Logbuch

BLATTKRITIK.

Es gibt ein Ritual in Redaktionen, das von dem dazu Eingeladenen höchste diplomatische Raffinesse verlangt. Ein prominenter Leser wird gebeten, den versammelten Journalisten mal ganz offen zu sagen, was er so von dem jüngsten Blatt hält. Daran schließt meist ein nettes Gespräch an, ab und zu auch eine Diskussion.

Das Ganze erinnert mich an die personale Frage der Gattin vor dem Spiegel, die vor einem schönen Abend auf dem Ball von ihrem Gemahl noch mal ganz ehrlich erfahren möchte, ob das neue Kleid dick mache. Oder die Frisur alt. Jetzt geht es um alles; ein falsches Wort, eine fahrlässige Geste… Es gilt dann nämlich das Brecht-Wort: „In Zeiten höchster Not streng an die Unwahrheit halten.“

Ich habe das bei einer politischen Zeitung mal anders gehalten und den versammelten Schreiberlingen im Klartext gesagt, dass das Blatt nix taugt und sie eine unambitionierte Bande sind, die ohne Herz und Verstand die Spalten füllen. Leider habe ich das dann sogar im Detail nachgewiesen. Unredigierter Agenturmüll, das waren wohl meine Worte. Sie haben mich gehasst. Und fortan auf Rache gesonnen.

Wenn man klug ist, lobt man am Blatt worauf die Damen und Herren Redakteure ohnehin stolz sind. Man heuchelt Überraschung, wo man eigentlich gegähnt hat. Man lügt, dass das erste, was man morgens täte, das Blatt aufzuschlagen; natürlich wühlt man nicht beim Frühstück im Papier, wenn man schon im Bett einen knackigen Briefing-Dienst hat lesen können. Und auch im Büro greift man zur Presseauswertung, dem hauseigenen Medienspiegel, und beschmiert sich nicht mit Druckerschwärze. Print ist out. Morgen wird eh der Fisch darin eingewickelt.

PR-Leute wissen, dass der zweite Vorname jedes Journalisten Brutus ist. Und wenn ich was zu kritisieren hätte, so würde ich das in keinem Fall auch noch vortragen. Mit Journalisten ist das wie mit Staatsanwälten: Gott gebe ihnen reichlich Muße und halte sie lieber im Dunklen. Oder auf dem Golfplatz. Ein guter PR-Mann tadelt nicht; er lobt übrigens auch nicht (das ist der Unterschied zu dem um Rat gebetenen Ehemann). Never complain, never explain.

Der SPIEGEL führt jetzt eine BLATTKRITIK ein. Im Blatt. Jedes Quartal nimmt sich der Tübinger Professor Pörksen das „Sturmgeschütz der Demokratie“ vor und wird sein Urteil in ein Essay gießen, das der SPIEGEL druckt. Pörksen ist wirklich klug, aber strukturell höflich; ihm fehlt jede satirische Ader, unfähig zur Bosheit. Ich sage voraus: Viel Sauce, wenig Fleisch.

Logbuch

MATRIARCHAT.

Die düstere Stimmung in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts nennt man ROMANTIK, obwohl dort wenig Romantisches Thema ist. Etwa in der Geschichte von dem Mann, der bei seinem Schatten gewisse Eigenwilligkeiten bemerkt. Er beginnt immer öfter über seine Schulter zu schauen und beobachtet Züge des Eigenlebens. Nachts gar, wenn er sich die Decke über die Ohren gezogen hatte, ging der Schatten aus und kam erst frühmorgens von einem exzessiven Nachtleben zurück.

Man ahnt schon, wie das endet. Der Schatten übernimmt mehr und mehr das Leben des Mannes und dieser ist am Ende nur noch der Schatten seiner selbst. Mit dieser kleinen Geschichte versucht eine amerikanische Zeitung das Verschwinden des Joe Biden hinter seinem Gegner Donald Trump zu beschreiben; inzwischen eine historische Episode, die durch die Inthronisierung von Kamala Harris endgültig Geschichte ist. Mit ihr setzt sich das Euphorische gegen das Thymotische, sprich feminine Lebensfreude gegen die Gehässigkeit des bösen Manns.

Die Entscheidung, sie nicht frei reden zu lassen, sondern nur als gut gelauntes Kostüm zu zeigen, wird nicht von ungefähr getroffen worden sein. Ob das zum Wahlsieg reichen wird, ist ungewiss. Am Imagewandel der Hillary Clinton zur unbeliebtesten Politikerin hat man gesehen, dass das Geschlecht allein es nicht macht. Damit eine virile Gesellschaft ein Matriarchat akzeptiert, bedarf es mehr als eines Rocks. Womit wir bei unserer pensionierten MUTTI sind, die doch, wenn ich das recht erinnere, mit ihrer Biographie gedroht hat. Diese Lebensbeichte wird niemanden noch interessieren. Sie wirft keinen Schatten mehr, die verkniffene Frau Merkel. Von der Gynäkokratie der ostdeutschen Pfarrerstochter ist nichts geblieben als Frust; in ihrer Heimat mehr als es gut tut.

