Logbuch
HALBWISSEN.
Ich lese im Wartezimmer des Berliner Kassenarztes ein selbst gefertigtes Schild, nach dem man dem Weißkittel bitte nicht mit den Diagnosen von Doktor Google kommen möge. Frechheiten gelten am Ort als Ausweis von Esprit, sprich Kultur. Das ist übergriffig, aber ich verstehe, was die Seele des Quacksalbers gekränkt hat. Es gibt eine gemeinsame Klage von Ärzten und Anwälten, die mit allzu schlauen Mandanten zu tun hat. Es wird von den indignierten Fachleuten das Internet gerügt, was natürlich zu vordergründig ist.
Der vorinformierte Patient ist eine Konstante der Medizingeschichte; so wie der rechtskundige Mandant schon manchem Rechtsgelehrten die Laune ruiniert hat. Woran erkennt man den Heroen des Halbwissens? Am gnadenlosen Gebrauch von Fachbegriffen, die er aufgeschnappt hat und nun zum Nachweis seiner Expertise allerorten daherplappert. Man lese dazu von Jean Baptiste Poquelin das wunderbare Werk um den „bourgeois gentilhomme“, eine politische Posse um eingebildete Bildung.
Um Rat fragen zu können, das bedarf einer Haltung der Demut vor der Expertise, die ausgerechnet dummen Menschen gänzlich fehlt. Und es bedarf einer konzentrierten Vorbereitung, das in wenigen Worten klarer Sprache sagen zu können, was der Gelehrte noch nicht wissen kann. Das ist Laienpflicht. Stattdessen plappert der Halbgebildete frei nach Apotheken-Umschau von Anamnese und chronischer Hypochondritis oder belügt seinen eigenen Anwalt, weil der dann besser den Richter anschmieren kann. Zusätzlich noch Phrasen aus der Gratis-Kanzlei der Rechtsschutzversicherung. Das geht, man glaube mir, häufig schief.
Zurück zu Poquelin. Die Handlung um den geltungssüchtigen Spießbürger, der für einen Adeligen edler Abkunft gehalten werden will, und deshalb um Konversation wie bei Hofe bemüht ist, die ist genau genommen nur Nebenhandlung. Eigentlich geht es um einen Wettbewerb der Eitelkeit zwischen den muslimischen Osmanen und dem katholischen Franzosen, wobei der Konflikt weniger den Religionen geschuldet ist als Herrschaftsansprüchen. Ein kreuzmodernes Thema aus dem 17. Jahrhundert.
Darin der ironische Leitsatz: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Wäre auch ein Schild wert, etwa für die Anwaltskanzlei. Aber Ironie ist eine Falle.
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FRAU UND BUCH.
In meinem Büro läuft den lieben langen Tag lang das Fernsehgerät mit einem Nachrichtensender, da ich noch zu jenen Wesen gehöre, die auf dem Schreibtisch nur einen Schirm haben und überhaupt wandernd arbeiten. Zwischen Schreibtisch, Stehpult, Lesesessel, Kaffeemaschine. Dabei halte ich die Schlagzeilen im Auge, die als Laufband am unteren Bildrand durchlaufen. Keine Ahnung, wie diese Laufbänder bei Menschen vom Fach heißen.
So lese ich auf WELT vorgestern also: „Einzelhandel am Verzweifeln“ und zwar in den üblichen Großbuchstaben. AM VERZWEIFELN. Es ging wohl um Ladendiebstähle und die inzwischen notorische Renitenz einschlägiger Kreise. Grammatisch handelt es sich dabei um die sogenannte Verlaufsform; und zwar in einer Verkürzung. Gemeint ist „Einzelhandel am Verzweifeln dran“, wenn man sagen möchte, dass ein Vorgang nicht abgeschlossen ist, sondern andauert. In den Soziolekten der Vorstädte auch als „dran am seien“ gefasst.
Abgeschlossene Vorgänge bedürfen des Plusquamperfekts. Etwa so: „Rakete hatte getroffen gehabt“. Der höchste Grad grammatischer Bildung ist durch das Futur II erreicht. Also so: „Rakete wird getroffen gehabt haben“. Viel Irritation ist der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen zweisprachig geworden sind und grammatische Formen des Englischen übernehmen: „I am walking“ als „Ich bin am gehen“, respektive „am Gehen dran“.
Tja, das deutsche Präsens wird unterschätzt. Womit wir beim berühmten Partizip Präsens sind: „gehend“ oder „verzweifelnd“. Dazu haben geschlechtsbewusste Menschen entdeckt, dass das Partizip Präsens verbirgt, welches Geschlecht der Gemeinte hat, womit man verhindert, dass sich Nicht-mit-gemeinte diskriminiert fühlen, weil nur mitgemeint. Es gibt eine der Biologie übergestülpte Varianz, die der zorigen Hermaphroditen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Für Journalisten, die Herren der Schlagzeile, gibt es kein gutes oder schlechtes Deutsch, halt nur unverständliche oder fehlleitende Formulierungen. Wenn also der Verzweifelnde noch nicht mit einem Strick um den Hals an einem starken Ast hängt (am Hängen dran ist), sprich, noch am Leben dran, dann ist er ja auch noch am Zweifeln dran. Der Mensch zweifelt, solange er gelebt gehabt haben wird.
Ich unterhalte übrigens kleinere Sammlungen, unter anderem auch solcher Bilder, auf denen Damen in ein Buch schauen. Zwei Welten treffen aufeinander. Nennt sich LESENDE. Keine Pointe.
