Logbuch
VATER STAAT.
„Der Staat, das bin ich!“ Dieser Satz hallt in uns aus fernem Geschichtsunterricht nach. Das ist der feudale Absolutismus, der hier spricht; dessen adeliges Haupt die Französische Revolution dann unter die Guillotine legte. Plopp, lag der gepuderte Schädel im Korb. Daran denke ich, während der Hegemon unserer Tage in seinem privaten Golfclub Staatsoberhäupter vorführt. Was ist unseren Herzen der Herrscher?
Bei Vater Staat denken wir an den Familienvater, der die Seinen pflegt und hegt („pater familias“). Die Frommen unter uns vielleicht sogar an den Vater im Himmel, Gottvater. Im Politischen sind es vor allem die Linken, die hier ein Sehnen empfinden, weil dieser Vater ihnen gönnen soll, was die Klassengesellschaft verweigert. Oder die Katholischen, die ihren Herrscher ohnehin schon Papa oder Papst nennen.
Der Blick der Liberalen ist skeptischer. Sie wähnen sich erwachsen und scheuen Bevormundung. So denkt ja auch unsere Verfassung; das Grundgesetz bestimmt vor allem, was er nicht darf, der Herr Vater als Machthaber. So soll er seine Gewalten teilen, damit sie sich gegenseitig im Zaum halten. Und sich der Zensur enthalten. Die Stimmung ist eher so, als sei er ein böser Onkel, auf den man aufpassen müsse.
In diesem Terrain treffen wir auf den „sugar daddy“, der zwar noch auf Englisch Papa heißt, aber als solcher gegen das Inzesttabu verstößt. Der sprichwörtliche Zuckerpapi ist ein älterer Herr in Spendierhosen, der sich die Gunst sehr viel jüngerer Damen sichert. Sagen wir es klar und deutlich: Das ist Nuttensprech für einen Freier, wenn nicht Zuhälter. Von Herrn Eppstein wird so etwas berichtet, der mit Frau Maxwell eine veritable Kupplerin beschäftigte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Eine grundlegende Skepsis gegenüber dem Staat herrscht mit der Moderne, sagen wir mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Für Thomas Hobbes ist er gar ein veritables Ungeheuer; er bemüht das Horrorbild des Leviathan aus der jüdischen Mythologie. Der Staat als Leviathan ist das Böse schlechthin, auf das sich die Bürger einer Gesellschaft einigen, damit sie unter seiner Fuchtel in Fried und Eintracht leben können. Sie gewähren ihm das Gewaltmonopol, um sich darunter untereinander von einer besseren Seite zeigen zu können. Staat ist immer paradox.
Insofern schrecken mich die Bilder aus Schottland nicht. Wenn man nur hoffen könnte, dass der Sugar Daddy seine Versprechen hält. Dann sollen mir die 15%, die Frau vdL, genannt Röschen, mit ihm verhandeln hat, recht sein.
Logbuch
DIE KAUENWÄRTER.
Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nur als junger Bengel gekannt, der seinen wortkargen Erzählungen, oft nur Episoden oder Spitznamen lauschte, ohne sie ergründen zu können. Er war ein einfacher und stolzer Mann, der sein gesamtes Berufsleben lang Nachtschichten im Ausbau verfahren hatte; als Rentner in seiner Siedlung zum Knappschaftsältesten gewählt. Sonntags trug er zum Anzug und Mantel einen steifen Hut.
Heinrich verachtete Schwätzer. Er war ein ostpreußischer Protestant und seine oberschlesischen Kumpel, polnisch sprechende Katholiken, durften seines Spottes über Antek & Frantek sicher sein. Er hasste den Barbara-Kult. Die tiefste Verachtung aber legte er in die Verballhornung eines Zeitgenossen als „Kauenwärter“. Damit hatte es folgende Bewandtnis.
Bergleute fahren über eine Weißkaue an und legen in einer Schwarzkaue ab. Dort steht dann eine ganze Schicht unter einer Dusche, nackt und dreckig und bereit, sich gegenseitig den Rücken zu schrubben. Man kannte sich. Das ist kein Ort der Förmlichkeiten. Vorher hatte man gemeinsam im Loch sein Leben riskiert. Und irgendwann hat der Steinstaub allen die Luft genommen. Der Begriff Kumpel hat in dieser Welt einen sehr konkreten Inhalt.
Die Einrichtung von Schwarz- und Weißkauen war eine Verbesserung elender Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Infektionskrankheiten war vorzubeugen. Und irgendjemand musste die Massendusche sauberhalten. Man übertrug dies jenen Invaliden, die nicht mehr vor Kohle konnten. Und diese Jungs hatten eine halbe Schicht Zeit, dummes Zeug zu reden, bis sich die Schwarzkaue wieder füllte. Dort trafen sie dann auf die Verachtung der wirklichen Helden.
Dem Assessor gebührte eine Steigerkaue, mit Wanne. Für Antek & Frantek unerreichbarer Luxus. Und von den sogenannten Kauenfrühstücken der Steiger, da wüsste ich auch zu berichten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls klingt mir noch die abgrundtiefe Geringschätzung in den Ohren, mit der der Hauer Heinrich Kocks jemand einen „Kauenwärter“ nannte.
Deformation professionell. Man hört mit diesen Ohren das woke Geschwätz unserer Tage anders als die Blasierten, die es trällern. Vor Hacke ist duster. Glückauf.
