Logbuch
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ.
Wenn’s zu einem Niedergang der berühmten Berliner Philharmoniker kommen sollte, ich lege mich fest, so begann er gestern Abend. Unambitioniert bis ins Mechanische wurde von einem Gastdirigenten aus Brünn in Böhmen ein regionales Stück seiner Heimat exekutiert, aber eben auch Bela Bartok und Ludwig Van: Das geht zu weit.
Die Gesichter der ehedem grandiosen Musiker meines geliebten Orchesters studierend, konnte ich darin lesen, wie sie beim Spiel sinnieren, dass sie morgen noch zu REWE müssen und den Müll mit runternehmen, während sie also ihr Repertoire pflichtgemäß abgeigten. Fehlerfrei gewiss, präziser ging es kaum, aber auch ohne jede Inspiration. Es wäre leichter gewesen aus einem nassen Lappen einen Funken zu schlagen.
Der russische Herr am Pult, das einst Sir Simon Rattle adelte, schwänzte wie immer; der böhmische Herr, sein gestriger Vertreter, ein mittleres Talent, wie man es jeder Musikschule in Oer-Erkenschwick wünschen würde. Eine Offenbarung des Mediokren aber der Poet in Residence Seong-Jin Cho. Ein Laffe. So klingt Ludwig Van, wenn man ihn in Sagrotan eingelegt hat. Sauber und aseptisch. Runtergeklimpert. Und das beim dem legendären Es-Dur-Konzert für Klavier und Orchester, mit dem er sich einst über Napoleon erhob.
Es gibt wenig Musik, die so heroisch und zugleich grazil ist; eine geniale musikalische Erhebung zum Adel des Charakters. Nichts davon springt über. Ordnungsgemäß abgefertigt. In der Pause blicke ich in das enttäuschte Antlitz einer jungen Frau, die ihre Frustration mit mir teilt und es auf den Punkt zu bringen weiß. Sie sagt: „Das war, KI spielt Beethoven.“
Logbuch
AMI GOES HOME.
Vor einem guten halben Jahrhundert war alles anders. Die USA führten einen schmutzigen Stellvertreterkrieg in Vietnam gegen kommunistische Antipoden, den sie als koloniales Unterfangen von den Franzosen geerbt hatten. Ich trug einen Sloganbutton, der zur Unterstützung des Vietcong aufrief, und ein T-Shirt mit dem Ponem des Kubaners Che. Ich hatte die FR und die Peking Rundschau abonniert und romantisierte die Vorstellung einer Kulturrevolution. Man las Herbert Marcuse aus Berkeley und hörte über ihn von Studentenprotesten in Amerika.
Vieles davon war zu einem guten Teil auch postpubertäre Spinnerei, Dinge, die vor allem wegen der damit verbundenen Provokation ihren Wert hatten. Es ging darum, Spießer zu provozieren, auch als brave Kleinbürgersöhnchen. Aus Berlin hörten wir Eleven der Provinz den Slogan „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört zum Establishment.“ Dabei waren wir noch mehr Knaben denn Männer. Aber das Fluidum der Proteste beseelte den Zeitgeist. Das geht mir wegen der Libertinage nicht aus dem Kopf, obwohl schon im Studium politisch klüger.
Zu spinnen ist der Jugend Recht, jedenfalls der Kindheit. Jetzt räsoniere ich: Vor einem guten halben Jahrhundert war eigentlich doch nicht alles anders. Es meldet sich in mir wieder eine Wahrnehmung der USA, die ich ausgewachsen glaubte. Es ist ein merkantiler Imperialismus, der sich auch seiner vordergründigsten Interessen nicht schämen will. Man muss wissen, was ein Leviathan meinte, um das epochale Bild des Thomas Hobbes zu verstehen, ein Ungeheuer. Eine Sklavenhaltergesellschaft kehrt in diesen Tagen zu ihrer alten Nonchalance zurück.
Ich war mit 17 ein politischer Spinner. Und hatte doch, denke ich jetzt für einen kleinen Moment, in vielem recht. Ami goes home. Hier aber Europa als Gegenbild zu den heutigen Weltmächten zu sehen, ist geschichtslos. Die Engländer haben vom Sklavenhandel erst abgesehen, als sich dieser nicht mehr ökonomisch lohnte. Dann aus humanitären Gründen, klar. Jetzt bauen wir Europa als bessere Welt? Da bin ich aber mal gespannt.
Logbuch
AUF GEPACKTEN KOFFERN.
Bei einem Lunch im Alten Hafenamt der Freien und Hansestadt Hamburg atme ich den Geist einer vergangenen Welt, jedenfalls wenn Handel und Wandel heutzutage zu dem verkommen sind, was der Immobilienbetreiber Donald Trump einen Deal nennt. Der Hanseat stand für Treu und Glauben, der Neureiche prahlt mit Lug und Trug.