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DER GEIST DES WEINES.
Besuch bei unserem Winzer in Contrua Castro, ein Gebirgsort kurz vor der Mündung des Kleinen Flusses in den Großen. Betriebsbesichtigung eines edlen Handwerks, das sich am Fuße der Festung in den Fels eines Städtchens gemeißelt hat, in spätrömischer Zeit und dann von Generation zu Generation wiederbelebt wurde. Man brauchte den steilen Hang der Sonne wegen und des Bodens und man brauchte die tiefen Keller, da kalt und dunkel. Man schuftet, liegt aber in Gottes Hand. Ich höre von bösem Frost und zu viel Wasser und Sonne nach der Ernte.
So weit nix neues. Bei der Verkostung das Gespräch über den ZEITGEIST. Das ganze Geheimnis liegt ja seit Cato dem Älteren in der Vergärung von Zucker zu Alkohol. Beim Zucker gibt es in der Moderne eine üble Vorgeschichte, in der man dem englischen Geschmack nach tiefer Süße durch die Zugabe von Frostschutzmittel (Glykol) nachgeholfen hat: Liebfraumilk bottled in Liverpool; habe ich selbst noch in Britannien serviert bekommen.
Jetzt heißt der Schlachtruf „trocken!“ Der Winzer erzählt, wie er erfolgreich in der VIP-Lounge von Tante Käthes Parade-Elf einen Weißburgunder mit einigem Restzucker als trocken ausschenkt. Und dafür vom VIP-Publikum geliebt wird. Die Zunge der meisten Weinfreunde ist klüger als ihr Kopf. Ich lasse mir erklären, was „feinherb“ bedeutet und bin fassungslos. Ach, verdammt mir den Fruchtzucker nicht, seufzt es in mir.
Der allerneueste Ruf geht freilich nach „alkoholfrei“, was der Plebs „antialkoholisch“ nennt. Man entzieht dem Wein, was ihn ausmacht, was seinen Geschmack trägt, den Allohol und säuft am Ende schlicht Saft oder Wasser. Wie das liebe Vieh: Gras fressen und Wasser saufen… Der Vergleich ist so schräg nicht. Im Fisch wie dem Fleisch trägt das Fett den Geschmack. Mager und trocken, vielleicht auch noch vegan? Wie das liebe Vieh. Dagegen haben die Römer einen Schutzwall gebaut. Der Limes ist eine Wein-Bier-Grenze. Heutzutage würde ich gern das frugale Gesindel aussperren.
Neben der Klage über den ZEITGEIST und seine Spätrömische Dekadenz habe ich gestern aber was gelernt, nämlich wie man guten Wein erkennt und wie sehr guten. Der passable kostet zehn € die Pulle, der gute zwanzig. Und ab sechzig wird es richtig interessant. Jetzt kenne ich mich aus. Da braucht es doch keinen Sommelier. Im Preis liegt der Geist des Weines. Wenn einem soviel Gutes widerfährt.
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HINWEISE FÜR MEINEN NACHRUF.
Ich habe keinerlei Wünsche, was den Nachruf angeht, der eines fernen Tages auf mich gehalten werden wird; ich muss mir den Unfug ja nicht mehr anhören. Wer aber dafür Quellen sucht, der könnte sich anlesen, was Max Frisch 1950 in sein Tagebuch über seinen Umgang mit Bertolt Brecht geschrieben hat.
Mich mit einigen Plagiaten zu ehren, wäre ja ohnehin angemessen. Also Frisch notiert über den anstrengenden Umgang mit Brecht: „Die Faszination, die Brecht immer wieder hat, schreibe ich vor allen dem Umstand zu, dass hier ein Leben vor allem vom Denken aus gelebt wird.“
Natürlich neidet der schwerfällige Frisch dem Stückeschreiber dessen Fähigkeit zur Glosse. Er notiert im Tagebuch: „Seine Blitze, seine Glossen, gemeint als Herausforderung, die zum wirklichen Gespräch führen soll, zur Entladung und Auseinandersetzung, sind oft schon erschlagend durch die Schärfe des Vortrags.“ Frisch ist fast verletzt durch Brechts scharfe Zunge.
Brecht erscheint dem schwerfälligen Schweizer ungeduldig und, wie er es formuliert, katechisierend, angesichts „… eines Lebens in Hinsicht auf eine entworfene Welt, die es in der Zeit noch nirgends gibt, sichtbar nur in seinem Verhalten, das ein gelebter, ein unerbittlicher und durch Jahrzehnte aussenseiterischer Mühsal niemals zermürbter Widerspruch ist.“ Der Geist, der stets verneint.
Humor bis hin zur Albernheit dürfte nicht unerwähnt bleiben. Ich schlage als Quelle für ein weiteres Plagiat vor: „Es ist... kein Zufall, dass Brecht… so unermüdlich für das Lockere wirbt, das Entkrampfte, eine unerhörte Forderung innerhalb eines Lebens … in Hinsicht auf eine entworfene Welt.“ Die Ähnlichkeit zu Brecht wäre mir erträglich.
Mit Max Frisch dagegen möchte man nicht verglichen werden. Er hat seinen Nachruhm dadurch belastet, dass seine Nächsten ihn der Indiskretion bezichtigen konnten. Man schreibt kein Tagebuch, nicht über Tatsächlichkeiten. Brecht dagegen hatte immer nur die Rolle des unerbittlichen Anklägers gegen alle Welt, der sich selbst und den seinen jedwedes verzieh.