Logbuch

DER ZÖLLNER.

Reden wir über die Logik des Kapitalismus. Wertschöpfung geschieht durch Arbeit, nicht durch Handel; dieser kann die Früchte der Arbeit ungleich verteilen, er schafft sie aber nicht. So viel Marx muss sein. Sage ich als Schriftgelehrter. Man traue den rechtsgläubigen Pharisäern nicht. „Euch ist gesagt, ich aber sage Euch…“

Wem das Evangelium nicht ganz so fremd, der weiß, wer dort wirklich immer die Arschkarte hatte, der Zöllner. Bibelkundige erinnern, dass die jüdische Bevölkerung zu Zeiten Jesu unter römischer Besatzung stand und abgabenpflichtig war. Das Alte Rom vergab solche Einnahmerechte gezielt an seine Günstlinge, die dann Ortskräfte rekrutierten, Steuereintreiber. Deren Ruf war nicht gut, aber was soll’s. Das ganze System war Ausdruck einer kolonialen Unterwerfung, die zur Not mit militärischen Mitteln gesichert wurde.

Die Römer waren liberal gesinnt, was die Rechte ihrer eigenen Bürger anging; konnten aber auch ruppig sein, insbesondere gegen Konkurrenten. Die Auffassung Catos des Älteren ist bekannt, dass die nordafrikanischen Kolonie Carthago gänzlich dem Erdboden gleich gemacht werden sollte. Mit anderen Provinzen lebte man im Frieden, solange der Vasall wusste, wo Gott wohnt. Und seine Steuern zahlte. Roms Schutzmacht war nicht billig.

Die Idee, dass man Zölle in seinem Weltreich reziprok einsetzen könnte, wäre den Römern nicht gekommen. Denn das gäbe ja das Gesetz des Handelns letztlich aus der Hand. Man stelle sich vor, der Vasall würde seine Tarife schlicht senken. Man würde dem folgen müssen, wenn denn reziprok verfahren würde. Man stelle sich vor, dass der Referenzpreis für Erdgas durch die Gazprom festgelegt würde, ab Übergabe Northstream. Oder der Ölpreis vom Iran cif ARA. Und der Strom ex Tschernobyl in Grundlast. Und dann zu allem reziprok. Alta.

Man wird sich mit dem Gedanken beschäftigen müssen, dass die LOGIK DES KAPITALS beim Hegemon vorübergehend nicht mehr in allzu guten Händen ist. Der Hegemon scheint der Irritation zu unterliegen, dass die Wertschöpfung im Handel liege. Im Rheintal haben die wegelagernden Zolleinnehmer damals wenigstens hübsche Burgen gebaut, die bis heute eine unverbrüchliche Romantik gewähren. Zumal nach Genuss des Weins, den die Römer hinterlassen haben. Von den global reziproken Tarifen des Immobilienhelden wird nicht viel bleiben, vielleicht bis auf ein paar Abschlägen in maroden Grünanlagen.

Logbuch

HAUS ODER HÜTTE?

Gerne sehe ich Menschen zu, die sich ihr Haus als künftiges Heim bauen. In aller Regel wird das die größte Investition ihres Lebens sein; sie werden es erst abbezahlt haben, wenn sie es nicht mehr brauchen und sich danach irgendwann die Kinder, längst aus dem Elternhaus und im gleichen Fehler verfangen, fragen, wie sie das alte Gelump wieder los werden.

Aber so geht der Generationenvertrag, wenn bessergestellt. Es geht mir aber nicht um‘s Erbe, sondern die Architektur. Als Laie. Was meine Meinung über Häuser gebildet hat, sind zwei, drei Fachwerkbauten, die ich naiv und staunend sanieren durfte. Man sieht, dass vor dreihundert Jahren die Eichenbalken des Fachwerks mit römischen Ziffern nummeriert wurden, um sie bei einem Wiederaufbau leichter in die richtige Ordnung zu bringen. Fachwerk war auf Wiederverwendbarkeit ausgelegt. Kreislaufwirtschaft.

Und die Bauten hatten Keller wie sie Dächer hatten. Das mag jetzt nicht verwundern, wer naiv dachte, dass Spitzdach mit Speicher und Tiefkeller mit Drainage Selbstverständlichkeiten sind. Nun, ich sehe bei frischen Neubauten in meinem Dorf Flachdächer; was man wohl mal Bungalow nannte. Und ich höre eine sonore Stimme sagen: „Es gibt keine dichten Flachdächer. Das ist ein Leben unter einer riesigen Badewanne.“ Der Mann ist Dachdecker.

Spitzdächer sind nicht dicht, weil sie nicht dicht sein müssen; hier legt die Schwerkraft trocken. Jetzt zu den Holzbauten, die auf eine Bodenplatte gestellt werden. Das heißt bei mir auf dem Dorf abwertend: „direkt in den Dreck gebaut“. Ich sehe zudem bei diesen Kellerlosen eine Dämmverschalung bis zum Boden und weiß um den Kapillareffekt, mit dem nun die Feuchtigkeit zwischen Außenhaut und Innenwand kriecht. Das fault, von oben wie von unten. Aber wie gesagt, ich bin nicht vom Fach.

Tief in meiner Seele ruht allerdings der Glaube an die Klugheit der Vorfahren. Niemand hat gebaut ohne Keller und Dach. Seit tausend Jahren. Das waren Häuser; das andere Hütten. Man schaue im TV die Folgen von „Homes&Garden“ und lerne, dass die Amis immer nur Hütten bauen. Getackerte Pressspanbuden. Modell Onkel Tom. Wer so baut, wechselt sein Haus so oft wie die Kleidung. Wohnmode, nicht mehr.

Logbuch

EINE LEGENDE.

