Logbuch
SUITS.
Man hört von dem Bolivianischen Marschierpulver, dass es den routinierten Nutzer zur Selbstüberschätzung animiere. In bösen Fälle führe es zu Wahnzuständen. Das kann sich seinen Weg bis in künstlerische Ausdrucksformen brechen. Die Weltliteratur ist voll davon, auch das Triviale in der Glotze.
Auf Netflix gab es eine Serie aus der Welt der RECHTSANWÄLTE, diese Typen in Anzügen („suits“), die wirklich authentisch wirkte, es passte („suits“). Und zwar so gut, dass ein Mitglied des Englischen Königshauses aus dem Personal der Serie im wirklichen Leben seine Gattin wählte. Übrigens für mich als Zuschauer die falsche. WIR ALLE (meine „Blase“) hätten DONNA genommen. DONNA ist eine Göttin von Frau! Da nimmt Harry diese Miss Mega Marple. Versteht man nicht, das FIKTIONALE mit dem FAKTISCHEN verwechselnd und im FIKTIVEN landend.
Willkommen in der fiktionalen Welt der Hollywood-Berühmtheiten. In diesem Licht, so lese ich, wollte PROF DR CHRISTIAN SCHERTZ, der einschlägig zitierte Presserechtsanwalt vom Ku-Damm, angeblich auch seine Profession beleuchtet sehen. Er zeichnet nun unter IDEE für eine Spielfilmserie mit der fiktiven Staranwältin Leo Roth, die die Öffis als DOUBLE FEATURE SHOW bringen (zwei Folgen hintereinander weg). Für mich Pflicht!
Ich kenne viele prominente Vertreter des ÄUSSERUNGSRECHTS, berühmte, berüchtigte und zwei, drei gute. Deshalb schaue ich hochinteressiert zu. Nicht wegen der spannenden Handlung, nicht wegen des flotten Filmschnitts, nicht wegen der Berliner Handlungsorte. Nicht mal, weil Herr SCHERTZ in der Serie einen Auftritt haben soll, wie einst Alfred Hitchcock in seinen Filmen. Sondern?
Mich interessiert das gelegentliche Auftauchen eines Hauchs von FAKTISCHEM in all dem FIKTIONALEN, ein Zipfelchen der wirklichen Verhältnisse. Sehr selten sowas. Natürlich gibt es die Technik des SCHLÜSSELROMANS auch im Film: es wird angespielt auf reale Personen oder Medien. Unschwer entdeckt man hinter dem Boulevardblatt TAG Springers BILD. Aber juristisch Korrektes? Selten. Wirksames PR? Nie! Politisch Korrektes, also PC? Schon eher.
Unter der Decke eines gewöhnlichen TATORTS lauert, so legt die kolportierte Entstehungsgeschichte nahe, das Eigenbild einer Branche, der Promi-Anwälte und der Promi-PR.
Ein Berufsbild wird für Laien geformt. Ich bestaune dabei die LATENZ von rückhaltloser EITELKEIT, deren Wirken ich aus meinem Berufsleben kenne, und gebe zu, so auf die Spitze getrieben, wandelt sich mein notorischer Brechreiz davor in Faszination. So sehen sie sich also selbst, die PROMMI-ANWÄLTE und ihre PROMMIS? Ist das die Insider-Story? Es riecht nach Potsdam.
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MOTTO.
Ein Freund empfiehlt: „Morgen ist ein neuer Tag.“ Akzeptiert.
Irgendeinen Sinn muss es ja haben, dass wir so regelmäßig an die Boxen müssen. Vor der Erfindung des künstlichen Lichts vielleicht notgedrungen. Schlafen dürfen.
Das kleinteilige Pendant zum Wechsel der Jahreszeiten. Vor der Erfindung der künstlichen Wärme. Nicht frieren müssen.
Die alte Gefangenschaft in der Natur ändern die Verbrenner in Lampen und Heizungen. Und in den Kraftmaschinen. Eisenbahn und Dampfer fahren können und Wasser pumpen.
Im Ruhrpott übrigens durch die Iren, die konnten, was die Schotten erfunden hatten. Dann Stahl erzeugen, auch bei den Briten abgeguckt. Vergangene Zeiten.
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KRIMIS.
All diese TATORTE simulieren ein vertrautes Milieu, weil der Schauder der Geschichte darin liegt, dass sie auch uns, den Zuschauern, passieren könnte. Aber die Erlösung bleibt ja nicht aus, am Ende ist die Welt wieder heil.
Die Unerschöpflichkeit der Gattung Krimi liegt in zwei Illusionen. Dass man Menschen sozialpsychologisch, aus ihrem Wesen, berechnen könne. Und dass Gerechtigkeit walte, am Ende, politisch. Dieser doppelte Unsinn hält schon vierhundert Jahre.
