Logbuch
KUMPEL.
Armin Laschet, der neue CDU-Vorsitzende und designierte Merkel-Nachfolger, also vielleicht künftig Bundeskanzler, hat zu seiner Wahl an die Spitze seiner Partei, die KUMPEL-KARTE gezogen; ein sehr geschickter Schachzug. VERTRAUEN. Er zitiert seinen Vater, der ihn als vertrauenswürdig empfehle. Ein Spitze des kleinen dicklichen Armin gegen den langen bösen Friedrich. Herz gegen Hirn. Nur eine Spitze? Nein, ein geschickter Todesstoß gegen den rechten Über-Taktiker Merz. Aber da war mehr. Laschet zeigte die „Marke“ seines Vaters. Im Tiefbergbau war das eine Münze, in die die Personalnummer geprägt war; sie hatte ein Loch und hingt am Schacht an einem Nagelbrett. Wer anfuhr (so heißt das), nahm seine Münze mit. Wenn „Schicht im Schacht“ war, hängte er sie zurück. So war auf einen Blick zu sehen, wenn der Berg einen Kumpel nicht wieder hergegeben hatte. Bergbau ist keine Spielerei, ein „no-nonsens-business“, nichts für Sesselfurzer. Das „Gedinge“, die Arbeitsgruppe aus gestandenen Deutschen, Polen und Türken, diese solidarische Gefahrengemeinschaft, ist ein starker Mythos der Montankultur. Ich habe Laschet, mit dem ich in Bonn auf einem Podium saß, mal bescheinigt, dass er klüger als seine Partei sei; hat er lächelnd akzeptiert. Gemeint war: liberaler als seine Partei. Er bemüht den MYTHOS: sieh da, ein Kumpel. Das ist übrigens eine Ehrenbezeichnung, die Bergfremden nicht zusteht. Meine Großväter, die beide untertage „angelegt“ waren (so hieß das), hätten das nicht mal einem Buchhalter (übertage) des gleichen Pütts als Attribut gewährt. Auf den Ölplattformen in der Nordsee gibt es ein ähnliches Instrument; man erhält einen „tracker“, den man auf keinen Fall ablegen darf, damit im Notfall klar ist, wer wo steckt. Das ist eine weit verzweigte Fabrik. Man stelle sich eine solche Plattform vor, wie einen auf dem Kopf gestellten Dom. Den Kölner Dom einmal umdrehen. Ja, in genau diesen Dimensionen. Die Spitze in der Lagerstätte, sagen wir im Erdgas, und in himmlischer Höhe der weitläufige Kirchenbau. Die Krypta als Kantine. Das mit einem Heli zu evakuieren, ist schon ein Ding. Im Bergbau ist „vor Hacke duster“; wenn hier einer unten bleibt, nennt man das „lange Schicht“. Eigener Humor. Ich war übrigens mit dem seinerzeitigen MP von Niedersachsen im Rahmen einer Journalistenreise mal auf einer Gasplattform in der Nordsee vor Norwegen. Der wurde dann später Bundeskanzler. Mit dabei auch eine sehr nette bayrische Journalistin des Fokus, Doris Köpf, seine spätere Ehefrau. Aber das ist, wie Kipling sagt, nun wirklich eine andere Geschichte.
Logbuch
CHARISMA.
Wie die Verzauberung eines Hans Wurst zu einem charismatischen FÜHRER gelingen kann, ist ein großes Geheimnis. Aber wenn er dann den Heiligenschein hat, leuchtet er so hell, dass er blendet. Verblendet. Charismatische Führer sind immer VERFÜHRER. Bitter ist das Gegenteil: wenn aus der Heiligen wieder eine ganz normale Trulla wird. Ein Gesamtkunstwerk zerfällt in seine banalen Teile. Man schaut nicht mehr auf, sondern genau hin. So ging es AKK. Fast mitleiderregend. Albern gekleidet, unkonzentriert mit flatternden Blick vor einem leeren Parteitag. Tschö mit Öh. Und kein Wort, keine Silbe, keine Geste von Merkel, der kalten Machiavellistin. Der Ruf dahin. Aus Verehrung des Publikums wird Verachtung. VERLIERER verehrt man nicht. RUHM? Kein Ruhm. Gewogen und für zu leicht befunden wirft die Politik eine ausgepresste Schale auf den Müll. Ich fand AKK nie gut, jetzt aber dauert sie mich. ENTZAUBERUNG. Bitter.
Logbuch
HAUSTIERE.
