Logbuch
DAS DOPPELTE LOTTCHEN.
Noch in Brüssel nach Terminen in der Kommission, dem Parlament und bei unserer Botschaft wie der NATO sinniere ich im Grundsätzlichen: Was macht ihn aus, den EUROKRATEN? Versuch eines Sittengemäldes der Politischen Klasse, die die EUROPÄISCHE IDEE vertritt.
Am Auffälligsten der Doppelcharakter von einerseits einheitlicher Rolle als Rädchen oder Rad im Getriebe des Molochs. Die Europäische Idee hat institutionelle Gestalt angenommen in einer gewaltigen und vielfältigen Bürokratie, die sich gegenseitig codifiziert. Man ist, wenn von Rang, akademischer Ausbildung, simuliert diplomatische Karrieren und von gut bürgerlicher Erscheinung. Kafkas Türhüter sind gut gekleidete, anständig alimentierte Menschen mit Manieren, stets garniert mit dienstbaren Geistern, die als Pilotfische die Algen von den Flossen fressen. Damen und Herren mit Hofstaat.
Dann, im Zweiten und vielleicht im Wesentlichen, ist man ein Nationalcharakter, historisch französischer Provenienz, jetzt auch spanischer Couleur und immer mehr mit osteuropäischem Einschlag. Man spricht gutes Englisch, ist es aber nicht. Das europäische Lottchen ist unter der Oberfläche eine nationale Lotte. Dem entspricht, dass nur eine Institution hier wirklich das Sagen hat, nämlich der Rat, sprich die Chefs der Nationalstaaten. Unter dem Verdikt der Einstimmigkeit. Europa droht immer, nur ein Lippenbekenntnis zu sein.
So weit, so schwer; wäre der Doppelcharakter nicht noch mal angelegt. Politik als Beruf weiß, dass eine Angelegenheit einerseits eine Sachlogik hat und andererseits eine politische Heimat. Die Frage ist nicht nur, ob etwas logisch; entscheidend ist, welche Politischen Lager es wie mobilisiert. Und natürlich herrscht das Primat der Politik über die Erfordernisse der Sache. Das doppelte Lottchen gibt es doppelt. Eine politische Sache hat also vier Facetten, mindestens. Oben drauf kommt noch, wer mit wem kann. Und dass nicht alle Seelen lauter.
Das Genie der europäischen Idee ist schon daran zu erkennen, dass nicht jeder Donald sie versteht. Immanuel Kant hat den Frieden einen Sieg der Vernunft genannt. Adam Smith den Welthandel den Ursprung von Wohlstand. Europa fügt beides zusammen. Wie bringe ich das jetzt der doppelt schizophrenen Lotte an den Verstand?
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JENSEITS DER POLEMIK.
Aus vergangenen Zeiten klingt ein politisches Schlagwort nach, dessen Hintergründe ich vergessen habe. Man sprach, ich glaube ironisch, vom „Genossen Trend“, der der SPD nütze. Das scheint sich verloren zu haben. Zwischenzeitlich war der Zeitgeist grün, aber auch hier kommen bei Wahlen keine Erdrutsche mehr zustande. Die FDP ist nicht mehr für Wunschträume von 18 Prozent gut; sie fällt gar ganz aus.
In meinem Dorf haben die Konservativen eine Stammwählerschaft von einem guten Drittel, fast der Hälfte, nicht untypisch für eine katholisch geprägte ländliche Gegend. Neu ist, dass sowohl die Sozialdemokraten wie die Rechtspopulisten jeweils 20 Prozent haben; die SPD, weil 10 Prozentpunkte verloren und die AfD 10 dazugewonnen. Ich fürchte, die Braunen sind auch im Westen gekommen, um zu bleiben.
