Logbuch
EMSCHERGENOSSENSCHAFT.
Wir von der Ruhr sind ein sentimentaler Klüngel. Die ganz Harten bilden, benannt nach einem Flüsschen zwischen Holzwickede und Dinslaken, die Emscher-Genossenschaft. Gedenken wir eines Genossen dieser Freimaurerei. Ein Ur-Grüner. Gedenken wir MICHAEL HOLZACH, der hier ertrank, als er seinen ins Wasser gefallenen Hund FELDMANN aus der Köttelbeke retten wollte.
Michael war mein Kommilitonen an der Ruhr-Uni in Bochum, Abteilung 8, Gebäude GC, die Sozialwissenschaftler. Hier lehrte damals der Edel-Linke Urs Jaeggi, der Alt-Marxist Leo Kofler, der Hegelianer Bernhard Wilms und der Faschist Ioannis Papalekas, ein Freund der Junta-Putschisten in Athen. Und Michael saß mit mir in der Cafeteria und sinnierte: „Wir sind, wen wir schützen.“ Kluger Kopf. Er wurde dann Journalist.
Später schrieb er für die ZEIT, als diese noch kein Propagandablatt von Schwarzgrün war. Ein Genie der Reportage. DEUTSCHLAND UMSONST: eine Wanderung von Norden nach Süden und zurück, ohne einen Pfennig. Es begleitete ihn FELDMANN, sein Hund. Alles ging gut, aber dann, die Dreharbeiten zum Reportagebuch sollten beginnen, rutscht der Hund in die Emscher, Michael springt in die Sürge, um ihn zu retten. Und ertrinkt. FELDMANN überlebt. „Wir sind, wen wir schützen.“ Was sage ich, die Emscher und ihre Genossen, ein sentimentaler Klüngel.
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KARIKATUREN.
Fünfzig Schauspieler@innen haben fünfzig Witze gerissen über das Anti-Seuchen-Regime. Ich fand das meiste komisch und habe einige Mal laut gelacht und durchweg gegrinst. Dafür möchte ich hiermit um Verzeihung bitten. Ich sehe jetzt ein, dass dies unreif war. Ich hatte nicht genug nachgedacht. Die Witze der fünfzig Schauspieler@innen waren unangebracht.
Selbstkritik; ich übe Selbstkritik. Mein Fehlverhalten sehe ich jetzt wirklich ein. Die Seuche ist böse und ernst. Das Anti-Seuchen-Regime verdient ehrfürchtige Befolgung, keine blödes Witze-Reißen. Der Regierungsflieger wird am Flughafen Berlin-Tegel gerade mit jenen 48 Schauspieler@innen, die keine Reue gezeigt haben, beladen. Sie werden nach Eriwan ausgewiesen. So was kommt von so was. Wir müssen dann zwar den nächsten Tatort mit HEINZ RÜHMANN als Kommissar@in drehen, aber das wird schon gehen. Die weibliche Kommissar@in spielt INGE MEISEL. Machen wir über Avatare. Gedreht wird bei der DEFA in Babelsberg. Regie führt der Genosse SERGEJ EISENSTEIN.
Frage an Radio Eriwan: „Haben wir Meinungsfreiheit?“ Antwort von Radio Eriwan: „Im Prinzip ja.“ „Schließt das das Recht auf Blödeleien ein?“ „Im Prinzip ja.“ „Und im vorliegenden Fall, hat der Genosse Stalin mitgelacht?“ „Leider nein.“ Tja. Das erinnert mich an den Witz, dass das höchste Haus in Moskau der Keller der Geheimpolizei sei; von dort könne man bis Sibirien sehen.
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DER PROPHET
Früher hatte ich mal die Ehre, mit dem FORSA-Chef, Professor Manfred Güllner, zusammenarbeiten zu dürfen. Der Mann ist Urgestein und sehr gut. Seitdem kann ich aus dem Vogelflug die Zukunft lesen. Annalena Baerbock wird Kanzlerin, Christian Lindner als Außenminister der Vize-Kanzler und Olaf Scholz (Finanzminister) die dritte Farbe der Ampel. Für Schwarz-Grün wird es nicht gereicht haben, weil die Union auf voller Front abschmiert.
