Logbuch
PARADISE LOST.
Manchmal wünscht man sich, dass man nicht gezwungen worden wäre, etwas zu erfahren, dass man nicht zu wissen sich eigentlich gewünscht hätte. Zu spät.
Es gibt Dinge aus dem Leben von Menschen, die man gar nicht wissen will. So geht es mir mit geschätzten Autoren, deren Bücher ich gerne gelesen habe. Und dann zerstört sich dieses Idol durch „too much information“, kurz TMI.
Es hat schon immer völlig belanglose Autoren gegeben, so etwa Ian Fleming , der hinter den Kinoereignissen des JAMES BOND steht. Ein trivialer Schreiberling des Kalten Krieges, aus dessen Romanen die Drehbücher Motive entnahmen. Anders, dachte ich immer, der berühmte JOHN LE CARRE, von dem man wusste, dass er DAVID CORNWELL hieß. Der Prototyp des Gentleman. Meine Liebe zu den Tommies…
Nichts schien mir, dem Teutonen, die feinen Manieren und edle Gesinnung der englischen Gentry perfekter zu zeigen; die vielen Romane durchwehte BRITISHNESS. Den ersten Knacks kriegte das Bild, als in mir der Verdacht zur Gewissheit wurde, dass mein Idol Ghostwriter beschäftigte. Ich hatte da etwas mitgekriegt zwischen Cornwell und MICHAEL JÜRGS, dem Hamburger Publizisten. Aber Schwamm drüber.
Jetzt lese ich in der „intimen Biografie“, die eine Ex-Geliebte verfasst hat, über seine Affären im sozialen Nahbereich; unnötige Neigung. In Züricher Hotels gab es Foie Gras, Bollinger und frische Erdbeeren. Erinnert mich an den deutsche Schlagersänger HEINO, der nach der Show in seiner Garderobe stets „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ vorfinden wollte und klagte, dass es mit den Erdbeeren manchmal nicht geklappt habe.
Also gut, LE CARRE war ein Rumtreiber. Seine Mutter hatte ihn als Baby ohne Abschied verlassen und sein Vater ein Krimineller; passiert in den besten Familien. Mama blieb verschwunden, Papa wollte das Schulgeld zurück, als der Sohn Auflage machte. Bitter. Man weiß von dem Gentleman-Schriftsteller, dass er in der Schweiz aufwuchs, in Bern.
Es gab ein deutschstämmiges Milieu in Bern, das der Brite für den MI 6 (heimischer Geheimdienst) aushob. Jetzt der Killersatz: Er habe dabei nicht nur private Dinge von seinen Freunden verraten, sondern sich mit ihnen angefreundet, um sie verraten zu können. Poh!
Ich erzähle das einem Freund. Und was sagt er? Den habe er nie gemocht. Ich stehe doof da. Mit einem Idol weniger.
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MIT DER WAHRHEIT LÜGEN.
Mich ermüdet das Übermaß an Kriegspropaganda in unseren Medien, weil man dort nicht nur die richtige Seite unterstützen will, sondern dafür auch noch die WAHRHEIT beanspruchen. Ich soll mich nicht nur der rechten Sache beuge, sondern sie gerecht nennen.
Der berühmte Dichter George Orwell („Animal Farm“, „1984“) hat im Zweiten Weltkrieg einige Jahre für die BBC gearbeitet und dies als Kriegspropaganda bewertet, wenn eben auch für die richtige Seite. Das ist begrifflich spannend.
Die BBC war das Gegeninstrument zum VOLKSEMPFÄNGER des Joseph Goebbels und nahm für sich in Anspruch, nach der Niederlage des Faschismus im Rahmen der „re-education“ das Vorbild für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) sein zu können. Schon während des Krieges galt „London“ sich selbst als Stimme der Wahrheit, weil stets um Glaubwürdigkeit bemüht.
George Orwell berichtet nun, er habe immer wieder insinuiert, dass die Japaner (Kriegspartei an deutscher Seite) mit den Russen verhandelten, obwohl er gewusst habe, dass das nicht stimme. Und er habe gewusst, was er tut. Er stehe dazu. Später sei die BBC ein Vorbild für das WAHRHEITSMINISTERIUM in seinem Roman „1984“ gewesen; dort der totalitäre Exzess der Propaganda. Ministry of Truth: das darf man also dem ÖRR ins Stammbuch schreiben.
Jetzt der Schlüsselsatz des großen George Orwell, einem Kolonialpolizisten aus Burma und Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg, beides war er, bevor er zur BBC kam: „All propaganda is lies, even when one is telling the truth.“
Das klingt paradox, stimmt aber und ich kenne nur ganz wenige Köpfe in meinem Fach, die da intellektuell ranreichen.
Logbuch
ENTZAUBERT.
Mit Melancholie sehe ich Politikermythen plötzlich leer. Dahin der Zauber von Charakter und Charisma. Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: nur noch nackte Tatsachen. Über Nacht banal.