Das alles nur ausgeführt, um einem Irrtum zu begegnen. Die genannten 10 Prozentpunkte sind nicht dieselben Leute. Man sollte sich hüten vor einfachen Spekulationen um Wählerwanderungen. Alle Parteien geben an die AfD ab, auch die große Partei der Nichtwähler, insbesondere solche Wähler, die sich als Veränderungsverlierer fühlen und ihren Frust in nostalgischen Vorurteilen formulieren. Man lese die Autobiografie des amerikanischen Vizepräsidenten.
Schlussfolgerung? Die Parteienlandschaften wird inDeutschland so chaotisch wie in anderen westlichen Ländern auch. Nicht schön, aber wohl unvermeidbar. Mehr ist nicht.
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IN ALLER KÜRZE.
Und du hast Angst, dass Dir gleich Heinz Rühmann begegnet. Oder Heinz Ehrhardt Witze macht. Dass der Kommissar Erik Ode heißt. Das denke ich, da ich gestern als Hintergrundfoto einer Talkshow die Bärbel und den Lars sehe. Sie seien als Paar angetreten, sagt die Walsumerin über den Buben von der Leine, über seine und ihre Opulenz. Die SPD ist aus der Zeit gefallen. Der Mief der willentlich kleinen Leute und ihrer vorsätzlichen Fürsorger nimmt mir die Luft zu atmen. Mehltau legt sich über‘s Land. Muff.
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DENGLISCH.
Man spricht Deutsch. Mit englischen Brocken. Das Fachchinesisch der ganz modernen Menschen. Hinter jedem Schlagwort lauert ein Geschäft.
Wenn die Heimarbeit andauert, so ist das das NEW NORMAL der NEW WORK bei den WOKEN. Sagt der Experte für HR, sprich „Ähtsch Ahr“, HUMAN RELATIONS. Oder, neuerdings: HUMAN RESSOURCES. Nur wer den neuen Jargon beherrscht, weist sich als zeitgemäßer Gestalter des Personalwesens aus. Das ist tatsächlich wichtig, dass jede Veränderung ihre Gewinner zu feiern gedenkt und möglichst wenig Verlierer zurücklässt.
Ich habe da nichts zu lästern, weil meine Profession, die ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, sich vor hundert Jahren als PR (Public Relations) begründet hat. Vor HR kam PR, zwischendurch IR. Wegen dem SHAREHOLDER VALUE. Egal. Der Gründer der PR wollte den Begriff der PROPAGANDA ablösen, der aus dem Kirchlichen stammte. Es war übrigens ein Wiener Jude, angeblich mit Sigmund Freud („uncle Siggi“) verwandt, der als Migrant in die USA ein eher gebrochenes Englisch sprach, wie alle amerikanischen Intellektuellen dieser Zeit. Er machte mit PR ein Vermögen und feierte die neue Massenkommunikation als Geheimwissenschaft. Neues Wort, neues Geschäft.
So wie heute PR-Agenturen über PURPOSE plappern; das ist schlicht und einfach der Sinn einer Sache. Poooh. Die CSR (Corporate Social Responsibility) wird gerade durch das Buzz-Word GSE ersetzt; ich habe vergessen, was es heißt. Nein, ich möchte es nicht erklärt bekommen. Mich wundert nicht, dass die Hegemonie der Informationstechnologie ihren kalifornischen Jargon durchsetzt; das soll so sein, dass wer die Macht hat, auch das Sagen bestimmt. Mich wundert, wo das schlechte Englisch herkommt. Waren die alle auf der Berlitz School in Mumbai?
Ganz abstrus wird es, wenn in dem PIDGEON ENGLISH andere Moden eingewebt werden, etwas das GENDERN oder das #gerneperdu. „Can I say YOU to you?“ Ich bin kein Sprachpurist, aber doch von einem gewissen Gestaltungswillen. Wer sorglos redet, denkt auch nicht sauber. Man kann auch sprachlich ganztägig Jogginghose tragen, sprich verwahrlosen. DID I MAKE MYSELF CLEAR. Nur so als question. Wegen der learnings.