Logbuch
ABUSUS: DER MISSBRAUCH.
Vor der Kirche an Berlins kürzester Allee, nach der germanischen Gattin Tusnelda genannt, sitzen drei Menschen auf der Bank und rauchen in aller Offenheit aus kleinen Pfeifen Crack, „rocks“ genannt, Kokainsalze. Es soll sich um einen extrem süchtig machenden Stoff handeln, der massiv in die Hirnchemie eingreift; die „Steine“ sind beliebt. Sie zeichnen ihre Nutzer erkennbar durch Zahnausfall. Ich flaniere da lang und stutze. Man zelebriert das auf der Kirchenbank.
Kriminalität nach dem allfälligen Betäubungsmittelgesetz wird in Berlin weitgehend toleriert. Das gilt am Ort als liberal. In einem Café sehe ich einen gutgekleideten Besucher kleine Kärtchen mit einer Handynummer beschriften und bei seinem Abgang an drei, vier Tische verteilen. Als eine der Visitenkarten liegenbleibt, lange ich danach. Gedruckt die Preise für Hasch, Koks und anderes, was ich nicht zu entschlüsseln weiß. Die Besitzerin des Cafés klärt mich auf: „Das ist das Kokstaxi!“ Sie bringen Dir den Stoff. Amazon für Junkies.
Um Strafverfolgung zu vermeiden, wird die Handynummer häufig gewechselt. Daher die handschriftliche Notiz. Ich erweise mich als Provinzdepp, der so etwas nicht schnallt. Offensichtlich kann man eine Halbwelt auch bei Tageslicht betreiben. Dabei waren die Folgen dessen schon immer sichtbar. Vermüllung, Beschaffungskriminalität, Verwahrlosung und unter den so Gescheiterten ein Milieu gegenseitiger Erbarmungslosigkeit. Wenn der Fahndungsdruck von Polizei und Justiz nachlässt, gedeiht der Slum. Die Getto-Spirale beginnt sich zu drehen.
Das ist die Kehrseite der von Touristen aus aller Welt so bewunderten Partykultur Berlins. Keine Sperrstunde für gar nichts. Ich scheue mich, hier eine restriktivere Ordnungspolitik zu fordern; zumal Drogenhilfe eben auch Hilfe für die Süchtigen meint; aber eigentlich wäre sie angebracht. Erwäge ich in einer Republik, die sich viel auf die Legalisierung von Bubatz zu Gute hält. Dass auch Alkoholmissbrauch zu erheblichen Folgen führen kann, räume ich auf Vorhalten ein. Wo also liegt die Grenze zwischen Usus, dem Gebrauch, und dem Missbrauch, Abusus. Gute Frage.
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OKTOBERFEST.
Nicht mal den allseits gelobten Koks von der Damentoilette des Käferzelts gab es. Ich hätte eh nicht gewusst, wie da rankommen. Gelobt wurde aber schwarzgebrannter Vogelbeerenschnaps. Und das geröstete Bein vom Schwein. Für mich auch keinen Schnaps. Nur die Hax‘n und Wasser. Mein Abenteuer von der Wies‘n. Erkenntnisekel.
Es gibt Experimente im Ertragen von Sitten und Gebräuchen, die an die Grenze des Menschenmöglichen reichen. Umstände, die zu erläutern, keine weitere Aufklärung brächten, haben mich verleitet, einen vierstündigen Besuch des Münchner Oktoberfestes nüchtern vorzunehmen. Meine Begleiter haben derweil zwischen fünf und acht „Maß“ konsumiert. Helles halt.
Es ist mir klar, dass der Dirndl-Kult nicht archaisch bayerischen Ursprungs ist, aber er fasst schon den Kern des Trachtenwesens gut zusammen: Es handelt sich um eine bäuerliche Tradition, die aus gewachsenem Wissen um die Viehzucht das Elementare menschlicher Beziehungen fesch auszudrücken weiß. Für jeden gestandenen Kerl ist das Angebot praller Brüste in elementarsten Sehnsüchten nachzuvollziehen.
