Logbuch

FREUNDESLOB.

Der Tag beginnt ungewöhnlich. Recht früh ruft ein Freund aus den Bergen an und lobt literarisch Eintragungen ins Logbuch. Das Lob wiegt doppelt und dreifach. Doppelt, weil er ein Kollege ist, in einer Branche, die eigentlich der Neid bestimmt (so wie kein Anwalt dem Herrn Collega ein spendables Mandat gönnt). Dreifach, weil er selbst schreibt (und kein Künstler anderen eine Begabung zubilligt).

Ich hatte, fällt mir dabei wieder auf, nie einen großen Freundeskreis; zwei der engsten hat der Sensemann schon vor Jahren geholt. Man sagt mir nach, ich polarisiere. Zwei oder drei Freunde sind mir aber über die Jahre geblieben; ich ehre sie, indem ich sie nicht nenne. Die Institution der allerbesten Freundin gehört in die Pubertät von plaudernden Schulmädchen. Das ist kein Jungsding.

Mein Berufsleben hat einerseits das Söldnertum bestimmt; man zieht für die Sache Dritter in den Krieg der Worte. Die Söldnerehre aber besteht nicht in der Zahl der Mitkämpfer, sondern die der Opfer. Und zu Opfern empfindet man keine Brüderlichkeit, allenfalls Mitleid, was nicht der Stoff ist, aus dem Freundschaften gewebt sind.

Andererseits bestimmte mich die Wissenschaft, wo der Mitkämpfer in besten Latein Kommilitone heißt. Aber auch hier beseelt die edlen Seelen das Rechthaberische, nicht die Kumpanei. Man stritt und war sich als Streitender mit Streitenden verbunden; auch daraus wächst nichts Sentimentales.

Ich hätte vielleicht zeitig in einen Verein gehen sollen oder einen Geheimbund, in einen Klüngel also, wo man sich Freund oder Bruder nennt. Oder einer Religion beitreten? Gar einer Sekte oder der Gesellschaft Christi? Oder Partisan mit einem ciao bella ciao? Zu all dem reicht meine mentale Zurichtung nicht. Ich habe im Sentimentalischen (Schiller) etwas Flatterhaftes.

So grüß ich als Freidenker und Flaneur meinen Freund in den Bergen, der sich heute morgen so nett meldete. Salut!

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HELDENLOS.

Das Attentatsopfer Donald Trump galt als unbesiegbar. Mit dem Kennedy-Moment wirkte er für den europäischen Betrachter gesichert als neuer Präsident der US of A.

Das erscheint plötzlich wie der Schnee von gestern. Wir sehen eine Frau in den besten Jahren unverstellt fröhlich lachen; und der alte weiße Mann erscheint entzaubert.

Es war genial, dem Imperator Trump als „weird“ zu kommentieren; das meint „seltsam“ in einem eher unheimlichen Sinne. So schlägt das ehemalige Genie des Einfachen in eine Konnotation des Irren um. Wo ist das noch bei Shakespeare, dass der König geisteskrank ist?

Wir sehen den englischen Premier als Inkarnation wiedergewonnener Normalität in schwerer See und müssen um ihn fürchten. Und der deutsche Kanzler verbirgt sich in sicherer Langeweile; das ist für einen Regierungschef aus dem Lager der SPD vielleicht ein kluges Konzept.

Aber geht das auf Dauer? Führung aus dem Unverbindlichen? Kann eine Volkspartei von dem leben, was diese Spitze intellektuell vorträgt? Kaum vorstellbar. Nicht einmal ein befreites Lachen gelingt der bösen Frau.

Wir leben als Nation in einer Zeit arm an Helden. Das ist bitter. Und in den Regionen und Milieus da werden sie kommen, die Westentaschennapoleons, meinst blauer Farbe. Ein Blau durch das der braune Grundton schimmert.

Kann ich die nette Frau noch mal lachen sehen, bitte.

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WAS IST PR?

Wer sich als Journalist in einer „Mission Wahrheit“ zu politischen Interventionen berufen fühlt, erntet natürlich die Häme der dabei Vorgeführten; davor sollte man die Aufklärer schützen. Meinungsfreiheit gibt es nicht in homöopathischen Dosen. Die rechte Agitation unserer Tage bedarf beherzter Antworten. Da kann man auch mal einen groben Keil auf einen groben Klotz setzen. Das vorweg.

