Logbuch

Der ins Amerikanische exilierte Professor Gumbrecht regt in der Schweizer Zeitung NZZ, Heimat konservativen Denkens, an, dass man dem notorisch überschätzen JÜRGEN HABERMAS ein Denkmal setze, damit er nicht verblasse wie der ostwestfälische NIKLAS LUHMANN oder der Pariser JACQUES DERRIDA. Das führt bei mir zu instinkthaften Reaktionen. In meiner Jugend gehörte man SCHULEN an. Man war, wenn nicht in den vielfältigen marxistischen Welten oder den Lustgärten des französischen Strukturalismus, entweder Habermas- oder Luhmann-Schüler. Die Doofen waren in der Frankfurter Etappe, also bei Habermas. Die Schlauen hatten ihren Papst in Bielefeld, man war Luhmann-Schüler. Der galt als schwer verständlich. Habermas war VHS, Volkshochschule. Und der Gumbrecht galt an seiner Uni, die auch meine ist, als sonderbegabt. Da liegt also der Witz, dass er nun ex USA in der NZZ den Konversationswissenschaftler Habermas lobt. Kann nämlich nicht sein Ernst sein. Gott wohnte in Bielefeld; als es das noch gab. Und ihn noch. Jetzt musst Du Dir ein Schweizer Seniorenblatt leisten, weil es an deutschen Unis ödet.

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Ich werde heute nicht ans Kiosk gehen und mir die BILD am SONNTAG kaufen. Ich fürchte furchtbares. Ein notorisch flachsinniger Impressario des Springer Verlages will dort PETER SLOTERDIJK als tollsten deutschen Philosophen präsentieren. Das kann nur grausam werden. SLOTERDIJK tingelt seit einiger Zeit. Das tut seinen alten Freunden weh. Ich habe mal ein Fernsehformat mit ihm erfunden, entwickelt und lange gefördert. Das PHILOSOPHISCHE QUARTETT war eine Perle im ZDF. Ich erinnere mich gut, wie der Produzent FS es damals beim ZDF-Intendanten mit einem Lächeln durchsetzte. Vor allem aber erinnere ich ein Dinner in einem Hamburger Edelrestaurant, von dem sich ein toller Blick auf den Museumshafen bot . Sloterdijk hatte ich vorher einen Essay von mir gegeben; ja, um ein wenig anzugeben. Er fragte in leicht indigniertem Ton, wer der darin zitierte Klaus Merten sei. Das war keine Frage; es war der Hinweis, dass dies unter seiner Lektüreschwelle liege. Eine Arroganz, die man sich erlauben kann, wenn man einen Lektürevorsprung von 50.000 Seiten hat. Es kochte damals dort ein Österreicher mit Vau, war also noch vor dem Türken, der es dann hatte. Jetzt Fernsehkoch. Der tingelt heute im Boulevard. Wie Sloterdijk. So vergeht der Ruhm der Welt.

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Die Kommunikation von Jedermann (m/w/d) in den Sozialen Medien des Internets bringt üble Charakterzüge zum Vorschein. Es gibt die FANATISCHEN MORALISTEN, die richten wollen; meist aus hohlen Motiven, aber immer in größter Entschiedenheit. Zum Beispiel in der Frage der Sternendeuter an der Krippe Jesu. Da wundert mich in vielen Fällen das Missverhältnis von geringer historischer Kenntnis und großer rhetorischer Wucht. Irre, die gehasst werden wollen. Wirklich fremd sind mir aber die absolut vordergründigen und deshalb völlig humorlosen NARZISTEN, die Sammler des „likes“; in der jüngeren Generation zählen sie die sogar. Man hat Follower, die liken, und zwar viel mehr als man selbst followed; darauf achtet man. Das ist wirklich leer. Wie kann man in die Welt hinaus wollen, um Kussmündchen zu sammeln? Es gibt eine eigene Eitelkeit der Strohdummen, die man mit der der Zyniker nicht verwechseln sollte.

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PIEFKES.

Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt, wohl dem, der jetzt noch Heimat hat. Das ist, wie mancher weiß, nicht von mir, sondern von Friedrich Nietzsche, der, was wenige wissen, ein deutscher Dichter war, der ohne weiteres vernachlässigt werden kann. Warum zitiere ich gleichwohl? Wegen den Herbst, wo wir jetzt haben.

Keine Jahreszeit hat unter den Lyrikern aller Zeiten mehr düstere Stimmungen hervorgerufen als der „fall“, wie der Amerikaner den „autumn “ nennt. Es greifen die Depressiven zur Feder. Na ja, sagen wir, die Larmoyanten; das ist nicht das Gleiche. Die Zugvögel sind raus und haben uns zurückgelassen. Altweibersommer. Vereinsamt.

Man neigt dazu, der Dichtung die Aufgabe zuzuordnen, als Seelenspiegel aufzutreten. Das aber ist schlechte Literatur. Gestern noch habe ich angemerkt, dass man Tagebücher nicht mit Tatsächlichkeiten zu füllen habe. Und mich selbst in die Tradition des großen Bert Brecht gestellt, dessen Elegien Politik machen wollten, nicht Sentimente.

Das war eine kolossale Unverschämtheit und enge Freunde empfanden Freude an der Frechheit dessen. Allen anderen sei versichert, es geht mir gut. Zu mehr fehlt mir das lyrische Talent. Aber haben Sie, verehrte Freunde, den Raum im Bundeskanzleramt gesehen, in dem unser Regierungschef mit denen Englands und Frankreichs den amerikanischen Präsidenten konferierten? Man tagte in einem profanen IKEA-Sammelsurium. Die Spitze des Westens in einer mediokren Innenarchitektur des Schwedenkitsch. Ich habe mich geschämt.

Aber so ist er ja, der Kleinbürger Scholz, ein gehobener Paria des Mittelständischen, der Scholzomat, eine mäßig verhüllte Sprechpuppe: Auftritt der IKEA-Kanzler. Darin liegt vielleicht das fundamentale Versagen der Ampel, Größe nicht mal vorgetäuscht zu haben. Darauf hätte das Volk aber einen Anspruch. Ganzjährig des Königs neue Kleider ist für unser Geld zu wenig.

Nachfrage: Werde ich jetzt bei dem Zensor, sprich dem grünen Präsidenten des Bundesnetzagentur, gemeldet? Dann würde ich als Schutzschrift hinterlegen wollen: Nicht ich machen den Staat lächerlich, mir läge an Erhabenheit. Die gibt es aber nicht bei IKEA.