Logbuch

BARFUSS DIE SOLOVIOLINE.

Gestern spielte die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja zusammen mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko das „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann aus dem Jahr 1939. Und sie, die Soloviolinistin, war BARFUSS. Auf der Bühne der Berliner Philharmonie.

Das Publikum war, skurriler Gegensatz, wegen Corona vermummt. Und staunte über die feenhafte Eleganz einer virtuosen Künstlerin, die eine unvermutete Grazie zeigte. Die „Musik der Trauer“, welch ein Widerspruch, erheiterte, ohne eine Spur des Komischen oder Pathetischen. In der Leichtigkeit einer weinenden Violine. Ein großes Kunsterlebnis. Spielt sie immer ohne Schuhe? Kein Ahnung. Das aber war ANMUT. Anmut ohne falsche Würde.

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SEIN WORT MACHEN.

In den TV-Nachrichten ein BRIGADEGENERAL der Bundeswehr, den der Bundespräsident für die Fluchthilfe in Afghanistan ausgezeichnet hat. Ich habe nicht gedient und finde diesen Einsatz insgesamt, sagen wir, schwierig. Aber der Mann wusste SEIN WORT ZU MACHEN.

Welch ein Lichtblick in diesem Universum der Laberbacken. Findet auch die Blonde. Sagt die Blonde, sie sei mal im BUNDESWEHRKRANKENHAUS gewesen und dort gut behandelt. Seitdem sehe sie Militär mit anderen Augen. EIN BEISPIEL GEBEN.

Mehr habe ich heute Morgen nicht: sein Wort machen und ein Beispiel geben können. SALUT.

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DER ZUSTAND DER DEMOKRATIE.

Die Kandidaten überzeugen mich alle nicht. Lustlos sehe ich die Schlussphase des Wahlkampfes. Erkenntnisekel als Lebensgefühl.

Olaf Scholz will erscheinen als Hanseat. Bürgerlich, liberal, sozialdemokratisch. Helmut Schmidt ist wieder da. Und ein wenig Willy Brandt. Er will stehen für Solidität. Das wären meine Werte. Auf ein solches Charisma würde ich reinfallen.

Olaf Scholz muss aber seine mickrige Amtsführungen rechtfertigen. In Hamburg, wo er den Terror nicht in den Griff bekam und Steuerbetrug tolerierte. In Berlin, wo er massiven Betrug nicht aufdeckte und Geldwäsche begünstigte. Nicht er persönlich, sondern seine Behörden. Politisch verantwortlich für Staatsversagen.

Olaf Scholz kann Kanzler nicht. Mir war das immer klar. Ich habe zudem einen Freund, der ihn gut kennt, und von ihm auch charakterlich nicht überzeugt ist. Der Mann ist für mich nicht die Lichtgestalt, als die er erscheinen möchte. Aber das spräche ja für sein PR: mittleres Talent mit einigem Erfolg. Charisma geht anders.

Ich habe schon per Briefwahl meine Pflicht getan. Und wahre natürlich das Wahlgeheimnis. Aber es war ein Vermeidungshandeln, keine Begeisterung, ein Abwägen. Ich habe versucht, das geringste Übel zu wählen. Soviel zum Zustand der Demokratie.

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HALBWISSEN.

Ich lese im Wartezimmer des Berliner Kassenarztes ein selbst gefertigtes Schild, nach dem man dem Weißkittel bitte nicht mit den Diagnosen von Doktor Google kommen möge. Frechheiten gelten am Ort als Ausweis von Esprit, sprich Kultur. Das ist übergriffig, aber ich verstehe, was die Seele des Quacksalbers gekränkt hat. Es gibt eine gemeinsame Klage von Ärzten und Anwälten, die mit allzu schlauen Mandanten zu tun hat. Es wird von den indignierten Fachleuten das Internet gerügt, was natürlich zu vordergründig ist.

Der vorinformierte Patient ist eine Konstante der Medizingeschichte; so wie der rechtskundige Mandant schon manchem Rechtsgelehrten die Laune ruiniert hat. Woran erkennt man den Heroen des Halbwissens? Am gnadenlosen Gebrauch von Fachbegriffen, die er aufgeschnappt hat und nun zum Nachweis seiner Expertise allerorten daherplappert. Man lese dazu von Jean Baptiste Poquelin das wunderbare Werk um den „bourgeois gentilhomme“, eine politische Posse um eingebildete Bildung.

Um Rat fragen zu können, das bedarf einer Haltung der Demut vor der Expertise, die ausgerechnet dummen Menschen gänzlich fehlt. Und es bedarf einer konzentrierten Vorbereitung, das in wenigen Worten klarer Sprache sagen zu können, was der Gelehrte noch nicht wissen kann. Das ist Laienpflicht. Stattdessen plappert der Halbgebildete frei nach Apotheken-Umschau von Anamnese und chronischer Hypochondritis oder belügt seinen eigenen Anwalt, weil der dann besser den Richter anschmieren kann. Zusätzlich noch Phrasen aus der Gratis-Kanzlei der Rechtsschutzversicherung. Das geht, man glaube mir, häufig schief.

Zurück zu Poquelin. Die Handlung um den geltungssüchtigen Spießbürger, der für einen Adeligen edler Abkunft gehalten werden will, und deshalb um Konversation wie bei Hofe bemüht ist, die ist genau genommen nur Nebenhandlung. Eigentlich geht es um einen Wettbewerb der Eitelkeit zwischen den muslimischen Osmanen und dem katholischen Franzosen, wobei der Konflikt weniger den Religionen geschuldet ist als Herrschaftsansprüchen. Ein kreuzmodernes Thema aus dem 17. Jahrhundert.

Darin der ironische Leitsatz: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Wäre auch ein Schild wert, etwa für die Anwaltskanzlei. Aber Ironie ist eine Falle.