Zu Beginn sind wir in England, im ausgehenden 16. Jahrhundert. Der Hit der Straßentheater und Kneipenerzähler sind Stories zu „true crime“: Krimis, die wirklich passiert sind. Verbürgt. So wie die Ermordung einer höhergestellten Person (Master) durch einen Schurken und zwei seiner Helfer auf Bezahlung durch einen Schneider, der der Liebhaber der Gattin des Meisters war, die die Entsorgung des Ehemanns im Bett mit dem Schneider als Herzenswunsch vorgetragen hatte. Der Komplott wird, wie könnte es anders sein, entdeckt und gesühnt. Shakespeare ist begeistert.
Es geht in diesen Krimis immer um CHARAKTEROLOGIE. Eine Kabinett an typischen Menschen tritt auf. Wir haben Erwartungen daran, wie sich deren Wesenszüge entfalten. Das VERHALTEN als Folge des GEMÜTS. Und wir haben Erwartungen an die irdische Gerechtigkeit. Denn es geht auch um Eschatologie: GOTT DER GERECHTE. Die Sonne soll es an den Tag bringen, das Ungeheuerliche. Der Frevel darf nicht ungesühnt bleiben. Am Ende jedes Krimis steht ein Kreuz, sprich ein Galgen.
Im wirklichen Leben hätte man es von den sauberen Herrschaften nie erwartet, die gerade im Sonnenuntergang Manilas ihren Martiny trinken.
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UNMUSIKALISCH.
Mangels einer Begabung und frei von jeder musikalischen Erziehung kann ich nicht singen. Entgegen der Behauptung des Chorleiters in meinem Dorf, dass jeder könne, wenn er wolle, sage ich: Das ist mir nicht gegeben; ich lasse es. Trotzdem habe ich gelegentlich Lieder im Kopf, meist aus Kindheit und Pubertät.
Gestern, am 11.11., komme ich in der großen Stadt bei der Heimfahrt vom Potsdamer Platz in einen Stau. Blaulicht am frühen Abend, dann sehe ich erste Fackeln.
„Ich geh mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir
Dort oben leuchten die Sterne
Hier unten leuchten wir.
Mein Licht geht aus; wir geh'n nach Haus
Rabimmel, rabammel, rabum.“
Lassen wir mal die Frage offen, warum St. Martin dem Bettler nur den halben Mantel gegeben hat, ich erlebe Brauchtumspflege. Der türkische Taxifahrer sagt: „Meine zwei Kinder gehen auch mit!“ Die Liebe zur neuen Heimat.
Am Potsdamer Platz waren die ersten Stände des Weihnachtsmarktes aufgebaut und Glühwein duftete. Mit Schuss, versteht sich. Ich höre: „Last Christmas, I gave you my heart. But the very next day, you gave it away. This year, to save me from tears. I′ll give it to someone special.“ Der rundheraus unerträgliche Weihnachtskitsch setzt ein. Aber er rührt natürlich die Herzen der Nation. Eigentlich schwer zu verstehen, wieso die kärgliche Geburt Christi eine solchen Massenwahn der Gemütlichkeit auslösen konnte, aber die „Bescherung durch das Christkind“ hat unsere frühen Jahre geprägt.
Man muss hoffen, dass nicht wieder ein drogengestützter Islamist an einen LKW kommt, den er in einen Weihnachtsmarkt zu steuern weiß. An der Sache stimmt was nicht, wie bei den Flugzeugen von 9/11, finde ich bis heute; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wieder in meiner Kemenate schalte ich den Fernseher an und sehe Bilder aus Mainz und Köln. Am 11.11. ist dort den Hoppeditz sein Erwachen. Oder war das Düsseldorf?
„Einmal im Jahr geht es drunter und drüber, denn einmal im Jahr sind wir alle verrückt
Und dann wird man geküsst, und man küsst immer wieder, man schunkelt man lacht und man sagt ganz entzückt:
Du darfst mich lieben für drei tolle Tage, Du musst mich küssen, das ist deine Pflicht.
Du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Steiler Anstieg der Geburtenrate zu erwarten. Kuckuckskinder.
Ich denke über den Begriff der Brauchtumspflege nach. Eine Kultur ist ja in ihren Grundfesten geprägt durch Sitten und Gebräuche. Daraus den Schluss zu ziehen, dass wir vernunftbegabte Wesen sind, scheint mir gelegentlich etwas kühn. Jedenfalls am 11. November. Aber, wie gesagt, ich bin unmusikalisch.