Logbuch

DES GELDES WEGEN.

Wenn die Münzen nicht mehr in der Hose klimpern, keine Scheine mehr gezählt werden, überhaupt Bargeld verschwunden, dann hat der Kapitalismus seine höchste Vollendung erreicht. Man kann uns ausplündern, ohne an die Hose zu müssen. Es geht mir dabei eigentlich gar nicht ums Geld. Ich denke über technischen Fortschritt nach.

Oft denke ich dann an ein Auto, das mir als Student treue Dienste leistete und recht erschwinglich war, Spitzname „Badewanne“, bei VW wohl Typ 3 genannt. Optisch ein damals in Mode gekommener Fronttriebler, tatsächlich mit einem Boxermotor im Heck bestückt, weil man in Wolfsburg noch immer am Käfer hing. Der Motor hatte einen Doppelvergaser, der mit Seilzug über ein kompliziertes Gestänge jeweils die linken und die rechten Kolben versorgte, eine mechanisch diffizile und sehr störanfällige Angelegenheit. Und er soff entsprechend. Seit dem Model T des Henry Ford war die Massenfertigung eine Domäne der Mechanik. Und des Verbrenners. Elektrisch war das Licht, sonst nix.

Nicht das sprichwörtliche Fließband war der Hebel, sondern genau gesagt die Standardisierung, auch Modulfertigung oder Gleichteilepolitik genannt. Man bekam das Model T in jeder Farbe, vorausgesetzt es war schwarz: „Any customer can have a car painted any color that he wants so long as it is black.” Massenmedien waren damals große Zeitungen und später das Radio. Die Konservendose machte Fleisch erschwinglich. Zuwanderung füllte die Belegschaften. Moderne Zeiten vor hundert Jahren.

Radios hatten noch Röhrenverstärker. Der Halbleiter war noch nicht erfunden, damit gab es keinen Transistor, der später Chip hieß und im Silicon Valley die mechanischen Lösungen beiseite schob und Kybernetik zur Domäne machte. Es ist die Informationstechnologie, die die Ingenieure dieser Generation groß gemacht hat. Insofern ist Elon Musk der Henry Ford unserer Tage. Übrigens ein Marketing-Genie, der die Aura des erratischen Erfinders zu kultivieren weiß. Dass der Tesla, so heißt die Badewanne heute, autonom zu fahren wisse, das ist ein solcher Mythos des Genies, mit dem er für gutes Geld Batterien verscheuert. Wesentlichster Teil der Wertschöpfung ist Kurspflege; deshalb wundert mich nicht, dass Musk sich Twitter gekauft hat.

Man kann die Industriellen Revolutionen seit Erfindung der Dampfmaschine unterschiedlich zählen; es können insgesamt vier sein. Vier Punkt Null. Das ist egal. Aber klar ist, dass sich die Bezugswissenschaft von der Thermodynamik und Mechanik zur Elektronik und der Kybernetik gewandelt hat. Nicht zufällig war die Brutstätte des neuen Denkens in Kalifornien „PayPal“, eine Bezahltechnologie des Online-Handels, die ohne Bargeld auskommt. Motto trotzdem: „We are only in it for the money!“

Logbuch

EINSTEIN.

Nein, nicht das Kaffeehaus, der Physiker ist gemeint. Ich lese eine sorgfältig argumentierende Besprechung einer englischen Werkausgabe des Albert Einstein, in der es neben den Lebensumständen dieses bescheidenen und kreuznetten Mannes um sein Fach geht, die theoretische Physik. Ich verstehe kein Wort. Bin aber von seiner gnadenlosen Unverschämtheit fasziniert.

Nein, er hat keine wesentlichen Beiträge zum Bau der Atombombe geleistet, aber den Kühlschrank erfunden. Echt. Aber das ist schon im Grundsatz fehlleitend. Erwähnungen dieser Art, die man dem Ingenieurwesen zuordnen muss, sind dem theoretischen Physiker fremd. Dem Mann ging es nicht um Praktisches; selbst dort, wo er, selten genug, Experimente unternahm, darf man ihm keinen Hang zum Basteln unterstellen.

Nein, er war kein politischer Kopf, wenn man darunter jemanden versteht, der seinen Vorteil in dieser oder jener Angelegenheit sucht. Es gibt pazifistische Aufrufe, aber sie stammen von einem jüdischen Weltgeist, dem jede Kreuzrittermentalität fremd. Einstein war Agnostiker insofern, als er seinen Verstand keinem Glauben opferte. Sein Gospel war: Unbestechlich die Dinge zu Ende denken.

Seine wissenschaftlich produktivsten Jahre hauste er in einer kleinen Stube des langweiligen Bern, und schrieb kurze Aufsätze, deren Gehalt so bombastisch war, dass die Wissenschaft ihnen lange die Anerkennung verweigerte. Die kurzen Schriften dachten Aporien der Physik zu Ende und landeten in einem neuen Weltbild. Licht lässt sich beugen. Höre ich. Kapiere es aber nicht.

