Logbuch

NEKROLOG.

So, liebes Jahr 2020, jetzt musst Du also gehen. Kein Wort zum Abschied. Keins.

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OHRWÜRMER sind ein Leiden, über das Menschen klagen, die musikalisch sind. Die haben dann in irgendeinem Aufzug eine Melodie gehört, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Ständig müssen sie das dann nachsummen. Aber nie wird ein richtiges Lied draus. Verflixt! Das kenne ich aber nur vom Hörensagen. Ich selbst bin gänzlich unmusikalisch; das mit den verflixten Melodien ist mir völlig fremd. Aber es gibt wohl auch so was wie GEHIRNWÜRMER. Ich höre einen Gedanken und muss ihn noch Tage nachsummen. Meistens sind es nur Wörter. Genauer gesagt Gegensatzpaare. Kürzlich machte ein Medizinprofessor in einem Interview, das ich mit ihm führte, eine Nebenbemerkung, die mir nachhing. Jetzt lese ich das von ihm auch noch mal in einer großen Zeitung. Verflixt. Der Gedanke ist folgender: Es gäbe WISSEN und GEWISSEN, und das sei nicht das Gleiche. POLITIK ließe sich nicht durch Wissen rechtfertigen, nur durch Gewissen. Anlass in unserem Gespräch zu dieser Nebenbemerkung war Frau Merkel, die im Bundestag der AfD vorgehalten hat, dass es an der Schwerkraft und der Lichtgeschwindigkeit wenig zu rütteln gebe; deshalb habe sie, Merkel, in der DDR eben Physik studiert; den Naturgesetzen hätten selbst die Kommunisten nicht beikommen können. Das finden wir beide, mein Interviewpartner und ich, eher „vorkritisch“, weil schlau, aber nicht klug. Also, es schwirrt in meinem Kopf. Wissen versus Gewissen. In der Politik sollte man, sagt der Professor aus Bayreuth, seinem Gewissen folgen, nicht irgendwelchem Wissen, sprich irgendwelchen Wissenschaftlern. Klingt gut, auf den ersten Blick. Der Mann fordert damit aber doch ein PRIMAT DER MORAL. Gehe ich da mit? Ich bin nicht sicher. Denn das sagen die Irren der Verschwörungstheorie ja auch. Hier entsteht alternatives Wissen, sprich schlanker Aberglaube. Die empörte Moral als Treibstoff des Pogroms. Uhhhh, der Leibhaftige betritt den Raum. Auf der anderen Seite kann ich auch keinen blinden Glauben an Wissenschaft befürworten. Ich weiß zu viel, um zu glauben, dass wir viel wissen. Alle Aussagen über den apokalyptischen Klimawandel etwa, die finde ich vor allem wissenschaftlich dünn. Die Zweifel würde ich auch nicht los, wenn man mich als „Klimaleugner“ beschimpfen würde. In sich unsinnig. Das Klima kann man nicht leugnen. Deshalb fragt KANT so klug: „Was kann ich wissen?“ Wissenschaftelei über Dinge, die ich nicht wissen kann, das ist BULLSHIT. Vornehmer: Physikotheologie. Religion im Gewand von Wissenschaft. Und so summt es in meinem Kopf. Wissen vs Gewissen. Hmmm. Wie nach einer schlechten Aufzugsmusik. Was macht eigentlich dieser Lars Chrismes? Fiel 2020 wohl aus.