Aber die investigativen Posen des David Schraven von CORRECTIV, die strapazieren unsere Geduld. Jetzt hat auch die FAZ wohlüberlegt den Diskussionsstand zu CORRECTIV festgehalten, neulich Jacobs in der SZ, nun Hanfeld. Ausgeruhte journalistische Federn. Der Alleinvertretungsanspruch der NZZ in dem Kontext ist also eitel, aber geschenkt. Man lese diese drei Blätter bürgerlicher Nachdenklichkeit. Was fehlt? Noch immer ist der Elefant im Raum nicht benannt.

Eine mit anonymen Spenden und Steuergeldern finanzierte Organisation intransparenter Struktur und definitiver ideologischer Haltung  initiiert einen politischen Aufruhr gegen rechte Parteien, indem sie ihr aus dem Innenministerium zugespielte Informationen zu einem Treffen von Remigrationsideologen dahingehend inszeniert, dass eine faschistische Machtergreifung und ein Völkermord analog der Wannseekonferenz drohe und dies als investigativen Journalismus mit angeblich geheimen Filmdokumenten von der geplanten Deportation deutscher Staatsbürger fremder Herkunft begründet, die nicht präsentiert werden. Der politische Kontext ist ein Kampf gegen Rechts, den die Bundesregierung, jedenfalls das Kanzleramt und das Innenministerium, propagiert hat; dem dient man faktisch.

Was immer daran stimmt oder nicht, es handelt sich begrifflich nicht um JOURNALISMUS, sondern um PR. Auch bei anderen ideologischen Vorsätzen von CORRECTIV agiert diese Organisation als PR-Agentur unter Tarnung als Vierter Gewalt und in selbst bescheinigter Funktion des Gemeinwohls, im Interesse „der Gesellschaft“. Das bekannte Argument des Robespierre; Folgen bekannt.

Selbst wenn man den CORRECTIV-Aktivismus prinzipiell für wünschenswert hält, was der Autor dieser Zeilen tut, ist es begrifflich völlig klar, was hier abgeht, politisches PR im Regierungsauftrag. So viel Ehrlichkeit müsste ertragen können, wer den Mut hat, das Allgemeinwohl für seine politische Intervention zu bemühen. Sonst erholt sich die Mission Wahrheit nämlich nicht von ihrer eigenen Lebenslüge.

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SZENE.

Kultfilme aus der Kulturrevolution. Ich erinnere den Pariser Mai von 1968. Es lag Pubertät in der Luft. Und der naive Luxus der Metropole. Man summte: Paris erwacht. Die Liebenden sind müde. Welch ein Lied.

Meine Faszination mit der Leinwand ging Ende der sechziger oder zu Beginn der siebziger Jahre von den Filmen des Jean Luc Godard aus. Jetzt habe ich mir seine „Kinder von Marx und Coca-Cola“ noch mal angesehen. Ein schräges Stück. Der unerträgliche Schauspieler Jean-Pierre Leaud als der ewige Pinsel. Und die Bardot in einer Nebenrolle als Nutte. Ein erratisches Werk, das sich eigentlich um Sex dreht. Hier wurde für die Ohren eines Pubertanten aus der Provinz sehr metropol über Sex geredet. Ich errötete tief damals.

Zu der Zeit besuchte ich einen Freund, der sich an der Münchner Filmhochschule zum Kameramann ausbilden ließ. München war ein deutsches Paris. Steiles Milieu. Ich wusste nicht, was Koks ist, und war weit stärker davon fasziniert, dass dieser Rainer Werner Fassbinder nie duschte, nie. Und seine Mätressen nicht die Diven der Filme, sondern Jungs aus der Kulisse waren. Vor allem aber begeisterten mich „Zwei Eier im Glas“ zum Münchner Kaffeehausfrühstück; in Münster kannten die das noch letztes Jahr nicht. Vier-ein-halb-Minuten-Eier geschält im Glas. Frisches Baguette. Kalte Butter. So frühstücken Helden.

Leaud trinkt in Godards Film MASCULIN - FEMININ stets Johannisbeersirup. Sag ich doch, ein Pinsel. Und in diesem Gemisch von Ausgehen & Beschlafen ging es nebenbei gegen den Vietnamkrieg. Leauds Freund pinselt die Parole „Frieden für Vietnam“ auf ein amerikanisches Militärfahrzeug. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich das bzgl. des jüngsten Konflikts an einen Lada pinsel, um dann in einer Straßenbar einen Sirup von der Himbeere zu nehmen. Und am Nachbartisch sitzt Brigitte Bardot als Straßenhure. Unter dem Pflaster, sagte man damals, liegt der Strand. Romantik der Metropolen.

Die Faszination des Kinos und der Kaffeehausphilosophie ist verflogen. Heute wirkt ihre Dekadenz eher peinlich. Obwohl, ein Frühstück in Paris? Zwei Eier im Glas? Frisches Baguette?