Logbuch
SCHUHE.
Mir fällt auf, dass die BBC stets von „clothing and footwear“ spricht, für den Engländer also Schuhe nicht zur Bekleidung gehören. Das muss historische Gründe haben. Schneider und Schuster waren wohl unterschiedliche Zünfte. Zu verstehen ist das eigentlich nicht. Nichts spiegelt mehr den Charakter als der Schuh.
Bei der Kleidung ist das ja akzeptiert, dass neben der instrumentellen Funktion, sprich zu wärmen und die Scham zu bedecken, die kommunikativen eine große Rolle spielt, vielleicht die größere. Wer sich kleidet, verkleidet sich: Man zeigt, als was man gelten will. Im kulturellen Sinne ist jede Kleidung ein individuelles Kostüm und Uniform des gewählten Lebensstils zugleich.
Der sorglose Umgang mit den Brocken ist eben auch eine Aussage. Zur Jogginghose ist alles gesagt. Anmerkungen hätte ich noch zum Deichmann-Treter und dem Rentnerbeige wie der praktischen Multifunktionsjacke. Wie zum sogenannten Getto-Aigner und Nutten-Versace. Allerdings ist die Geschmacklosigkeit nicht den unteren Schichten vorbehalten. Das obere Kleinbürgertum weist hier die eklatantesten Fehlgriffe auf. Ich sage nur: „Rooobert…“
Gut gekleidet ist unsere Bundesaußenministerin, die aus dem Völkerrecht kommt. Sie lässt von sich Fotos machen und verbreiten, die dem Stöckelschuh zu neuen Ehren verhelfen. Assoziativ mag der Stiletto genannte Hochabsatz im Milieu beliebt sein und dem Grünen eher die Plattfußsandale namens Birkenstock zuzuschreiben, jetzt aber verlässt sie einen Truppentransporter in einem sehr zivilen Halbschuh, der mir wirklich gefällt. Dass sie gar nicht mit dem militärischen Flieger angereist ist und die Regierungsmaschine im Hintergrund steht, das anzumerken, ließe auf ein Rummäkeln an feministischer Außenpolitik aufscheinen, was sich verbietet.
Der geschätzte Herr Bundespräsident ist zurückhaltender in Modefragen, da er keine Konfektion tragen kann. Ich würde aber anregen, dass er sich weiße Sneaker fertigen lässt; das gäbe seiner eher betulichen Amtsführung etwas Frisches. Ich kenne da in Berlin eine orthopädische Werkstatt, die so was könnte. Aber lassen wir die große Politik und wenden uns dem diskreten Charme der Bourgeoisie zu.
Was trägt eigentlich die hanseatische Erbin Christina Block, der Steak-Häuser und Hamburger Hotels zu eigen sind, an Schuhwerk? Ich meine, wenn Schuhe ein Spiegel des Charakters sind, dann ist das doch eine wirklich interessante Frage.
Logbuch
WÄRMEMARKT: NO FREE LUNCHES.
Keine Schnäppchen. Schon gar nicht durch die grünen Innovationen. Ich schwör. Der Strompreis für Wärmepumpen steigt und wird so teuer werden, dass der Preis für die Raumheizung bei allen möglichen Alternativen in etwa gleich hoch sein wird. No free lunches. Woher weiß ich das?
Ich habe Steinkohle gemacht, Mineralöl, Erdgas, Kernenergie, Strom… Ein „street dog“ der PR in der Energiewirtschaft. Und ich bin dabei auch zu dem Vorzug gelangt, zu lernen, was ein „anlegbarer Preis“ ist. Die Preisbildung hat wenig mit den Gestehungskosten zu tun; erste bittere Wahrheit. Jeder Anbieter schöpft sein Marktpotential weitestgehend aus; zweite bittere Wahrheit. Du schlägst ESSO nicht, indem Du Shell tankst, nicht mal Jet hilft Dir wirklich (2 Cent/Liter). Schon gar nicht im Tesla, weder bei Betrieb noch bei Unterhalt; da platzen gerade die Träume.
Der Preis für Erdgas ist nach oben (!) immer dem für Heizöl gefolgt, dem theoretischen Ersatz im Wärmemarkt. Das wird auch für Strom gelten, dessen Verschwendung in Raumheizungen wir früher (!) nicht für angebracht gehalten haben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Dritte Logik: Das Substitutionsniveau ist entscheidend, nicht die Gestehungskosten, jedenfalls nach oben. Deltas werden ausgecasht. Alle Anbieter schöpfen ihr Potenzial im Markt mittelfristig maximal aus. Schnäppchen sind Sternschnuppen.
Und wenn das die Regierung nicht gut findet? Dann kann sie den Preiswettbewerb durch Subventionen verzerren. Solange, wie sie zahlt und in dem Maße, in dem sie zahlt. So wie sie das in der Landwirtschaft tut. Weshalb wir so zufriedene Bauern haben.
Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von Ökonomie, nicht mein Fach. Nur Erfahrungen eines staunenden Laien.
Logbuch
KOLLEGIALITÄT.
Die Präsidentin der Elite-Universität Harvard ist des Abschreibens überführt und deshalb die Führungsposition los, wenn auch nicht ihren Hochschuljob. Das Netz munkelt, weil es sich um eine Afroamerikanerin handelt. Was soll das Theater um PLAGIATE?