Logbuch

DIE MINIBAR.

Zu den ewigen Ärgernissen in Hotelzimmern gehört die sogenannte Minibar. Sie war mal gedacht als nette Geste an den Gast; inzwischen gibt es hundert Versuche der Hotellerie, sich dieser Gastfreundschaft wieder zu entledigen. Jüngst erfahre ich beim Einchecken, dass die Minibar im Zimmerpreis enthalten sei, man deren Befüllung aber selbst vorzunehmen habe, indem man sich aus dem Angebot von Wasser und Limo, Nüsschen und Schokolade etwas vom Hallentresen mit auf‘s Zimmer nähme. Service-Wüste.

Überhaupt gilt der Gast als asoziales Subjekt; man will auch bei Vorkassebuchung einen Abzug seiner Kreditkarte „nur für alle Fälle“, abgebucht werde nichts. Auf Nachfrage wird eingeräumt, dass man eventuelle Vandalismusschäden so decken will. Die unschwer neben Koffer und Aktentasche auf‘s Zimmer bilanzierte warme Wasserflasche trifft dort zwar auf einen angeschlossenen Kühlschrank, dessen Innenleben aber nur als versüfft bezeichnet werden kann. Na ja, sagt die Dame an der Rezeption, da schaue man nicht mehr rein, weil er ja leer sei.

Toilettenartikel gibt es auch nur noch auf Verlangen an der Rezeption. Das einschlägige Papier auf der bewussten Rolle ist graue Recyclingware der rauen Art. Haarwaschmittel bietet ein permanenter Spender in der Dusche. Man fragt sich, ob man sicher sein kann, dass die Bettwäsche gewechselt wurde. Es macht keinen Spaß mehr. Demnächst darf ich das Laken selbst mitbringen. Der Qualitätsunterschied zum Nachtasyl für Obdachlose wird immer geringer.

Meine Neigung, Geschäftstermine so zu legen, dass man noch etwas Touristisches unternimmt, sprich eine Hotelübernachtung dran hängt, geht gegen null. Wenn das so weitergeht, wird das gute alte „stop-over-girl“ wieder aktuell: Bratkartoffelverhältnisse mit Maxibar.

Logbuch

SPREZZATURA.

Man muss schon umtriebig sein, um alle Plattformen zu kennen, auf denen im Internet kommuniziert wird. Da die Plattformen selbst Echokammern ihrer Nutzer sind, also Nutzerneigung vorwegnehmen in der Auswahl der Gesprächspartner oder der Beiträge, gestalten sie die Blase zur Welt. Hinzukommt, dass die Verleger dieses virtuellen Universums darüber entscheiden, was Priorität hat. Ob das verdeckt geschieht oder prinzipiell erkundbar, ändert nichts daran, dass ein Klima der Vertrautheit entsteht. Universalität als pure Suggestion.

Das ist das erste Problem der Plattform, ihr punktförmiger Horizont. Das zweite ist der Wandel vom Text zum Film. Es wird nicht mehr lutherisch gedichtet („Das Wort sie sollen lassen staan.“), sondern audiovisuell kommuniziert, Filmchen sind die vorherrschende Form. Aus der Predigt von der Kanzel wird eine Folge von Werbespots. Dabei gibt es einen notorischen Überhang an Nebensächlichem; man schaut den Vortragenden eben auch auf Bluse oder Hose, was viele Menschen zu einer gewissen Zeigefreudigkeit verleitet. Aber auch das nicht der Kern des Problems der Ticktockisierung.

Der Knackpunkt liegt in der neuen Erzählform der Filmchen; es ist die EPISODE. Was da in wenigen Sekunden inszeniert wird, muss komisch sein. Aus Esprit wird Witz. Das Paradigma der Pointe. Die wahre Weltherrschaft des Ticktock liegt in diesem Zwang zum Episodischen. Die Philosophen unter uns wissen, was das Problem mit der „episodischen Evidenz“ ist. Wir alle wissen, dass das Leben nicht nur aus Witzchen besteht. Und leiden darunter von aufgereizten Menschen mit einem Zwang zur Anekdote gelangweilt zu werden. Die eigentliche Verzerrung dieser Welt liegt in der Manie zur Episode.

Dem widerstehen wir hier mit KONVERSATION. Man sollte Gedanken nachgehen, Ideen verfolgen, Schlüsse ziehen und verwerfen. Sich selbst nicht wichtig nehmen, den Spiegel verhängen. Für den Italiener in uns oder die Freunde der Renaissance: sprezzatura!