So wie Mathematik keine Naturwissenschaft ist, hat Physik nichts Plausibles. Einstein ist, wenn er etwas zu Ende denkt, gnadenlos. Er lässt keine Zufälle zu. Der liebe Gott, glaubt er, zocke nicht: „Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt.“

Wer so klar im Kopf wie vor ihm nur Newton und Kant, der ist weltabgewandt. Ich schließe mit einer Episode der eingangs genannten Rezension. Einstein hört von einer Dame deren Sehnsucht nach der Weltstadt Paris. Er antwortet: „I like Paris, but I don't want to go there or anywhere. I should not like to learn a new language. I don't like new food or new clothes. I'm not much with people, and I'm not a family man. I want my peace. I want to know how God created the world. I'm not interested in this or that phenomenon, in the spectrum of this or that element. I want to know His thoughts, the rest are details.“

Logbuch

KLOPPO.

Das war eine wirklich kluge Wahl, die der gelegentlich tapsig wirkende Kanzlerdarsteller da getroffen hat. Der Sportpropagandist des Safterl-Konzerns wird Bundesverkehrsminister. Red Bull verleiht Flügel.

Max Weber unterscheidet zwischen klassischer Herrschaft, etwa der eines Königs, und der legalen, wo sich die Untertanen als Bürger Recht und Gesetz unterwerfen, und der charismatischen. Hier entsteht Gefolgschaft in den Herzen, denn es überzeugt eine Persönlichkeit durch ihre außergewöhnlichen Charaktereigenschaften. Etwa der Fähigkeit zu fliegen.

Die Antike kannte viele Kombinationen zwischen Menschlichem und Tierischem, siehe der berühmte Pferdemann (wie die gleichnamige Drogerie). Auch heute finden wir noch Wunderwesen, deren Authentizität unsere Urteilskraft ausschaltet. Ein Adler. Obwohl unzweifelhaft göttlichen Ursprungs gewinnt uns der Charismatischen durch Nähe. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn KLOPPO uns duzt. Er kann fliegen und liebt uns Irdischen doch.

Der Mann wird Brücken bauen und die Bahn sanieren. Die De-Industrialisierung ist gestoppt. Wir sind wieder Weltmeister. Fritze Merz, da hast Du mal was gekonnt! Salut!

Logbuch

HINWEISE FÜR MEINEN NACHRUF.

Ich habe keinerlei Wünsche, was den Nachruf angeht, der eines fernen Tages auf mich gehalten werden wird; ich muss mir den Unfug ja nicht mehr anhören. Wer aber dafür Quellen sucht, der könnte sich anlesen, was Max Frisch 1950 in sein Tagebuch über seinen Umgang mit Bertolt Brecht geschrieben hat.

Mich mit einigen Plagiaten zu ehren, wäre ja ohnehin angemessen. Also Frisch notiert über den anstrengenden Umgang mit Brecht: „Die Faszination, die Brecht immer wieder hat, schreibe ich vor allen dem Umstand zu, dass hier ein Leben vor allem vom Denken aus gelebt wird.“

Natürlich neidet der schwerfällige Frisch dem Stückeschreiber dessen Fähigkeit zur Glosse. Er notiert im Tagebuch: „Seine Blitze, seine Glossen, gemeint als Herausforderung, die zum wirklichen Gespräch führen soll, zur Entladung und Auseinandersetzung, sind oft schon erschlagend durch die Schärfe des Vortrags.“ Frisch ist fast verletzt durch Brechts scharfe Zunge.

Brecht erscheint dem schwerfälligen Schweizer ungeduldig und, wie er es formuliert, katechisierend, angesichts „… eines Lebens in Hinsicht auf eine entworfene Welt, die es in der Zeit noch nirgends gibt, sichtbar nur in seinem Verhalten, das ein gelebter, ein unerbittlicher und durch Jahrzehnte aussenseiterischer Mühsal niemals zermürbter Widerspruch ist.“ Der Geist, der stets verneint.

Humor bis hin zur Albernheit dürfte nicht unerwähnt bleiben. Ich schlage als Quelle für ein weiteres Plagiat vor: „Es ist... kein Zufall, dass Brecht… so unermüdlich für das Lockere wirbt, das Entkrampfte, eine unerhörte Forderung innerhalb eines Lebens … in Hinsicht auf eine entworfene Welt.“ Die Ähnlichkeit zu Brecht wäre mir erträglich.

Mit Max Frisch dagegen möchte man nicht verglichen werden. Er hat seinen Nachruhm dadurch belastet, dass seine Nächsten ihn der Indiskretion bezichtigen konnten. Man schreibt kein Tagebuch, nicht über Tatsächlichkeiten. Brecht dagegen hatte immer nur die Rolle des unerbittlichen Anklägers gegen alle Welt, der sich selbst und den seinen jedwedes verzieh.