Logbuch

MAULHELDENTUM.

Ich bin es leid. Die Debattenkultur zeigt ein Heer von Heckenschützen und Tambourmajoren, die mit patziger Propaganda leichte Beute machen wollen. Ich entwickele darüber eine gewisse Sehnsucht nach Kontemplation, meint Gelassenheit.

Nur wer die Tram noch kennt, weiß was ein TRITTBRETT ist. Meine Frau Mutter hat unter der Zwangsrekrutierung des Nazi-Staates als junge Frau in Berlin als Straßenbahnschaffnerin arbeiten dürfen und sollte sich dabei der Trittbrettfahrer erwehren. In den Geschichten meiner Kindheit spielte die “Müllerstrasse im Wedding“ schon eine Rolle; bis heute Depot der Elektrischen. Man konnte damals Schwarzfahren, indem man auf die Trittbretter der anfahrenden Tram sprang. Das sollte die junge Frau verhindern; ein Unding, klagte sie.

Schwarzfahrer also, die auf einen fahrenden Zug aufspringen. Das belohnt heute der Algorithmus bei Twitter. In der Kriminalistik verliert der Begriff seine Sozialromantik des „free riders“. Hier werden so die verdeckten Nutznießer von Verbrechen anderer genannt. Eine verbreitete Charakterlosigkeit, die aus dem Hinterhalt nach perversem Ruhm oder erpresstem Geld strebt. Allen Trittbrettfahrern ist das Parasitäre gemein: aus einer fremden Sache eigenen Nutzen ziehen. Die Skrupellosigkeit der Feigen.

So auch die Haltung des “frontrunnig“ bei den Grünen und Gelben. Es imponiert mir nicht, wie die Lieferung von Angriffswaffen auch von jenen gefordert werden, die weder die Ziele der Panzerkanonen sein werden noch die Schützen. Krieg von der Couch. Mir imponiert auch die begleitende Propaganda nicht, die sich vorsätzlich dumm stellt, um dann rhetorisch geschickt schlau zu wirken. So sagt ein grüner MdB im Radio, die amerikanischen Kampfpanzer kämen nur deshalb in der Ukraine nicht zum Einsatz, weil sie eine so lange Anfahrt hätten, 9000 km. Darf ich fragen: War der Weg für die US-Tanks seinerzeit bis in Saddams Irak kürzer?

Aber auch in anderen Themen finde ich sie, die argumentativen Trittbrettfahrer. Dieses Maulheldentum. Eigentlich sollte man das toll finden, wenn man Meinungskolumnist ist. Strong opinions. Ich verliere daran aber die Freude. Kann ich mal was lesen, wo die niedere Absicht nicht durch ein bloßes Schamtuch verborgen ist?

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ODE AN DIE ÖDE.

Man verpasst auf der Autobahn durch das unsägliche Thüringen den Ort Weimar nicht, weil eine schreiend hässliche Steinmühle den Wegesrand ziert. Was für eine Öde.

Anfang Juni des Jahres 1831 schreibt Goethe an Eckermann, es sei ab jetzt völlig egal, ob er noch was tue und was, sein weiteres Leben sei ein reines Geschenk. Der Grund dieser Erleichterung ist erschütternd: Er hatte seinen FAUST, eine Tragödie, an der er immer wieder gearbeitet hatte, abgeschlossen und das Manuskript letzter Hand versiegelt. Weimar hatte sein Hauptwerk.

Das ist, was ich an Goethe echt hasse: immer die ganz große Geste, immer eine Nummer zu groß. Der FAUST ist eine völlig überfrachtete Kompilation aus Motiven alter Quellen und Menschheitsposen und als zweiteilige Tragödie schlicht unaufführbar. Übrigens uraufgeführt 1831 in Braunschweig. An einer elenden Provinzbühne. In einer Provinzhauptstadt.

OPUS MAGNUM, das große Werk: ein Etikett, das man sich als Autor doch nicht selbst verleihen kann. Wenn es künftige Generationen als Lob verleihen, na gut. Aber das fängt beim jungen Goethe ja schon mit seinem WERTHER an, der aus dem Hormonstau eines Rechtsreferendars in Wetzlar entstanden ist. Statt die Dame seiner Wahl zu beglücken, mit Lotte zu verlottern, haucht der Dauererregte ihr in die Ohren „Klopstock“; darüber weint man dann zu zweit ein wenig. Poooh.