Logbuch
FERIENBEGINN.
Ich hätte gern ganzjährig August. Das ist doch kein verwegener Traum. Damit wäre man im Streben nach Glück („the pursuit of happiness“) schon ein ganzes Stück weiter. Weil die anderen Leute sich dafür verpissen und hier nicht mehr im Wege stehen. Da bin ich wie der Philosoph Diogenes, dem man nicht den Sonnenschein nehmen soll. Geht mir aus der Sonne!
Es beginnt nun ja die wahrlich seltsamste Jahreszeit. Die Kinder müssen nicht mehr in die Schule; für die Pauker beginnt die „unterrichtsfreie Zeit“ (nach all den Klassenfahrten gegönnt), die Professoren schlafen durch. Der Beamte bettet sich um. Den hartarbeitenden Menschen ist natürlich von Herzen gegönnt, dass die Fabrikglocke mal verstummt. Jene beförderten Werktätigen, die noch nicht vom Amt leben, sondern Home-Office machen, dürfen jetzt auch offiziell den Herrgott einen lieben Mann sein lassen. Die Republik wechselt geschlossen in den Gammelmodus. Man legt kurze Hosen an.
Wesentliche Teile der Leute wollen nun partout verreisen; erst das bringt die wirkliche Erleichterung. Die Leute folgen einem Lockruf in ferne Paradiese. Für viele Migranten die schwierige Zeit, in der sie die Orte ihres Heimwehs aufsuchen, dabei aber in der Gewissheit bestärkt werden, den Ruhestand hier nicht verbringen zu wollen. Andere pflegen einen Exotismus des Ortes, sagen wir in Ägypten oder auf Mali, bei tiefster Normalität des Lebens: fressen, saufen, ficken, am Pool liegen. Meist ohne die behaupteten Eskapaden. Der Plebs sucht die Lager auf, Ferienlager.
Nun gut, ich räume es ein: Wir fahren nicht weg. Nicht weil es am Geld mangelte, es fehlt uns an Fantasie und Gestaltungskraft. Zu lange haben wir uns in Edelhotels großer Metropolen interniert und den Bustouristen bei der Vulgarisierung edler Stätte zugesehen. Was soll ich da? Von den Weltreisenden in den Viehtrieben der Jets auf andere Hälften des Globus ganz zu schweigen. Man wird mich nicht in kurzen Hosen auf Bali sehen. Oder sonst wo.
Jetzt, da die Städte leer und das Landleben ruhig, da genießen wir die Heimat, wie sie sein könnte, wenn nicht überall so viele Leute wären. Der Mensch ist gut, die Leute sind ein Dreck. Und im August weg.
Logbuch
WAHLKAMPFHILFE.
Die neue Rechte in den USA und ihr Präsidentschaftskandidat Donald Trump ist politisch nicht jedermanns Sache. Dessen Populismus nicht nur befürwortet zu haben, sondern sogar finanziell unterstützt, ist ein fragwürdiges Privileg von TESLA-Fahrern. Unfreiwillige Wahlkampfhilfe, vielleicht, aber unabweisbar. You‘re in with your money, honey.
Das selbststeuernde Batterieauto kalifornischer Herkunft ist eines von drei oder vier Projekten, die den Unternehmer ELON MUSK berühmt und reich gemacht haben. Ferner die bemannte Raumfahrt und Internet aus dem All; wie auch der Besitz und Gebrauch der Social-Media-Plattfirm Twitter, jetzt X genannt. Dort herrscht dank Musk eine rigorose Meinungsfreiheit.
Der Verleger selbst nutzt sie, um unter seinem Namen offen und engagiert in den Präsidentschaftswahlkampf einzugreifen, jedenfalls seine Meinung zu sagen. Er scheut keine populistischen Zuspitzungen. Etwa die, dass die Demokraten eine Partei der (verhassten) Eliten seien, die Republikaner unter Trump aber die Partei des Volkes. Es sei eine grausame Strafe, dem Team Kamala/Walz weitere vier Jahre zuhören zu müssen.
Man achte auf die Zwischentöne; zur Kennzeichnung des Status als Migrantin wird Frau Harris nur beim Vornamen genannt, ein „Girl“. Alter Schwede. Ich will hier nicht weitergehen, da ich auf X publiziere. Eine Satire, die der Zensor versteht, wird zurecht verboten. TESLA jedenfalls unterstützt Donald Trump und die neue Rechte. Man fährt Werbung in diesen Geräten ohne Auspuff.
Autos waren immer schon kulturelle Symbole. Meine erste Neuanschaffung war ein Franzose, ein Peugeot 504 Ti; ich rauchte damals Gitanes in Maispapier und trank Anis. Das war ein tolles Auto und ein Statement. Heute fahre ich Selbstzünder; selbst dann, wenn es die betreffenden Schüsseln schon als Batterievehikel gibt. Dem Achtzylinder traure ich nach, aber sechs tun es auch.
Ich habe dem amerikanischen Wähler keine Weisung zu erteilen, aber doch einen Rat. Erinnert bitte, was Ihr 1776 als Unabhängigkeitserklärung festgehalten habt (das war deutlich vor der Französischen Revolution und richtig gut). Und kauft von mir aus dann irgendeine Schüssel aus Detroit, aber nicht diese Burenschleuder. Meine private Meinung. Jedermann frei! Freedom of Expression.