Logbuch
NAZI BAZI.
Zu den allfälligen Schimpfwörtern, mit denen man Rechte zu bezeichnen pflegt, jedenfalls aus linker Perspektive, gehört die Kurzform des Nationalsozialisten der NSDAP als Nazi. Das verselbstständigt sich, so wie man im bayerischen vom Gauner als Bazi spricht. Wo ich Nazi höre, erklingt auch Fascho als Schimpfwort, dem historischen Phänomen des Faschismus aus Italien und England wie meinem Vaterland entlehnt. Mir gefällt nicht, dass hier eine historische Referenz zu kleiner Münze gemacht wird.
Darin einig bin ich mit Professor Götz Aly, den ich auf der Moabiter Brücke zum Bahnhof Bellevue treffe (in Begleitung eines jungen Mannes, der doppelt so groß ist wie er, was seine Rolle als Exzellenz noch unterstreicht). Ich grüße freundlich, er winkt. Aly hat geschrieben, dass der Begriff Faschismus seinen Wert verloren habe, als er zum bloßen Schimpfwort verkam.
Da ist etwas dran. Wir müssen schon eine Diktatur mit Terrorapparat nach innen wie außen sehen, eine Auflösung des Rechtsstaates mit korporatistischer Wirtschaft und eine rassistisch begründete Volksgemeinschaft. Das alles unter dem Schleier eines nostalgischen Nationalismus. Nur mal so für den Anfang gesagt.
Mein Herr Vater hat sie nur „die Braunen“ genannt und biografisch von „der braunen Zeit“ gesprochen, die ihn habe zum „Kanonenfutter“ machen wollen. Damit war seine Verachtung formuliert gegenüber den Nazi Bazi. Er hat auch wenig von „den Roten“ erwartet, die aus der Weimarer Republik ein „Sowjetdeutschland“ (Clara Zetkin) machen wollten. Seine Wahrnehmung war, dass schon die Generation seines Vaters das Land ins Unglück geführt hatte; und der war kaisertreu.
Götz Aly soll ein neues Buch haben. „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Werde ich mir besorgen.
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ZEITZEUGE.
Wäre ich Literaturkritiker, würde ich nach Wegen suchen, mein höchstes Lob zu formulieren. Ich habe gerade ein wirkliches Meisterwerk gelesen. Daniel Kehlmann, Lichtspiel, Rowohlt. Fast fünfhundert Seiten. Erzählt wird eine Lebensgeschichte rund um den Regisseur G. W. Pabst, der aus der Weimarer Republik in die USA emigriert, aber schnell in das Reich von Joseph Goebbels zurückkehrt und unter dessen Duldung dreht, bis zu seinem Ende im Nachkriegseuropa. Hinter diesen Ereignissen wird sehr deutlich, wie ein Volk im Faschismus versinkt. Aber ich will nicht zu viel verraten. Lesebefehl!
1930 hat G. W. Pabst den Dreigroschenfilm nach Brechts Dreigroschenoper gedreht; was der große BB zu allerlei Prozesshanselei nutzte. Ich habe darüber promoviert. Und hielt dabei irgendwann das Originaldrehbuch in Händen mit den Notizen des großen G. W. Pabst. Zahlreiche Anmerkungen. Enno Patalas aus dem Münchner Stadtmuseum hatte mir das Konvolut überlassen, das ich einer Erstbearbeitung unterzog.
Das kommt mich jetzt mit eigener Betroffenheit an. Wann war man schon mal so nah an großer Geschichte dran. Ich werde Brechts Schrift zum Dreigroschenprozess jetzt noch mal sorgfältig lesen. Falls ich Kehlmann im Borchardt treffe, will ich vorbereitet sein.
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WER SITZT AM STEUER?
Man könnte es in 50 Stunden hinkriegen, wenn man durchführe. Bei kommoderen Tagestouren geht es in einer guten Woche. Wir sprechen von dem 4500 km zwischen Atlantik und Pazifik, einmal mitten durch Amerika. Das ist die Tour „coast to coast“, die man mit Benzinkutschen ablegen kann, wenn man sieben, acht Mal an die Pumpe möchte. Mit meinem Diesel reichten 5 Tankaufenthalte. Das wäre aber unmodern.
Meinem italienischen Freund in Wolfsburg scheint das keine unüberbrückbare Distanz; er lächelt mich an. „Das ist eine Mal Palermo und zurück!“ Nun gut, die Gewalttouren der Gastarbeiter in ihre ursprüngliche Heimat sind ein anderes Thema. Zudem habe ich einen Verdacht bei den Einkaufstouren der Pizzeria in Niedersachsen nach Sizilien wegen der besonders leckeren Tomaten, dem ich hier nicht nachgehen möchte. Wir reden also nicht von bolivianischem Marschierpulver, wenn wir über Elon Musk und sein Batterie-Auto namens Tesla reden; diesmal nicht.
