Logbuch

DREI JAHRESZEITEN ARBEIT.

Der Vorschlag einer Vier-Tage-Woche muss von Leuten stammen, denen das wirkliche Leben erspart bleibt, weil sie sich in die Verwaltung dessen gerettet haben. Hier droht die Arbeit schon bald nach der Mittagspause auszugehen und ganz sicher am Donnerstag. Freitag um Eins, da macht jeder seins.

Transferempfängertum. Schmarotzer. Dieses Milieu der wirtschaftlichen Nachhut, die sich politisch zur Vorhut macht (Zeit hat sie ja mangels Arbeit), erfüllt die Grünen und die Sozis in besonderer Weise. Von nichts hat sich die SPD mittlerweile stärker entfernt als von einer Partei der Arbeit; gilt für die Labour Party noch mehr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mein Vorschlag: Großzügiger denken! Wir arbeiten drei Jahreszeiten stramm durch und nehmen uns im Sommer frei. Alle. Wir machen den Laden dicht. So wie die Franzosen heute schon, in Anfängen. Acht Wochen ist dort national dicht. Ich sage: Zwölf! Drei Quartale hart arbeiten, eines feiern.

Erst der Sommer ist das Leben wert. Hören wir wie Skakespeare seine Geliebte preist: „Vergleich ich Dich mit einem Sommertage?
O, der ist nicht so lieb und mild wie Du.
In Stürmen schwankt die Maienros' am Hage,
Dem frühen Ende eilt der Sommer zu.

Oft glüht zu heiß des Himmels Auge droben,
Noch öfter ist getrübt sein goldnes Licht:
Und alle Schönheit ist so zart gewoben,
Der Zeit, dem Zufall widersteht sie nicht.

Dein Sommer aber, ewig soll er dauern
Mit aller Schönheit, die Du ihm verdankst;
Tod sich nicht blähn, Du gingst in seinen Schauern,
Wenn du auf Liedern in die Zukunft rankst.

So lange Menschen leben, Augen schaun,
So lang lebt dies und gibt Dir Leben, traun!“

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NUTZGARTEN.

Natur ist nicht nett. Survival of the fittest, Dschungel, nicht die Idylle aus Blumenbeet und Kräutergarten. Was die Grünen nicht verstehen.

Wenn der Landschaftsgarten ein kitschiges Arrangement ist, also Kunst nachahmt, so ist der NUTZGARTEN eine Nachahmung der Landwirtschaft im Kleinen. Die Hässlichkeit dieser Gärten ist nur durch ihren Ertrag zu rechtfertigen, etwa die Größe einer Möhre. Gott, wie vordergründig.

Man erkennt die Fehlleitung des Gestaltungswillens schon an der Anlage der Beete, in denen den plattenbelegten Wegen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Pflanzen. Das Peinlichste sind diese Hochbeete, die aus jedwedem Müll zusammengezimmert werden. Nur noch übertroffen durch Tonnen, Kanister, you name it, die Regenwasser vorhalten. Sagen wir es offen, der Nutzgärtner ist ein erbärmlicher Spießer.

In Straßburg-Entzheim rede ich mit einer österreichischen Köchin, die für die Grünen ins Parlament gezogen ist, über ihre Attitüde, dass man die Landwirtschaft nicht der Kunstdünger- und Pestizid-Industrie überlassen dürfe. Sie erkennt mich, weil sie in Berlin ein Restaurant hatte, in das ich oft mittags mit Ministerialen ging. Und eigentlich kenne ich sie über ihren Ex, der auf Schalke notorisch war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Frau ahnt nicht, welch ein Heilsbringer der Stickstoff für den kleinen Bauer war, der eine große Familie aus einem kargen Acker zu ernähren hatte. Das ist keine Nostalgie: Es gibt noch heute in weiten Teilen der Welt eine Unterernährung, die so gravierend ist, dass die Immunsysteme zusammenbrechen und schon Kinder schlicht elend verrecken. Das überzeugt sie nicht. Ihr Feindbild ist Nestle; sei’s drum.

Übrigens hat der Nachbar mit dem NUTZGARTEN ein Elsternnest auf seinem Apfelbaum. Das sehe ich mit Vergnügen, weil die Elster das intelligenteste Tier ist, deutlich vor den Affen, das ein phänomenales Gedächtnis zu seinen Futterverstecken hat. Die diebische Elster: Sie rührt aber die eigenen Vorräte nicht an, solange sie sich als NESTRÄUBER am Nachwuchs der anderen Vögel laben kann. Die nicht verzehrten, aber versteckten Samen führen dann in den Folgejahren zu bunten Gärten.

Aber nett ist das nicht, oder? Nachbars Kinder fressen? Ich sage der Wienerin: Die Natur ist nicht nett. Sie blickt mich ausdruckslos an; sie weiß schlicht nicht, was ich meine.

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LUSTGARTEN.

Gärten sind ein Spiegel des Lebens. Zeig mir Deinen Vorgarten und ich sage Dir, wie es um Deine Kultur bestellt ist. Wer Schottergärten anlegt, sammelt im Keller Frauenfüße. Mein Ernst.