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Man kann wissen, was Cato, der Ältere zu Mittag hatte, wenn er zum Senat eilte. Fast-Food-technisch. Nämlich Wild, Geflügel, Fisch und Schnecken. Dazu mit Geschmacksverstärkern gepanschten Wein. Wieso weiß man das so sicher? Vor etwa 3000 Jahren gingen im alten Rom plötzlich die Lichter aus, jedenfalls in Pompeji, das der Vulkan Vesuv unter seiner Asche begrub und damit für alle Zeiten konservierte. Das freut den Archäologen. Dort gräbt man schon 200 Jahre aus. Gestern sah ich das Foto einer römischen Pommesbude in der Presse. Man hat jetzt gerade ein Thermopolium ausgegraben, einen Schnellimbiss für warme Gerichte. Es gab allerlei Köstlichkeiten und natürlich Wein für den eiligen Esser, der durch die Handelsstadt flanierte. Echt beeindruckend. Das Essen ist heute schlechter mit dem Einerlei von Pizza-Döner-Pommes-Currywurst. Pompeji ist schon ein Unikum, weil so authentisch, böse authentisch. Die Skelette der Verkäufer lagen noch hinter dem Tresen, dessen bunte Bemalung uns heute wie frisch gemalt anstrahlt. Eine verlässliche Quelle; zum Schönfärben und Lügen war nämlich in der Katastrophennacht 79 v. Chr. keine Zeit mehr. Man muss ansonsten ja vorsichtig sein mit der Geschichtsschreibung. Mein Lieblingsbeispiel (die Studenten können es schon nicht mehr hören): Rom selbst will gegründet worden sein von zwei zürnenden Söhnen des Kriegsgottes Mars, die er mit einer hochadeligen Nonne (verstoßene Königstochter)als Zwillinge gezeugt haben soll. Romulus und Remus wurden, weil ausgesetzt von der hochwohlgeborenere Mutter, von einer WÖLFIN gestillt und so aufgezogen. Man kennt die Bronzeskulptur. Da stimmt alles: göttlicher Ursprung, aus bestem Hause und das Martialische mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist aber PR, eine Heldenverehrung aus dem Mittelalter, gut tausendfünfhundert Jahre später ersonnen. Korrektur der Historie. Der eigentliche Mythos erzählt von Kindesaussetzung (siehe MOSES und SPARTA) und Ammenaufzucht, einer Kultur, in der Kindesverwechslungen bei den Ammen notorisch waren. Die Berufsbilder der Kinderfrau und der Gespielin waren damals noch nicht getrennt. Jetzt der Eingriff: Man gab der kapitolischen WÖLFIN nachträglich die Gründungsinfanten an die Zitzen, weil man den alten Mythos gerne hübscher wollte. Die Sage berichtete nämlich nur davon, dass Romulus und Remus von einer „lupa“ aufgezogen worden seien. Lupa? Da klingelt was beim kundigen Thebaner. Es gab eben nicht nur das Thermopolium (siehe oben) für den schnellen Hunger, sondern auch das Lupanarium für den schnellen Sex. Und dass man Nachkomme von zwei Hurensöhnen sei, das war den stolzen Römern irgendwann mal nicht mehr gut genug. Da wurde der Mythos ins Genialische umgedeutet. Der Hure wurden sie genommen und der Wölfin gegeben, die Gründer. Und so prangt „Mutter und Kinder“ heute in Rom an jeder Ecke und preist den römischen Senat und sein Volk. Stolzer Code: SPQR. Regierungs-PR früherer Zeiten.

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IHRE GNADEN.

Im Skandinavischen duzt man sich, eine Anrede mit dem Vornamen eingeschlossen; alles andere wäre auch eigenartig, während man nackt in der Sauna sitzt und sich mit Birkenzweigen malträtiert. Ich war auf einer Norwegenreise mit dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, dem späteren Kanzler der Agenda, den ich als Genossen duzte, als ich meinen Mitarbeitern das Du anbot, was eine einzelne Zicke ablehnte. Die Printe wollte von ihrem Vorgesetzten weiterhin gesiezt werden. Geht gar nicht. Ich kann doch nicht den Kanzler duzen und zu der Ziege „Sie“ sagen…

Mit den Kurialien ist das so eine Sache, auch nachdem nicht mehr eine adelige Durchlaucht von ihrem gehorsamen Diener adressiert werden muss oder Spektabilitäten in akademischen Talaren auftauchen. Und damit meine ich nicht die Albernheiten um Personalpronomen diverser Identitäten. Der stets um gute Manieren bemühte Moritz Hunzinger macht mich hier darauf aufmerksam, dass es ein „hanseatisches Duzen“ gebe, sprich die Anrede mit dem Vornamen und anschließendem Siezen. Das sei gediegen. Da, lieber Moritz, darf ich Sie korrigieren.

So redet der Spießer mit seinem Frisör. Da ist mir noch das Gutsherren-Du lieber, bei dem der Nachname fällt und dann geduzt wird. „Kocks, schreib' das mal auf!“ So die Ansage von Rudolf von Bennigsen an den jungen Herrn Dr. Kocks. Wo wir bei Titeln sind: Ordentlich promovierte Akademiker werden mit Titel angesprochen; ersparen sich das aber untereinander. Bleiben wir bei den Beleidigungen. Der Pluralis Majestatis („Wir, Wilhelm, Kaiser von Gottes Gnaden“) ist zur Bescheidenheitsmehrzahl verkommen, dem pädagogischen Gebrauch der 1. Person Plural, die wiederum ihre niederste Niederung im Krankenschwester-Wir findet: „Hatten wir heute schon Stuhl?“ Tiefer kann man nicht sinken.

Die Christen titulieren sich als Brüder und Schwestern, die Freimaurer als Freunde, die Roten als Genossen; das alles sind Binnenregeln, Zutraulichkeiten in der „peer group“; und sei es nur das „Bro“ unter den Ghetto-Kids. Diese Nähe hat bei näherer Betrachtung etwas Miefiges. Der Gentleman liegt Wert auf einen angemessenen Achtungsabstand. Das gilt sozial auch nach unten. Man siezt seinen Gärtner und allemal den Handyman.

Wo wir beim Hanseatischen waren: „Der Mensch ist Hamburger. Alles andere sind Frisöre!“ Gehört in Övelgönne, wo man Törchen steht: „Cave carnem“, weil dort selbst der Einbrecher ein Latinum hat. Gefällt mir.