Logbuch

FAST FOOD.

Wenn die GIER alles steuert. Kein „Triebaufschub“ (Freud) mehr. Ich will es sofort und ich will alles sofort, jedenfalls viel, sehr viel, am liebsten zu viel. Und so bekomme ich mein Mahl in einem EIMER. Ein Putzeimer voller „yummi-yummi“: Seelennahrung (soul food) für die ganz Gierigen. Zufällig bei KFC an der Autobahn, einem freundlichen Schnellrestaurant der Franchise-Systemgastronomie mit Geflügelfleisch, dessen Mutterkonzern YUM! heißt, mit einer wirklich freundlichen Bedienung. Was mach ich vor diesem Laden? Einfach deshalb, weil die ein DRIVE INN sind und ich Kaffee brauche und hier auch kriege. Blick auf die Speisekarte. Ich bin perplex: die Dareichungsform einer Mahlzeit ist ein „bucket“, ich erfahre, schon immer; der Eimer gehört zur Marke. Über tausend Gramm Geflügelteile in würziger Panade zu zweieinhalbtausend Kalorien in einem Eimer. Hab ich mir erspart. Der Kaffee war heiß und nicht schlecht. Die Marke kann ich vollständig ausgesprochen hier eigentlich nicht nennen, weil eine TV-Comedy das für meine Generation durch ein blödes Wortspiel vollständig ruiniert hat. Man weiß, was ich meine. 

PS: Bei dem Freud-Schüler Marcuse „repressive Entsublimierung“. Großes Wort für Eimer mit Hühnerflügeln in Würzpanade an Pommes und Coca.

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WIE DIE ZEIT VERGEHT.

Meine alte Penne wieder gesehen. Steht noch. Vier erstaunliche Dinge, die mir zu denken geben. Über dem Eingang steht nach wie vor in großen Lettern: DEO MUSIS PATRIAE. Zu Deutsch: Dem Gott (Einzahl), Den Musen (Mehrzahl), Dem Vaterland (Einzahl). Davon gingen heute „politisch“ nur noch die Musen. Dem Gott? Die Bindung des Staates an eine Religion oder einen Gott, das ist aufgegeben. RELIGIONSFREIHEIT ist die Freiheit von der Religion. Dem Vaterland? Nun, das Vaterland hat viele Bürger mit einem alten, aus dem sie kamen, und einem neuen, das die aufnahm; man sollte ihnen das Heimweh gönnen, also auch den Plural der Vaterländer. Staatsangehörigkeit ist etwas anderes. Selbst die nur von hier, sprich die Eingeborenen, können finden, dass Bildung nicht „dem Vaterland“ zu dienen habe, wie der Spruch an der Schule postuliert, sondern dem INDIVIDUUM. Das vierte, was mich grübeln lässt: Der Laden hieß „Freiherr-vom-Stein-Gymnasium“ nach dem großen PREUSSISCHEN REFORMER. Geht der eigentlich noch? Sprachenfolge: Man begann damals mit ENGLISCH und LATEIN. Latinitas, geht heute auch nicht mehr, oder? Ich lese sogar von zeitgenössischen Debatten, ob Mathe nicht ein überkommenes Erbe der weißen Herrschaft sei. Hmmm.

Ach so, es war natürlich eine Jungenschule. Ich wechselte in der Quarta von Oberhausen-Sterkrade nach Essen-Kettwig. An ein koedukatives Institut. Das ist, wenn mit Mädchen; außer bei „Leibesübungen und Textilgestaltung“, sprich Sport und Handarbeit. Tja, so begann bei mir der Niedergang.

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KRIEGSGEWINNLER.

Jetzt zeigt die Krise, dass sie nicht nur Verlierer hat. Aber vorerst kommen nur die kleinen Diebereien ans Licht. Man wird sich noch die Augen reiben, wenn die Bilanzen von BIG PHARMA auf dem Tisch liegen. Und dankbar sein müssen. Ohne diese Rendite-Erwartung hätte es die SPITZENFORSCHUNG wahrscheinlich nicht gegeben. Eine Behörde hätte das eher nicht geboren. Dilemma. Man zahlt so oder so.

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MENSCHENMÜLL.

Der amerikanische Wahlkampf wird für Analphabeten geführt, die sich von Bildern leiten lassen, weil sie keine Texte lesen. Es geht in der jüngsten Runde um Symbolisches zu menschlichem Müll. Dabei zeigen die Republikaner, dass Propaganda nicht logisch sein muss, sondern komisch. Es ist wie beim Erzählen von Zoten: vulgäre Vorurteile willkommen, solange man darüber feixen kann.

Mir war geläufig, dass Müll („trash“) im Amerikanischen auch eine soziale Kategorie ist, da die weiße Unterschicht „poor white trash“ genannt wird. Jetzt nennt die eine Partei das amerikanische Puerto Rico „trash island“, die andere wiederum deren politische Anhänger Müll und Donald Trump liefert einen „PR stunt“ als Müllmann. Welch ein Pragmasymbol: Die neue Rechte sammelt den menschlichen Müll ein und entsorgt ihn. Da ist ja die Debatte um Remigration noch gehaltvoll. Ich fürchte mich vor soviel Zynismus.

Wenn man lange in den Abgrund blickt, blickt irgendwann der Abgrund aus einem. Die Würde des Menschen ist antastbar. Er kann Müll sein. Die Latinos erfahren, was die asiatischen Zuwanderer schon kannten und das Erbe der Afroamerikaner ist: ein Mensch kann für andere Menschen eine Sache sein, die man besitzt oder eben wegwirft. Das sind die langen Schatten der Sklavenhaltergesellschaft. Wenn die Wunden verheilt sind, schmerzen die Narben.

Dabei sind die US of A ein Projekt gegen dies alles. Der fortschrittlichste Entwurf der Moderne ist die amerikanische Freiheitserklärung von 1776. Deren Autor war zum Studium in Europa, namentlich Frankreich und in deutschem Lande. Und wir als Nation haben keinen Grund zu Hochmut; die Konzentrationslager waren, furchtbar zu sagen, Müllkippen. Ich leide an den Entgleisungen, weil sie zeigen, wie leicht man den Boden unter den Füßen verliert. Plötzlich geht es ernsthaft um Menschenmüll.

Die Decke der Zivilisation ist dünn; sie wurde für den amerikanischen Traum gewebt und findet sich zerstört in der grellen Warnweste, die der präsidiale Müllwerker voller Stolz auf der Bühne trägt. In einer Berliner Eckkneipe höre ich die Stimme gemeinen Volks, dass dies urkomisch findet und von dem großen Volksunterhalter AfD auch hier erwartet. Man feixt: „Das wär mal was!“ Mir stockt der Atem.