Das batteriebetriebene Gefährt wird beworben, indem seiner Steuerungstechnik bescheinigt wird, dass die Karre „autonom“ fahren könne, sprich ohne Eingreifen des Fahrers selbständig zu ihrem Ziel finde. Gemeint ist „automatisch“, was nicht das Gleiche ist; aber geschenkt. Ein jüngstes Experiment mit dem „self driving coast to coast“ endete nach 90 von den 4500 km im Crash. Keine Schadenfreude meinerseits. Mir war seit dem ersten Versprechen des Tesla-Eigners 2018 klar, dass wir über einen Marketing-Mythos reden.
Ich habe von dem rennbegeisterten Ferdinand Piëch gelernt, dass ein skrupelloser Fahrer mehr zum Sieg beitrage als ein perfektes Fahrzeug. Aber es geht mir nicht um die Mentalität der Racer, obwohl dazu einiges zu sagen wäre. Wie zu den Tomatenlieferungen. Es geht mir um ein Grundgesetz der Kybernetik. Das ist die Wissenschaft von den Steuerungsmaschinen, den Daten-Automaten. Ich hab das studiert.
Die Selbstregulierung stößt an eine natürliche Grenze, wenn der zu steuernde Vorgang zu komplex wird. Irgendwann ist die Steuerung nicht mehr durch eine Erhöhung der Regler zu verbessern, sondern nur noch durch die Entkomplizierung der Regelstrecke. Die Erhöhung der Regelleistung ist nur bis zu einem gewissen Punkt dem Regelerfolg förderlich; dieser mag sich mit jeder Generation von Rechnern erhöhen, aber er ist endlich; der Prozess kippt irgendwann um und endet automatisch und zunehmend im Chaos.
Praktischer? Mehr Computer ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Noch praktischer? Wenn der Rechner so groß ist, dass die Karre autonom von Küste zu Küste fahren kann, ist kein Platz mehr für Passagiere. Außer der Rechner wäre gar nicht in meinem Auto, sondern in Elons Zentrale. Und diese Art von Autonomie möchte ich nicht.
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KLARTEXT.
Mit der Forderung nach Transparenz weist sich der politische IDIOT aus. Wer Verantwortung trägt, will vor allem sein VERHETZUNGSPOTENTIAL verringern. Politik in der Kontroverse ist ein Vermeidungsverhalten; man will nicht vorgeführt werden.
Als guter Interviewer gilt, wer einem Politiker ein Wort entlockt, das diesem später leidtut. Das ist das ganze Kalkül der LANZ-Herrschaften, einen rhetorischen Hinterhalt zustande zu kriegen. Dazu lauert in den Hinterzimmern der Talkshows eine ganze Bande von Redakteuren, die sich als Heckschützen bewähren, indem sie dem Talkshow-Gastgeber Gemeinheiten zuflüstern. Dazu ist der kleine Knopf im Ohr des fabelhaften Lanz. Er ist nur die Rampensau einer sehr intriganten Truppe.
Es geht darum, eine sprachliche Wendung zu entlocken, mittels derer man seinen Gast, der als Opfer gesehen wird, möglichst nachhaltig in Schwierigkeiten bringen kann. Festnageln will man den Tropf, in Nöte bringen. Die moralische Oberwelle dabei ist, dass man so der WAHRHEIT auf die Spur komme. Im Grunde halten Journalisten jedes ihrer Gegenüber für einen routinierten Lügner, den zu entlarven der Herrgott ihnen das Recht gegeben hat. Wer hier naiv in die Klartextfalle läuft, verendet in ihr. Das wissen erfahrene Politiker. Darum sind sie alle angstmotivierte ZWANGSCHARAKTERE.
So empfinden die Olaf Scholze dieser Welt: überall lauern Heckenschützen und Fallensteller. Wortverdreher, Agenten des politischen Gegners. Und wehe, wer hier Naivität zeigt. Ein klares Wort und Du bist verloren. Der ganze politische Instinkt ist der des Fallenvermeidens. Ein klarer Satz, ein ehrliches Wort: und Du bist politisch tot.
Nicht weil man hat lügen wollte, jedenfalls meistens nicht, sondern weil man den Anlass zu seiner Verhetzung selbst geliefert hat. Durch Ehrlichkeit, ein Laienimpuls.
Schadensvermeidung als Manie. Deshalb die Flucht ins Ungefähre. Merkel konnte das, Scholz kann das. Beide etwas spröde. Die Genies der Fallenvermeidung sind die Märchenerzähler. Baerbock ist da ambitioniert, aber mit beschränktem intellektuellen Haushalt. Habrecht aber, der kann es wirklich, ein begabter Mythologe aus tausend und einer Nacht. Der Magier des Authentischen. Der nächste Kanzler. Nachdem Scholz zurücktreten musste, weil ihm ein Klartext entglitten war.