Logbuch
DIE BLONDE.
Ein Vorfall eklatanten Sexismus ist zu beklagen, sagt man mir. Eigentlich beantworte ich keine Leserbriefe und reagiere auf jedes feedback in den Sozialen mit einem "Daumen hoch" ("like"), weil wer wäre ich, mir ein Urteil zu erlauben. Ich danke dem treuen Leser für Lektüre. No explanations, no excuses. Ohnehin kann man heutzutage fast alles über die KI eruieren, was der Erläuterung bedürfte. Nicht immer zutreffend.
Für die häufigen Fehler in Belangen der Orthographie und wohl auch der Interpunktion ist meine unzureichende Schulbildung verantwortlich und die Tatsache, dass ich als Rechtshänder die Glossen frühmorgens zum ersten Kaffee mit Links ins Schema von "facebook" eintippe und von dort für Weiterleitungen sorge. Edelfedern bräuchten halt eigentlich immer CvD, Textchef und Lektor...
Jetzt zu "The Blonde". Das ist eine literarische Figur meines Vorbildes Adrian Anthony Gill (AA Gill), die er in seinen Restaurantkritiken als Pendant genutzt hat. Man munkelt, dass seine Lebensgefährtin Nicola Formby das Vorbild war. Aber ganz gleich, wer ihn dazu anregte, die Blonde war keine lebende Person, sondern immer nur eine rhetorische Figur.
Ich kann das beweisen, weil ich mit ihm essen war, keine Dame am Tisch und doch eine Kolumne mit der Blonden erschien. Kommt leider nicht wieder vor, weil AA vor Jahren verstorben; ein ganz Großer.
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ENTENWEIN.
Als man kleine Kinder noch veralberte, weil man sie nicht so richtig ernstnahm, hieß das Wasser im Restaurant „Entenwein“ und wurde den Infanten mit großer Geste und schwacher Ironie angeboten, während die Eltern sich einen Schwips antranken. An den albernen Entenwein denke ich gestern, während der Ärger über eine falsche Restaurantwahl in mir aufsteigt. Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: Der Laden ist fürderhin gestrichen. Ausgelistet, so nennt sich das in der Autoindustrie.
Zum sauteuren Italiener, bei dem am Tisch schon mal ein „Entrecotto aus Piemont“ als „Italienerfleisch“ angepriesen wird oder ein „Tommahawk füre zwei Person“, dort findet sich neuerdings eine jüngere Klientel, die zum Essen Aperol Spritz nimmt und von sich gegenseitig Handyfotos fertigt. Wohlgemerkt, wir sind nicht in der Metropole, sondern der hessischen Provinz. Goethe hat hier seinen Werther spielen lassen. Petra Reski warnt vor diesen Provinzläden; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die jungen Männer sind von Hunden begleitet, wozu ich am Schluss noch komme, was aber als solches schon nicht geht. Köter gehören nicht in die Küche; schon gar nicht ins Restaurant. Was mir an den aufgedrehten Damen des Nachbartisches auffällt, ist der Abusus von Botox; man hat durchgängig aufgespritzte Lippen. Von den Trägerinnen der geschwollenen labialen Weichteile wahrscheinlich nicht gewollt, gibt der Eingriff dem Schmollmund etwas von der Ente, die in meinem Badezimmer wohnt. Rubber Ducky.
Die Blonde belehrt mich, das hieße auch „duck face“ und sei das Nonplusultra des Kussmundes. Danach komme nur noch die Fischspalte, sprich der lautlos geöffnete Mund. Aquarium als gestischer Code. Ich hatte es im femininen türkischen Milieu Berlins schon bemerkt, jetzt also auch im Hessischen. Ich halte die Verunstaltung des Ponem für „tribalism“, will mich hier aber nicht über afrikanische Tellerlippen auslassen. Physiognomien sind ein delikates Ding. In diese Kultur der willkürlichen Verhübschung des Antlitzes gehören dann ja auch noch Metallwaren aller Art, Tätowierungen und neuerdings Korrekturen des Chirurgen bis hin zu Schmucknarben. Mensuren für Mädchen.
Die allzu modisch gemachten Hühner gackern, ihre Begleithähne stolzieren. Wir fremdeln in diesem Milieu. Die Blonde sagt: „Hier kannst Du auch nicht mehr hingehen!“ Da kotzt der Köter des Luden unter den Tisch und schlabbert daran mit der Zunge, so dass ich konsterniert hinschaue. Es muss sich wohl um eine sauteure Kampfhundrasse handeln. Der Schwanz ist düpiert und die Maske (so heißt beim Züchter die Fresse vom Bello) eigenartig verzerrt. Sagt die Blonde: „Die waren mit dem Hund beim gleichen Schönheits-Chirurgen.“ Der Italiener in Wetzlar ist gestrichen. Wir suchen neuen Ausschank von Entenwein.
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IM MEMORIAM HABERMASII.
Es ist voll auf dem Friedhof des Feuilletons anlässlich dieser Beerdigung. Ich ersuche einige Herrschaften doch bitte etwas vom Grab zurückzutreten. Man schwätzt von einem verstorbenen Philosophen, den man verehre. Dass ungelesene Suhrkampbände die heimischen Ikea-Regale zieren, macht Euch, die Zeitgeisttrottel aller eingebildeten Akademien, noch nicht zu Schülern des Meisters, auch wenn Ihr die Pose der Jüngern einnehmt. Ich verlange größeren Respekt vor Habermasius.