Ein Gentleman nimmt sich einer Sache immer nur halbherzig an. Nie macht er sich zum Propagandisten. Man macht sich nicht gemein. Freundlichkeit ist ihm wichtig; wo es an ihr fehlen sollte, weil etwas zu verachten, lässt er sie in Ironie übergehen, mehr nicht. Diese Klugheit der inneren Distanz kann man sich insbesondere im Alter leisten, wenn der Zorn gedämpft, die Leidenschaft nicht mehr wahllos und eine gewisse Ökonomie der Kräfte ohnehin angesagt ist.

In den Höhen des Harzes, den ein Mittelgebirge zu nennen, eher kühn wäre, gibt es, was sonst den Alpen vorbehalten, eine Alm. Die Steinberg Alm über Goslar. Die letzten Meter vom nahen Parkplatz brav zu Fuß zurückgelegt, begrüßt mich der Almwirt namentlich, weil er gelegentlich mein Logbuch lese. Kein Autor vermag es, dem Kompliment eines veritablen Lesers zu widerstehen.

Im Programm des 49. Steinberg Dialogs habe ich gelesen, dass unter den gut hundertfünfzig Teilnehmern auch Eckhard Schimpf sei, der dort ebenso originell wie zutreffend als „Journalistenlegende“ firmiert. Er begrüßt mich und erwähnt, dass wir beide älter würden, er freilich schon 87 sei. Ich rege hiermit eine biografische Würdigung der Legende an. Vielleicht sogar ein langes Zeitzeugeninterview in der Manier von Gaus.

Ecki, wie die mit ihm Vertrauten sagen, ohne ihn so leibhaftig zu adressieren, war lange Jahre Kopf der Braunschweiger Zeitung; vor allem aber war er Autonarr (seine Oldtimersammlung soll stattlich sein) und damit nah an Volkswagen, noch unter dem Regime von Carl Hahn und dann, auf eine andere Art, unter Ferdinand Piëch. Er ist ein Oxymoron von Nähe und Distanz, das gute Journalisten auszeichnet. Mich hat die fast religiöse Verehrung von gebogenem Blech immer verwundert.

Ihn wiederum überraschte wohl, dass mir diese Faszination fremd war. Ich habe unter dem Genie Piëch als dessen Sprecher darauf bestanden, keine Ahnung von Autos zu haben; was mein Chef bestätigte. Auch PR-Leute kennen das Oxymoron von Vertrautheit und Fremde. Niemals hätte ich dienstlich ein gutes Wort über meinen eigenen Laden verloren. Oder meinen Chef. Die Manie zum Eigenlob, die heute Plattformen wie LinkedIn erfüllt, war uns fremd; sie hätte als unprofessionell gegolten.

PR ist kein Marketing; diese Werbemöpse waren uns wesensfremd. PR-Leute klingeln nicht an Türen wie die Zeugen Jehovas. Oder der Provinzpolitiker. Jedenfalls sollte die Braunschweiger Zeitung ein großes Fest zum 90. von Ecki Schimpf planen und er offenlassen, ob er zu so einem Scheiß kommt. Damit wären dann alle geehrt.

Logbuch

HEIMAT.

Der gelernte Talkmaster (welch ein Wort) Harald Schmidt bekennt sich zu Köln als seiner selbstgewählten Heimat. Die Internet-Gemeinde staunt. Wie immer versucht er geistreich zu sein. Pointenzwang: es sei halt billiger als London oder Paris.

Kann eine Metropole Heimat sein? Sind sie nicht alle gleich, die großen Städte? Fragt man das die Bewohner der Nachbarstädte Köln und Düsseldorf, so kommt es zu entschiedenen Bekenntnissen der wechselseitigen Ablehnung. Dabei trinkt man an beiden Orten eine obergärige Plörre und feiert Karneval bis in die gemeinschaftliche Verblödung. Hat ein Häusermeer Charakter? Kann man in grauen Straßenschluchten verwurzelt sein?

München etwa hat den Vorzug, dass es nett liegt, man also bei der notorischen Stadtflucht in attraktiven Gegenden landet. Kitzbühel zum Beispiel. Auch Hamburg hat was; nämlich Sylt. Und zu Stuttgart, dem Moloch in einer stickigen Talenge, da fällt mir gar nichts ein. Man übertrage das Harald-Schmidt-Wort zur geliebten Heimat auf ein Mädchen: nicht hübsch, aber billig. Geht gar nicht, richtig?

Nun, dann vielleicht der Geburtsort. Wo stand Deine Wiege? Wo drücktest Du die Schulbank? Wo ist Deiner Eltern Grab? Wessen Mundart prägte Deine Sprache? Hier mögen die Völker mit unauslöschlichen Dialekten aus der Not eine Tugend machen; ich nenne nur die schwäbelnden Schwaben in Berlin als unbeliebteste Gruppe von Zuwanderern. Oder der Sachse, der immer und überall am Tonfall zu erkennen ist. Ich kann dem allen wenig abgewinnen. Die Trauben, die zu hoch hängen, sind dem Fuchs aber immer zu sauer. Ich gestehe, ich bin mit Emscherwasser getauft. Da hat man keine Heimatstadt als Idylle.

Vielleicht sind es nicht Städte, aber Landstriche, die unser Herz binden? Ich bitte Sie. Wie kann Ostwestfalen-Lippe oder Meck-Pomm als Region Heimat sein? Oder der vordere Taunus? Die fanatischste Heimatliebe stammt immer von den Zugereisten, die rechtfertigen wollen, warum sie jetzt am Arsch der Welt wohnen. Oder von den angestammten Dorftrotteln, die nie unter Mamas Rock hervorgelugt haben.

Was bleibt? Die Cowboy-Logik: „Home is, where I hang my hat.“