Wie Braunschweig gegen den Faust spricht, so Wetzlar gegen Werther, eine ungemein belanglose Stadt. Und deren Umgebung galt Goethe als die allerschönste Natur. Es geht um das Lahntal, ein Nichts im Nichts; so wie die Lahn zu den überflüssigsten Flüssen gehört, die den Rhein erreichen. Noch dümmer nur die Oker, die Braunschweig das Brauwasser bringt. Eine Emscher aus dem Harz. Ich sollte mal im Stile Klopstocks eine Ode an das Öde schreiben.

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SCHÄRFE DES TONS.

Im Englischen kann man sich davor hüten, dass unterschiedliche Meinung zu Feindschaft wird: „We agree to disagree!“
Vorbildlich.

Mit den Warnern vor der Apokalypse ist es wie mit den Verursachern, sie wollen jede Abwägung verhindern und wissen sich dabei argumentativ im ALTERNATIVLOSEN. Das kann man intellektuell nicht akzeptieren. Wir können, wenn wir wollen; das ist der Zentralsatz des Humanismus. Wollen wir?

Das ist ja das fundamentale Verhängnis in der Politik, wenn sich GEGNER immer und überall zu FEINDEN wandeln wollen. Danach geradezu streben. Die Falle des Carl Schmitt, für die Fachleute unter uns.

Und da verhilft dann auch nicht zu Frieden, was man DEZESSIONISMUS nennt, die vermeintliche Tugend, lieber radikal eine falsche Entscheidung zu treffen, ruckzuck ein Verhängnis einzugehen, als des Attentismus geziehen zu werden.

Bitte immer mit Bedacht. Doch, Ihr wisst, wovon meine Feder spricht.

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VERWIRRT.

Beim Mineralwasser schleppe ich ungern die dicke Berta von Glasflasche. Der ganze Kasten, ein Unding. Ich traue zudem dem Spülen vor der Wiederbefüllung nicht so recht. Aber ich soll Mehrweg, sagt der Zeitgeist. Wer auf Recycling auszuweichen sucht, wird regulativ schikaniert. Das ist das grüne Regime: Zwangsbeglückung. Dazu bedarf es eines starken Staates und eines grundsätzlichen Misstrauens in die Gesellschaft. Denn, sind wir ehrlich, die Gesellschaft, das sind ja auch nur irgendwelche Leute.

Nächtens lässt sich ein unbekanntes Geräusch vernehmen; man ist irritiert: Licht an, Ursachenforschung. Ich trinke gelegentlich Wasser, wie gesagt aus einer Plastikflasche, neuerdings mit einem angebundenen Drehverschluss, der sich bequem nicht wieder verschließen lässt, ein „tethered cap“ nach EU-Recht: ein echtes Scheißding. So entweicht, wenn nur halb verschlossen, die Kohlensäure und die PET-Flasche wird labberig. Wenn dann doch verschlossen, baut sich der innere Sprudeldruck langsam wieder auf und sie knallt in die alte Form zurück. Daher das Geräusch. Was für ein Schwachsinn.

Die ganze Nummer dient dem Klimaschutz, indem Flaschen nur noch im Beisein ihres Deckels recycelt werden können und der sich nicht allein an Stränden rumtreiben kann, wo er dann ins Wasser gerät und womöglich Wale tötet. Für eine Sekunde zur Sache: Kohlensäurehaltige Getränke sorgen durch den Innendruck für erhebliche Einsparungen im Verpackungsmaterial, weil sie dem dünnen Behältnis Stabilität geben. Darum sind hauchdünne Alu-Dosen immer ökologischer als dicke Bierpullen, auch im Einweg. Das aber übersteigt den grünen Sachverstand.

Ich will es trotzdem erklären. Wenn der Innendruck stimmt, kann das Behältnis schlank sein. Das ist wie mit Staat und Gesellschaft. Eine quirlige Gesellschaft kommt mit einem schlanken Staat zurecht. Es ist nämlich nicht die dicke Hülle, die Stabilität gibt, sondern der lebendige Inhalt. Das leuchtet aber jenen nicht ein, deren Denken im Autoritären steckt, den Diktatpolitikern. Darum die unbedingte Vorliebe für das Wiederbefüllen schlecht gespülter Glasflaschen, darum das Dosenpfand. Darum als Reaktion der allgemeine Frust an den Grünen.

Ich bin verwirrt. Jüngst will der Sprudel an die Wahlurne, die dicke Berta sagt aber, das geht nicht, weil sie nicht genug Papier für die Wahlzettel hat. Das stimmt zwar nicht, entspricht aber dem Willen der Diktatpolitik. Das könnte knallen. Oder schmeiße ich jetzt alles durcheinander?