Ich erinnere noch Willy Brandt im Wahlkampf, dem meine Schwester als kleines Kind einen Strauß selbstgepflückter Blumen anreichte. Da war eine Kleinstadt aus dem Häuschen. Und einige Jahre später sehe ich im Fernsehen seinen Vertrauten Egon Bahr über den Meuchelmord an ihm weinen. Aufstieg und Fall.
Ich sehe Helmut Kohl noch in voller Macht, wie ihm anlässlich der Proteste in Wackersdorf die Industrie selbst den Ausstieg aus der nuklearen Wiederaufarbeitung vor die Füße legte und er nicht verstand. Sein Niedergang begann und das Tuscheln selbst hochgestellter Kreise der Union über seine Wohngemeinschaft mit Sekretärin und Fahrer.
Und den fallenden Gerd Schröder, der die Hartz-Gesetze als Agenda durchzubringen suchte, während seine eigene Fraktion und Partei ihn zunehmend verlässt. Bis in die Ächtung. All das stimmt mich nicht fröhlich. Wie gewonnen, so zerronnen. Das politische Spiel vom Zauber der Macht und deren Nachspiel als schmutzigem Geschäft.
Ich hätte diese Entzauberung in den Reihen der Grünen eher bei Annalena Baerbock, der feministischen Luftnummer, erwartet als bei dem Vizekanzler Habeck, der sich schon als Kanzler in spe wähnte. Nun hat es doch ihn zuerst erwischt. Über eine Lappalie zu viel. Er könnte mit Renate Künast über den Veggie Day reden; auch eine Petitesse und sie lag auf der Fresse.
Keine Schadenfreude. Die Zuneigung der Wähler ist eine Hure. Flatterhaft widmet sie sich ständig neuen Freiern. Nie sagt sie zum Augenblick: „Verweile, Du bist so schön.“ Politik ist Ruhm auf Zeit, eigentlich ein Pakt mit dem Teufel.
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IHRE GNADEN.
Im Skandinavischen duzt man sich, eine Anrede mit dem Vornamen eingeschlossen; alles andere wäre auch eigenartig, während man nackt in der Sauna sitzt und sich mit Birkenzweigen malträtiert. Ich war auf einer Norwegenreise mit dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, dem späteren Kanzler der Agenda, den ich als Genossen duzte, als ich meinen Mitarbeitern das Du anbot, was eine einzelne Zicke ablehnte. Die Printe wollte von ihrem Vorgesetzten weiterhin gesiezt werden. Geht gar nicht. Ich kann doch nicht den Kanzler duzen und zu der Ziege „Sie“ sagen…
Mit den Kurialien ist das so eine Sache, auch nachdem nicht mehr eine adelige Durchlaucht von ihrem gehorsamen Diener adressiert werden muss oder Spektabilitäten in akademischen Talaren auftauchen. Und damit meine ich nicht die Albernheiten um Personalpronomen diverser Identitäten. Der stets um gute Manieren bemühte Moritz Hunzinger macht mich hier darauf aufmerksam, dass es ein „hanseatisches Duzen“ gebe, sprich die Anrede mit dem Vornamen und anschließendem Siezen. Das sei gediegen. Da, lieber Moritz, darf ich Sie korrigieren.
So redet der Spießer mit seinem Frisör. Da ist mir noch das Gutsherren-Du lieber, bei dem der Nachname fällt und dann geduzt wird. „Kocks, schreib' das mal auf!“ So die Ansage von Rudolf von Bennigsen an den jungen Herrn Dr. Kocks. Wo wir bei Titeln sind: Ordentlich promovierte Akademiker werden mit Titel angesprochen; ersparen sich das aber untereinander. Bleiben wir bei den Beleidigungen. Der Pluralis Majestatis („Wir, Wilhelm, Kaiser von Gottes Gnaden“) ist zur Bescheidenheitsmehrzahl verkommen, dem pädagogischen Gebrauch der 1. Person Plural, die wiederum ihre niederste Niederung im Krankenschwester-Wir findet: „Hatten wir heute schon Stuhl?“ Tiefer kann man nicht sinken.
Die Christen titulieren sich als Brüder und Schwestern, die Freimaurer als Freunde, die Roten als Genossen; das alles sind Binnenregeln, Zutraulichkeiten in der „peer group“; und sei es nur das „Bro“ unter den Ghetto-Kids. Diese Nähe hat bei näherer Betrachtung etwas Miefiges. Der Gentleman liegt Wert auf einen angemessenen Achtungsabstand. Das gilt sozial auch nach unten. Man siezt seinen Gärtner und allemal den Handyman.
Wo wir beim Hanseatischen waren: „Der Mensch ist Hamburger. Alles andere sind Frisöre!“ Gehört in Övelgönne, wo man Törchen steht: „Cave carnem“, weil dort selbst der Einbrecher ein Latinum hat. Gefällt mir.