Habermas war Soziologe. Vor allem das lobe ich. Er hat das Fach vertreten, dem ich mich verpflichtet fühle. Dabei gehörte ich innerhalb des Fachs nicht mal zu seinen Schülern, ihm gebührte aber der akademische Respekt der Luhmann-Schüler, der Anhänger eines anderen Soziologen. Sein Oeuvre umfasst knapp fünfzig Titel, von denen ich nur die Hälfte studiert habe, aber solide seine Diss und seine Habil. Immer hat mich das Geschwätz darüber an den Flachhochschulen der Republik geschmerzt.
Habermas war der letzte Erbe der Frankfurter Schule. Er hat als zweite Generation ein wesentliches Kapitel der Wissenschaftsgeschichte erfüllt und geschlossen. Nach seinem Verstummen ist die Kritische Theorie (nicht irgendeine irgendwie kritische Theorie, sondern das Vorhaben von Adorno & Horkheimer) als Projekt erloschen. Er gehört in den Kanon nach Kant, Hegel und Marx. Es gibt keine kommunikative Kompetenz ohne zumindest propädeutische Lektüre dessen.
Habermas war ein öffentlicher Intellektueller. Ein Mann, der immer und überall sein Wort machte. Er hat sie nicht nur gesucht und bedient, die Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit, er hat sie als Raum der Demokratie begründet. Das Deliberative, die Kultur der Verhandlung, war ihm Ethos. Weil er wusste, dass die Kategorie des Individuums und die Fähigkeit zum Konsens, diese beiden, Frieden stiften.
Habermas war ein Titan, inflationär nachgeäfft von einem Geschlecht erfinderischer Zwerge, das meinen Beruf, die Public Relations, bevölkert. Den Profis dieser Profession ist klar, dass sie Parias der Publizistik sind; nie würden sie als Soziologen und Intellektuelle den berufsständischen Unsinn vertreten, jenes Schindluder, dass die Höheren Berufsschulen der PR für das Fach halten. PR ist kein Organ der Wahrheitspflege.
Das meint deliberative Demokratie, mit der Kraft des Arguments und der Bereitschaft zum Kompromiss einen liberalen Frieden schaffen. Daran hat er, schon mit 24 ein Held, fast ein Jahrhundert gewirkt. Möge ihm die Erde nun nicht zu schwer werden.
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UMLEGEN.
Wenn im Western alle Mittel versagen, sprechen die Colts: „Leg ihn um!“ So in der Wirtschaftspolitik. Wenn es gar nicht mehr geht, wird umgelegt. Ein Aufschrei ist zu erwarten.
In der Gasversorgung explodieren die Beschaffungspreise. Warum? Weil die Förderer es können. Russland macht Erdgas knapp, die Börsenpreise gehen durch die Decke. Das ist dem Markt Grund genug; er ist vielleicht ein dummer, aber immer ein ruppiger Geselle. Das kann dann auch der Kinderbuchautor Habeck nicht mehr heil reden. Und die Protektionen der Vergangenheit ploppen auf: Wie dem russischen Bären Honig ums Maul geschmiert wurde; von allen.
Weltmarktpreise steigen. Jetzt stecken die Gasversorger hierzulande aber in Verträgen, etwa mit Stadtwerken, die wiederum in Verträgen mit normalen Menschen stecken, die warm duschen wollen, wozu es eine Gastherme braucht. Die Versorger müssten nun billig verkaufen (Verträge !), was sie sehr viel teurer einzukaufen haben. Sie gingen jetzt ruckzuck pleite; was sonst. Lehrsatz: Der Kapitalismus funktioniert so, wie ihn Karl Marx erklärt hat.
Außer wir lassen Verträge Verträge sein und greifen zu der Wild-West-Logik: Wir legen um. Umgelegt werden die höheren Einstandspreise auf die Händler, die das auf die Versorger umlegen, die das auf die Verbraucher umlegen. Womit der Verbraucher sieht, was er davon hat, ein normaler Mensch (vulgo: Karl Arsch) zu sein. Es wird ihm eine Inflation beschert, das heißt, die Lebenshaltungskosten steigen, was heißt, normale Menschen zahlen die Party. Sie entdecken dieses Ding mit Karl Marx.
Wenn die Völker die Signale hören, gibt es eine Gerechtigkeitsdebatte. Man entdeckt die innere Logik des Umlegens: Es werden alle zur Kasse gebeten, übrigens auch jene, die es nicht so dicke haben. Die Versorger bis runter zum Kommunalen Unternehmen stehen vor einer Gerechtigkeitsdebatte, auf die sie in keiner Weise vorbereitet sind. So, VkU, jetzt mal Du! Ich bin gespannt, wie die GRÜNEN mit der neuen SOZIALEN FRAGE politisch zurechtkommen. Maulen können sie eigentlich nicht, da ihr Milieu genau mit dieser Methode zu Geld gekommen ist. Mittels Umlage wurde die Erneuerbaren Energien in den Markt hineinsubventioniert. Das gilt aber auch für die KERNKRAFT; ohne Staatsgarantie nähme keine Versicherung der Welt deren Risiken.
Wir landen bei GEORG AGRICOLA, dem der Satz zu verdanken ist: „Der Bergbau ist nicht eines Mannes Sache.“ Energiewirtschaft ist Gemeinschaftsaufgabe. Weil, wissen wir jetzt, durch unsere kleine Geschichte belehrt, es braucht viele Menschen, die man umlegen kann.