Selbst die Kriminellen ihrer Zeit, die freibeuterischen Piraten, hielten auf ihre Ehre; der Likedeeler war ein „Gleichteiler“. Mein Namensvetter Störtebeker („stürz den Becher“) wurde zwar enthauptet, aber doch nicht der Betrügerei bezichtigt. Man haute sich den Schädel ab, aber nicht über‘s Ohr. Das Wort eines Mannes (einer freien Frau allemal) galt, auch unter den Viktualienbrüdern. Pacta servanda: Verträge hält man ein.
Die Trumpschen Deals mögen Weltgeschichte schreiben, aber der Ruch der Übervorteilung, die Fama der Skrupellosigkeit, das Großmäulige und Großkotzige, all das kann kein Vertrauen bilden. Der Krebs des Bescheißens als Maxime wuchert. Kein kategorischer Imperativ. Aber braucht es so etwas überhaupt, wo schlanke Übermacht reicht? Trump fährt den Kapitalismus, wie Marx & Lenin ihn erklärt haben, wenig Raum für die Buddenbrooks und Kühnes. Elon Musk baut keine Opernhäuser auf dem Mars.
Ich bin kein Romantiker der Macht, habe aber studiert, was Rom groß gemacht oder Konstantinopel. Die Hanse, das war nicht nur Handel, sondern eben auch Aufklärung. Wenn die Welt in Reiche zerfällt, würde ich gern zu einer Kulturnation gehören. Insofern sitzt man immer, Kant im Gepäck, auf gepackten Koffern.
Logbuch
LOBBY.
Den Vorraum der Macht nennt man nach der Wandelhalle im Parlament die Lobby. Man muss einräumen, dass die Herrschaften selbst, die das Gewerbe ausüben, keinen guten Ruf bei Journalisten haben; man unterstellt ihnen Strippenzieherei; ein Ausdruck aus dem Marionettentheater. Dabei werden die Politiker als abhängige Puppen gedacht, die nicht nur dem Wählerwillen folgen oder ihrem Gewissen (das Zweite ist verfassungsgemäß), sondern auch Einflüsterungen durch Interessenvertreter. Darüber rümpfen jene die Nase, die darin ein Monopol ihrerselbst sahen, zum Beispiel die Presseheinis.
Gestern Abend sehr gutes Gespräch mit einer Taxifahrerin. Ich komme aus dem BORCHARDT und frage sie, was sie für eine Schüssel fährt und warum die Stadt so voll wirkt. Nun, die Karre ist kein Tesla, sondern ein Hyundai aus Südkorea, so was wie ein Tesla für Arme, batteriebetrieben, furchtbares Gerät. Die Stadt sei voll, weil alle Lobbyisten wieder da seien. Es herrsche große Unsicherheit im Land, wer denn nun die Scherben zusammenfege. Also bevölkern sie wieder den Gendarmenmarkt. Olaf Ohneland hat in einem geplanten Akt der Verzweiflung nicht nur seinen Finanzminister entlassen, sondern so ausführlich persönlich gedemütigt, dass er auf eine Unterstützung durch die Abgeordnete von dessen Partei nicht mehr hoffen könne. Sagt die Dame am Volant, deren Einsicht ich bewundere.
Meine Fahrerin fragt sich, ob „der laue Merz“ jetzt die Eier habe, dem Gekaspere ein Ende zu bereiten. Sie erzählt, wie sie sich in die Elektromobilität habe reinquatschen lasse und nun auf einem Bock säße, dessen Wiederverkaufswert unterirdisch sei. Und das, während ihr eine schwarzfahrende Konkurrenz unter der UBER-Flagge zu schaffen mache, meist mit Illegalen am Steuer, sagt sie. Ich erzähle ihr, dass die Kernkraftwerke zerstört seien, die Kohle verfemt und die neuen Gasturbinen noch nicht so recht beschlossen. Ich höre darauf ein politisches Urteil, das man von Alice Weidel kennt. Volkesstimme, ja, Stammtisch.
Womit wir, Chauffeurin und angetrunkener Fahrgast, bei den Kanzlerkandidatinnen sind. Weidel und Habeck haben sich erklärt, Scholz ist gesetzt, Merz wohl auch, nur Wissing zögert noch; er weiß noch nicht, für welche Partei er antritt. Wir lachen, obwohl der klugen Frau am Steuer eigentlich nicht nach Spaß zumute ist. Das Land ginge den Bach runter. Ich zahle 16 Euro 80 und bin am Ziel. Nein, nicht am Ziel, nur, wo ich hinwollte.