Der englische Landschaftsgarten war schon immer ein gigantisches Unternehmen Kitsch. Es wurde der bäuerlich genutzte Grund an einem Herrenhaus umgewidmet in ein Postkartenmotiv der Idylle. Auf den kalten Inseln der kalten britischen Kaufmannsseelen entstanden mediterrane Paradise, in Andeutungen.

Da der Seehändler ihrer Majestät aus den fernen Kolonien seltene Pflanzen mitbrachte und man sich der Gartenkünste rühmen wollte, entstand hier jene Natur, in der wir auf indischen Bänken chinesischen Tee trinken und Gurkensandwiches zu uns nehmen. Der deutschen Unterschicht als Rosamunde Pilchers Gefilde geläufig. Die Gärtner der Idylle brauchten ein mutiges Herz und eine scharfe Schere.

Das Hobby von Adel und Großbürgertum wurde in den „cottages“ zur Attitüde. So blüht im Englischen der Gartenwahn in jeder Nische. Auch meine Gärten sind ein kleinbürgerliches Flickwerk von Rand- und Reststücken, das Fundstücke aus Baumärkten und Baumschulen bevölkern. Zehn Ginkgos ganz unterschiedlicher Vitalität, karge Stöckchen, denen der Nachbarbaum das Wasser nimmt, und auch ein stolzer Solitär, der sich an die Zehn-Meter-Marke macht. Viele der Gesellen weiß ich gar nicht zu benennen, einige gar Folge der Selbstaussäens, wohl mittels Vogelkot.

Andere, die ein früherer Gärtner jedes Jahr auf‘s Neue fällen wollte, etwa, weil deren Blätter nicht verrotten (Walnuss), die ich tapfer verteidigte. Der Kollege Nussbaum hat jetzt mehr als einen Meter Stammesumfang und verschattet den Nachbarn. Ha! Recht so.

Zwei kleine Teiche, 23 Fische, jedenfalls bis gestern. Katzen der Nachbarschaft bejagen die. Ein Marder, den ich zu bejagen suche, vergeblich; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Birne, von mir gepflanzt, gefällt mir, obwohl rätselhaft. Kerzengerade, von unten bis oben dicht mit Blüten und Blättern, aber keine Krone. Mein Gärtner sagt: „Die wird was; das sind Tiefwurzelnde!“ Tjo, wer will schon Flachwurzler. Im Garten wie im Leben.

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DER HERR HAUSEN.

Gestern abends zufällig in einem TV-Feature hängengeblieben über die Legende eines Bankers von charismatischen Zügen, und zwar einer Bank ebensolcher Art. Ich habe nichts gegen Heldensagen, zumal wenn es um Märtyrer geht, die im Dienst verzehrt wurden. Salut!

Aber ich bin Zeitzeuge und bleibe immer wieder in meinen Erinnerungen hängen, die mir anderes sagen, zumindest aber den Verdacht bestehen lassen, dass an der Glorifizierung dies und das nicht so ganz passt. Nichts gegen den Herrn Hausen von der Großen Bank, aber…

Auf einer frühen Aufzeichnung sehe ich ihn im Kreise seiner Vorstandskollegen, auch diese in jungen Jahren, manch einer später sein Nachfolger, alle seine Gegner. Ich sehe den rustikalen Pilstrinker und den Pinsel mit der Sektflöte. Ein Haifischbecken, in dem der Herr Hausen ein Sonnyboy von einem westfälischen Stromversorger war, kein geborener JFK. Mir fällt Cäsars Spruch ein: „Auch Du, Brutus!“

Man sieht den Hochgelobten mit Gattin auf historischen Aufnahmen. Waren da nicht auch ambitionierte Damen, die sich selbst des Konkubinats bezichtigten? Mir fallen da Szenen ein und posthum reklamierte Mutterschaften. Aber das ist privat. Nicht privat ist die Zeitzeugenschaft eines amerikanischen Außenpolitikers, der angibt, nie im Konflikt zu Herrn Hausen gestanden zu haben. Da lügt der Bub aus Fürth, der es im Exil so weit gebracht hatte.

Dann die Szenen aus der Londoner City, wo man sich eine Investmentbank mit schottischem Namen kaufte. Hier bin ich endgültig „conflicted“, weil ein persönlicher Freund dort PR-Chef war. Übrigens wunderbare Weihnachtsfeiern. Ich lernte dabei eine junge Dame aus Wolverhampton kennen, mit miserabler Sexualmoral, also sehr unterhaltsam; war echt klasse gewesen! Aber auch privater Natur.

Am meisten verstören mich zum wiederholten Mal die Umstände der Ermordung des fabelhaften Herrn der Bankenwelt. Eine hochkomplexe Bombe, die eine Panzerlimousine sprengen konnte, wurde in strikt überwachtem Wohnumfeld von einer Guerilla studentischen Ursprungs und palästinensischer Unterstützung trotz Vorwarnung unbemerkt montiert und präzise gezündet; bis heute aber keine Täterspuren? Da stimmt was nicht.

Jedenfalls Friede seiner Asche. Salut. Es soll hier abschließend erwähnt werden, dass er ein Junge aus dem Revier war und der Ruhrgas AG aufs Engste verbunden. Ein Mann aus jenem harten Holz, aus dem tatsächlich Helden geschnitzt werden. Jedenfalls daran kann es keinen Zweifel geben.