Jeder dritte Haushalt hat einen Hund, lese ich. Aber der landet nicht im Topf. Oder auf dem Grill. Er ist Gefährte. Ein Freund. Oder Kindersatz. Ich sehe diese Herrchen, wie sie mit Beutelchen streunend die Kothaufen der Köter einsammeln. Das hat was groteskes. Offensichtlich lebt das Tier doch in keiner artgerechten Haltung. Vom KATZENKLO will ich gar nicht erst reden; das lasse ich meinem Jugendfreund HELGE SCHNEIDER aus Mülheim an der Ruhr. Also, man unterscheide die Wildtiere von den Haustieren und diese beiden von den Heimtieren. Letztere sind etwas tief Perverses. Das Haustier braucht man zur Nahrungsergänzung. Jeder anständige Bergmann hatte früher ein Schwein; außer die zugewanderten Kumpel aus Polen; die hatten eine Ziege. Das Hobby endete regelmäßig in der Hausschlachtung. Die Siedlungen, Kolonie genannt, waren so gebaut: Stall hinterm Haus. Auf dem Land kamen noch die Traktionshilfen dazu, weil man keinen Schlepper hatte, wie der Trekker im Westfälischen hieß. Anders die SPIELTIERE. Dazu kenne ich ein wunderschönes Gedicht aus dem Mittelhochdeutschen. Es geht um jenes Spiel, das heute nur noch die Sprosse der Ölscheichs pflegen: das BEIZEN. Man richtete sich einen Falken ab, um damit der Jagd zu frönen. Ich liebe das Ding so, weil es zeigt, wie schräg das Frauenbild mancher Zeitgenossen ist. Ein früher Dichter aus Kürenberg erzählt: „Ich zog mir einen Falken / Mehr als ein Jahr / Und als er war / Wie ich ihn wollte / Flog er in ein anderes Land.“ Worum es geht? Da hat sich eine hochgestellte Dame, die erzählt hier, einen Liebhaber abgerichtet, der ihr zu Gefallen sein sollte; und der hat sich nach einem Jahr aus dem Staub gemacht. Es darf geseufzt werden. In der zweiten Strophe wird es noch bitterer: die Düpierte sieht den Lover prächtig gekleidet in neuen Diensten. Der Falke, das Sporttier, als Gigolo. Überhaupt ist die Beziehung von FRAUCHEN, welch ein Wort, zu dem Objekt ihrer Pflege, nicht frei von EROTIK; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Logbuch
HALBWISSEN.
Ich lese im Wartezimmer des Berliner Kassenarztes ein selbst gefertigtes Schild, nach dem man dem Weißkittel bitte nicht mit den Diagnosen von Doktor Google kommen möge. Frechheiten gelten am Ort als Ausweis von Esprit, sprich Kultur. Das ist übergriffig, aber ich verstehe, was die Seele des Quacksalbers gekränkt hat. Es gibt eine gemeinsame Klage von Ärzten und Anwälten, die mit allzu schlauen Mandanten zu tun hat. Es wird von den indignierten Fachleuten das Internet gerügt, was natürlich zu vordergründig ist.
Der vorinformierte Patient ist eine Konstante der Medizingeschichte; so wie der rechtskundige Mandant schon manchem Rechtsgelehrten die Laune ruiniert hat. Woran erkennt man den Heroen des Halbwissens? Am gnadenlosen Gebrauch von Fachbegriffen, die er aufgeschnappt hat und nun zum Nachweis seiner Expertise allerorten daherplappert. Man lese dazu von Jean Baptiste Poquelin das wunderbare Werk um den „bourgeois gentilhomme“, eine politische Posse um eingebildete Bildung.
Um Rat fragen zu können, das bedarf einer Haltung der Demut vor der Expertise, die ausgerechnet dummen Menschen gänzlich fehlt. Und es bedarf einer konzentrierten Vorbereitung, das in wenigen Worten klarer Sprache sagen zu können, was der Gelehrte noch nicht wissen kann. Das ist Laienpflicht. Stattdessen plappert der Halbgebildete frei nach Apotheken-Umschau von Anamnese und chronischer Hypochondritis oder belügt seinen eigenen Anwalt, weil der dann besser den Richter anschmieren kann. Zusätzlich noch Phrasen aus der Gratis-Kanzlei der Rechtsschutzversicherung. Das geht, man glaube mir, häufig schief.
Zurück zu Poquelin. Die Handlung um den geltungssüchtigen Spießbürger, der für einen Adeligen edler Abkunft gehalten werden will, und deshalb um Konversation wie bei Hofe bemüht ist, die ist genau genommen nur Nebenhandlung. Eigentlich geht es um einen Wettbewerb der Eitelkeit zwischen den muslimischen Osmanen und dem katholischen Franzosen, wobei der Konflikt weniger den Religionen geschuldet ist als Herrschaftsansprüchen. Ein kreuzmodernes Thema aus dem 17. Jahrhundert.
Darin der ironische Leitsatz: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Wäre auch ein Schild wert, etwa für die Anwaltskanzlei. Aber Ironie ist eine Falle.