Es gibt Doktorarbeiten, die komplett oder in weiten Zügen plagiiert wurden, zusammengestohlener Inhalt, ein Betrugsversuch. Es gibt minderschwere Fälle, in denen Paraphrasen auch wörtliche Übernahmen enthalten, die als solche nicht gekennzeichnet sind. Und es gibt handwerkliche Fehler, in denen die berühmten Gänsefüßchen vergessen wurden. Oder Fehlzitationen, bei denen eine andere Quelle angegeben wird, eine gewichtigere als die tatsächlich genutzte; Prahlerei also. Was den akademischen Laien wundert, ist der Aufstand, der darum an Hochschulen gemacht wird.
Das kann man erklären. Die Philologie nimmt sehr genau, womit der Dichter zu spielen weiß. Sie will exakt wissen, wessen Worte zur Geltung kommen. Und wo man die gefunden hat. Ich versuche einen Vergleich: Eine Bank kann sich keine Laxheiten darin erlauben, wessen Geld gerade über den Tresen geht und wieviel. Da kann es keine tiefen Taschen oder schwarze Kassen geben. Und das gilt für Pfennige wie für Millionenbeträge. Weil, wer den Pfennig nicht ehrt und so weiter.
Plagiate sind Betrugsversuche; das ist der Kern. Und unter Kollegen, da bescheißt man nicht. Rechtsanwälten ist diese KOLLEGIALITÄT geradezu aufgegeben, weil sie Organe der Rechtspflege sind. Ja, ich weiß. Die sprichwörtliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums, die der Dichter Brecht für sich in Anspruch nahm, ist eine kecke antibürgerliche Pose, kann aber nicht Motto eines Notars sein, um einen anderen Beruf zu nennen, der es genau nehmen muss.
Und was die amerikanische Uni angeht: Hier sind Studenten religiert worden, weil sie als Schüler auf TikTok ein Unwort benutzt haben; was ich falsch finde, aber einen Maßstab setzt. Akademische Auseinandersetzungen sind Kämpfe mit Regeln.
Logbuch
EINE DOLCHSTOSSLEGENDE.
Man kann seine Sache auch zu gut machen. Als gestern Olaf Ohneland die Entlassung seines Finanzministers inszenierte, hielt er eine wohlformulierte Rede, die mittels politischem Rufmord den FDP-Vorsitzenden diskreditieren sollte. Was als spontaner Akt wirken sollte, war lang geplanter Selbstmord. Ein Trick aus der Mottenkiste. Charakterlich, Herr Bundeskanzler, zweite Wahl.
Woher kommt mein Störgefühl? Die Rede des Kanzlers war keine spontane Notwehr, wie uns seine Schergen aus der Fraktion Glauben machen wollen. Dieser Text trägt die Spuren einer langen Erarbeitung. Da hat jemand nur auf einen Anlass gelauert. Ich habe in meinem Berufsleben tausend Reden geschrieben; und an diesem Ding ist seit Tagen gebastelt worden. Ich verbitte mir die Verarschung durch Rasputin Müzzenich, dass Lindner ein böses Wort gesagt habe („Neuwahlen!“). Es war im Kalkül der Trick des Helmut Schmidt, als dieser Graf Lambsdorff für das damalige Ende der Koalition mit der FDP verantwortlich machte; eine erneute Dolchstoßlegende.
Die SPD hat damit den Wahlkampf eröffnet, mit einer Ehrabschneidung von Christian Lindner. Das stalinistische Gen des Sozis Scholz. Zu gut vorbereitet, um glaubwürdig zu sein. Und überfüttert. Mit einem ganzen Bündel an Vorwürfen, so als ginge es nur Rot und Grün um das Land, die Gelben aber folgten niederen Trieben. Die moralischen Vorwürfe sollen verdecken, dass Rot und Grün die Mittel fehlen und faktisch um einen Verfassungsbruch drumherum gekaspert wird, die Umgehung der Schuldenbremse.
Wenn es um eine massive Schuldenfinanzierung geht (und darum geht es), dann will ich das als Bürger auch wissen. Hier soll mein Geld ausgegeben werden; und zwar das, was man mir noch gar nicht abgenommen hat, sondern meinen Enkeln als Bürgschaft überhängt. Vielleicht ist das richtig, vielleicht ist die exzessive Aufrüstung unumgänglich, vielleicht der Umsturz der Energieversorgung; aber ich würde das dann gern im Klartext hören.
Die Insolvenz dieses Dreiers war nicht mehr zu verbergen. Es geht nur noch auf Kucki. Wenn dem so ist, dann wüsste ich gern, wo ich den ungedeckten Scheck unterschreiben soll, der dann an die Rüstungsindustrie geht. Oder die Energiewende finanzieren soll. Verdutzt übrigens die Grünen: die rote Braut ruiniert den Dreier, bevor die neue, die schwarze Witwe, das Betttuch zurückgeschlagen hat.
Der Berliner Nachthimmel erfüllt von lauter Varianten des Heide-Simonis-Satzes: „Und was wird jetzt aus mir?“ In der allgemeinen Frustration die SPD-Fraktion, die ihren Selbstmord als Dolchstoß feiert. Zu der historischen Geste des Julius Cäsar fehlt Olaf Ohneland aber die Größe. Und Lindner, das sage ich, ist nicht Brutus.