON VALLEY mit großer Skepsis. Ich folge Herrn Musk nicht; nicht in den Weltraum oder auch nur in diese batteriebetriebenen Schüsseln. Daran, dass er aber der Gutenberg unserer Tage ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Ich gratuliere X zur Taufe.
Ich betrachte X mit jenem Argwohn, den Journalisten schon immer gegenüber Verlegern hatten. Kennen Sie den? Alter Journalistenwitz: Stalin kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein; er hat in seiner Jugend einen Verleger umgebracht.
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ABFALL.
Debatte darüber, ob die Vollverkleidung von Frauen in der Öffentlichkeit dem Vermummungsverbot widerspricht. Boris Johnson hat sie mal „letter boxes“ genannt. Darf ich den Sikh vom Lieferdienst ein „towelhead“ nennen? Sind solche Spitznamen zulässig? Wie weit darf die Ironisierung gehen?
Abfällige Rede ist ein Teil jener gesellschaftlichen Praxis, die Mitmenschen herabsetzt. Im Englischen spricht man von „derogative remarks“. Dabei ist der Übergang vom Scherzhaften zur Diskriminierung fließend. Die Deklassierung kann so weit gehen, dass die Menschenwürde bestritten wird und der andere versklavt. Also eindeutig zu weit.
Ernstes Thema. Sklaverei, die Herabstufung Fremder zu einer Sache, über die man bedingungslos verfügen kann, ist keine abgeschlossene historische Episode, die mit dem massenhaften Missbrauch von Afrikanern auf den Plantagen weißer Großgrundbesitzer vorbei ist. Sie hält weltweit an und hat eine Kaskade von Abstufungen über die Zwangsarbeit bis hin zu Prostitution und Kindesmissbrauch. Alle Hautfarben dieser Erde auf der Täterseite.
Menschen nutzen die Unterschiede zwischen ihren Lebensstilen zu Spitznamen. Das zu verbieten, ist lebensfremd. Ich werde hier keine Reizwörter wiederholen, aber doch sagen, dass ich da einiges lustig finde. Da, wo ich herkomme, ist man „outspoken“ und nennt einen Arsch einen Arsch. Aber das ist dann ein Ritual der ironischen Verbrüderung, nicht abfällig gemeint, keine Deklassierung von Mitmenschen zu Abfall.
Denn da ist die Grenze. Jeder ist jemand.
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BARBUSIG.
Nach allgemeiner Ansicht gehört der Mensch zu den SÄUGETIEREN. Der Begriff bezieht sich auf die initiale Ernährung des Neugeborenen durch die Milch der Mutterbrust; sie lässt ihren Säugling säugen. In den USA, wenn öffentlich, eine Straftat.
Ich frage mich, ob es schon eine SOZIOLOGIE des Säugens gibt. Darin wäre zum Beispiel das Ammenwesen abzuhandeln, bei dem sozial hochgestellte Mütter das „breastfeading“ anderen Frauen anvertrauen, die daraus eine Erwerbstätigkeit machen. Der Mythos des Vertauschens von Säuglingen entsteht in dieser Welt. Auch eine soziale Frage: die Brüste der strammen Bäuerin seien nahrhafter als die der anämischen Dame von Welt.
Auch das Gegenteil könnte gelten: die früher hohe Kindersterblichkeit könnte auf professionelle Vernachlässigung nach der Kommerzialisierung der frühkindlichen Ernährung deuten. Nach dem Physiologischen wäre über das Psychologische zu sprechen. Ob nicht gestillte Kinder eine wesentlich bessere Mutter-Kind-Beziehung haben gegenüber jenen, die mit der Flasche aufgezogen werden mussten. Überhaupt: Warum ersetzt der Begriff des Stillens irgendwann den des Säugens? Still machen? Weil die kleinen Monster alle Naselang brüllen? Lästigkeit als Evolutionsmerkmal. Tja, und dann der Schnuller…
Spätestens der Calvinismus verändert die Selbstwahrnehmung der Säugetiere; sie wollen die Sehnsucht nach der Mutterbrust nicht mehr wahrhaben. Vielleicht auch eine Folge des Patriarchalischen. Der Mensch als Jäger, sprich Fleischfresser, nicht mehr Milchbubi. Gleichzeitig entsteht kulturell ein FETISCH der großen Oberweite; vom bayrischen Dirndl bis zu Hollywood (man denke an die entsprechende Ikonographie der amerikanischen Pin Ups).
In den USA gilt heutzutage das öffentliche Stillen weitgehend als strafbewehrt, da auch die mütterliche Brust als Sexualorgan gilt, das dem strikten Verhüllungsgebot unterliegt. Nach anderen Kulturen frage ich erst gar nicht. In den Social Media (der USA) soll es einen Ikonoklasmus zu Brustwarzen geben; zu weiblichen, nicht aber zu männlichen. Man ist keusch. Aber jeder Halbwüchsige kann sich ein Sturmgewehr kaufen und damit den nächsten Kindergarten besuchen. Krank.
Ich rege eine SOZIOLOGIE des BARBUSIGEN an. Wer traut sich?