Die eigentliche Erkenntnis liegt aber in der Verwandlung des Genus Mensch, wenn er in Gruppen auftritt, die sich zu Horden entwickeln. Musikalische Begleitung nicht unwesentlich. Wesentlicher aber der gemeinschaftliche Rausch. Gegenüber „den Wiesen“ erscheint dem Zugereisten selbst rheinischer Karneval artifiziell. Das Bierzelt als Tempel des Nationalcharakters. Das will alle Welt sehen und mittun. Ich sehe viele Völker dieser Erde grundvergnügt. Das gemeinschaftliche Thema ist der Homo Sapiens kurz vor der Menschwerdung des Affen. Keine Pointe.
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RECHTS VERSUS LINKS.
Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.
Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.
Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.
Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.
Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.
Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.
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DENKMAL.
Gestern kleines Lunch mit drei Professoren in Hannover im Leineschloss, dem Landtag. Vor dem dortigen Restaurant ein großes Denkmal zu den Göttinger Sieben. Welch eine Verpflichtung!
Anfang des 19. Jahrhunderts haben die sieben Profs ihre politische Überzeugung über die Treue zum Landesherren gestellt, der sie daraufhin entließ. Drei der sieben wurden gar verbannt. Ein Ereignis der liberalen Geistesgeschichte. Am Tisch des Restaurants namens Schorse, dessen Freundlichkeit im Service die Kantinenqualität der Küche fast überdeckt, eine Idee eines der vier Weisen. Man solle eine Initiative an der Hochschule „Wir denken nach!“ nennen. Das passte nun wirklich zum „genius loci“, dem Geist des Ortes. Vielleicht geht dieser Mittagstisch ja mal als die „Hannoveraner Vier“ in die Geschichte ein.
Wer seine Mit- und Nachwelt an ein Ereignis erinnern will und die Macht hat, der setzt ein MAHNMAL in die Landschaft. Das ist meist mehr als eine Gedächtnisstütze; das DENKMAL ist immer eine Botschaft. Hinter der historischen Unschuld („Es war einmal…“) steckt ein Statement. Hier will der Stifter eine Deutung von Geschichte festklopfen. Eine kontroverse Deutung, um die Kontroverse zu verhindern. Darum werden die Denkmäler verehrt, umgewidmet , abgerissen. Das ist gut so.
Ein MONUMENT mit dem schönen deutschen Wort des DENKMALS zu versehen, das verdanken wir, wie so vieles, Martin Luther. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass dies ein wunderbarer Imperativ ist: „Denk mal!“ Eine Aufforderung an den eselsgleichen Zeitgenossen, sich endlich seines Verstandes zu bedienen. Man möge bitte mal, ausnahmsweise, nachdenken. Großartig.
Auf dem Land fahre ich oft an einem KRIEGERDENKMAL im Nachbardorf vorbei, das an die Opfer im Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnert, beschönigend Gefallene genannt, für das Vaterland sind sie gefallen und werden nicht wieder aufstehen. Gleichzeitig höre ich im Radio die bellizistischen Grünen darüber klagen, dass Deutschland „kriegsmüde“ sei. Ja, darum bitte ich; mit Nachdruck.
Die Metropole ist voll von Denkmälern und Einwohnern, die diese Aufforderung zum Denken notorisch missachten. Allenfalls die Touristen, die die laxe Drogenpolitik nach Berlin lockt, haben ein Auge für die Monumente. Man lichtet sich mit dem Handy vor den Sehenswürdigkeiten ab. Was mich an den verunglückten Satz von Gerd Schröder erinnert, das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas müsse ein Ort sein, zu dem man “gerne“ gehe. Das war eine verfehlte Formulierung, aber kein gänzlich dummer Gedanke.
Mit Gerd Schröder habe ich mich dereinst im Leineschloss getroffen, da war er frisch gewählter Ministerpräsident. Mittlerweile, Jahrzehnte später, verachteter Altkanzler. Ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis, bin aber offensichtlich schon eine Weile dabei. Zum Denkmal wird es trotzdem nicht reichen. Schade eigentlich. Aber Gerd kriegt ja auch keins.