Wir kriegen also Grün-Gelb-Rot; in dieser Reihenfolge. Armin Laschet bleibt in NRW; er spielt mit Martin Schulz aus Würselen künftig sonntags im Rheinischen Skat. Markus Söder kann vor Kraft nicht gehen, und zwar von Altötting bis Aschaffenburg, aber nicht weiter. Ich bin Demoskop, deshalb ist es nicht ganz fair, wenn ich nun wette, weil ich ja schon definitiv weiß, wie die Wahl ausgeht. Ich bin der Prophet im eigenen Land. Dank höherer Mathematik und der Vogelschau.
Wir errechnen das mit einem ultraneuen Computerprogramm, nicht mehr durch Befragungen. Das ist altmodisch. Das ging zu Zeiten, als die Menschen Meinungen im Kopf hatten und diese auf Fragen hin auch äußern konnten. Damit erfasst man aber nicht den Bauch des Wählers. Wir lassen heutzutage einen Rechner seine Kumpel bei Amazon und Lieferando und Twitter fragen; die Rechner tratschen nämlich untereinander und verraten sich geheime Algorithmen. Dann multiplizieren wir das mit „pi“ und teilen es durch Quadratwurzel aus „delta“; bumms, schon ist klar, wie die Wahl ausgeht. Man gleicht das dann zur Sicherheit noch mal mit dem Vogelflug ab. Das nennt sich wie bei den Virologen „Doppelblindstudie“. Der Laie staunt und der Fachmann freut sich. Ich habe sechs Flaschen Wein auf das Wahlergebnis AMPEL gesetzt; die sind so gut wie gewonnen. Prost!
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WAS DIE KI NICHT KANN.
Gestern in der Philharmonie Hayden und Mozart. Der erste belanglos, der zweite versöhnlich. Trotz viel freimaurerischem Unsinn im Libretto. Man verlässt den Musentempel angeregt, friedfertiger als man kam. Das können Maschinen nicht, aber Menschen. Am Pult Giovanni Antonini.
In der Wissenschaft war ich zeitlebens eher auf Streit aus und umstritten. Einige Kritik hatte ich auch verdient, weil meine Umgangsformen gelegentlich nun wirklich zu wünschen übrig ließen. Da war oft die pubertäre Freude am Raufen und ich hätte jeden Grund, um Nachsicht zu bitten. Ich wollte nur spielen! War nicht bös gemeint.
Ich lese gerade einen wissenschaftlichen Aufsatz eines emeritierten Professors, der seine alten Gelegenheitsarbeiten noch einmal zusammenräumt, um endgültig Recht zu behalten. Man frage mich nicht, was davon akademisch zu halten ist, da mir selbst ein sachliches Urteil gar nicht möglich ist. Ich habe den Kerl nicht so recht gemocht. Man sollte für solch persönliche Abneigungen keine dritten Gründe suchen. Das wäre nicht redlich. Bei Animositäten liegt die Schuld oft auf beiden Seiten.
Was mir an der Arbeit allerdings beim Lesen zunehmend auffällt: Sie könnte von einem kühlen Apparat geschrieben sein. Der KI wäre dann aufgetragen worden, zu großen Debatten der Vergangenheit noch mal zusammenzutragen, was er, der Auftraggeber der Maschine, dazu an Klugem gesagt hat; das macht sie auch ganz brav, nicht mit großem Stil, aber doch ernstem Fleiß. Nun gut, würde man akademisch sagen, den eigenen Standpunkt noch mal vorgetragen und dazu kompiliert. Eine Eigenplagiate-Parade. Ich halte das, außer vielleicht bei einer Diss, nicht für tadelnswert.
Es ist soviel Boshaftes in der Welt, dass man künftig Beiträge auch nach ihrem menschlichen Gestus beurteilen sollte. Trägt das Vorgetragene zur Verständigung bei? Sind da Zeichen von Demut oder gar Reue? Verzeiht man frühere Fehler? Lasst uns den Maschinen Menschliches entgegenstellen. In der bloßen Rechthaberei liegt keine menschliche Größe; Charakter kann KI nämlich nicht.