Logbuch
GRENZEN DER MEDIZIN.
Früher verschwiegen Mediziner ihren Patienten besonders tragische Diagnosen. Man wollte, dass der Tod unerwartet kommt; allenfalls erahnt. Heute gilt das als unzulässige Bevormundung. Auch der Todgeweihte ist vernunftbegabt.
Auf einer Ehrung von Palliativmedizinern erfahre ich, dass schon der alte Hippokrates eine strikte Trennung vornahm von Medizin und Seelsorge. Wenn der Arzt die Einsicht hatte, dass er nicht mehr heilen kann, sollte er von dem Kranken zurücktreten und ihn der Seelsorge überlassen. Das ist eine Vorstellung von Medizin als Reparatur des Körpers, ohne dass dazu allzu großes Aufhebens vom Psychischen gemacht wurde. Verstandesmächtige Maschinen.
Eine technokratische Vorstellung von Heilung, die den Gegenstand der ärztlichen Ingenieurtätigkeit entmündigt. Wie bei allen Entmündigungen wurde das fürsorglich gedacht. Daran stimmt vor allem das Menschenbild nicht. Ich erfahre, dass die Palliativmedizin und die Hospizbewegung das anders sieht und auch so handelt. Historischer Fortschritt.
Bizarr dagegen, jetzt ein Ortswechsel, die aus dem Internetmilieu Floridas stammende Bewegung des ewigen Lebens, wohlgemerkt des ewigen irdischen Lebens. Man will nicht mehr altern. Altern ist analog. Zu den sicherlich gesunden Ratschlägen der Ernährung und der Bewegung kommt hier eine enorme Kontrolldichte, was den eigenen Körper angeht. Nicht nur die Schritte werden gezählt, alle Vitaldaten in Diagrammen auf dem Computer, der in der Armbanduhr sitzt. Sogar, wann man müde zu sein hat, weiß sie und fiepst dann. Dabei habe ich wieder die Frage nach dem Menschenbild. Und es bleibt meine Skepsis gegenüber dem Ingenieurwesen; jedenfalls wenn es um den Menschen geht, die beseelte Kreatur.
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TRUE CRIME.
Warum gilt als besonders spannend, was angeblich WIRKLICH passiert ist? Das Phänomen der WAHREN Geschichte. Nacherzählte Verbrechen haben gerade Konjunktur. Als Podcast. Verwegenes für Feige.
Diese Mode der Hörspielchen wundert mich. Aber vielleicht erklärbar, weil passend für Leute, die gerade nicht lesen können; situative Analphabeten mit diesen weißen Knöpfen von Apple im Ohr. Und dann trägt da eine tantenhafte Kriminalreporterin der unsäglichen ZEIT bräsig gehaltene Nacherzählungen vor, die sich selbst dadurch adeln, dass ihre Geschichte nicht „erfunden“ ist, sondern wirklich passiert. Wie banal. Mich erinnert der Stil an den stockbiederen Schulfunk meiner Jugend; statt “Neues aus Waldhagen“ nunmehr „Merkwürdige Begebenheiten“ zum Ungeheuerlichen der Menschheit.
Sensationslüsternes für den gehobenen Sesselbewohner am Coffeetable. Dass ihre Erzählung faktisch sei, das haben sie schon immer behauptet die Literaten; so Daniel Defoe, der uns neben dem Piraten Henry Every auch Robinson Crusoe nahebrachte. Oder der dramatisch überschätzte Truman Capote. Dabei war das Fiktionale immer schon eine Mischung aus Fiktivem und Faktischem. Friedrich Schiller nannte seine Story vom Sonnenwirt, der wilderte, zunächst „Der
Verbrecher aus Infamie (Nebenbemerkung: hatten wir gestern hier). Eine wahre Geschichte“; dann aber DER VERBRECHER AUS VERLORENER EHRE. Eine großartige Entscheidung, toller Titel, aber eben auch fatal: Damit war die Katze aus dem Sack, bevor das Unheil seinen erzählerischen Lauf nehmen konnte.
Gute Kriminalliteratur verdeutlicht, warum das Verbrechen nicht der Moral entspringt, sprich dem BÖSEN, sondern sozial bedingt ist. Sie zeigt den Menschen im Mörder. Sie macht sich damit zum Komplizen. Auch in uns ruht das Ungeheuerliche. Darum lieben wir Krimis, sie erlauben uns Feiglingen einen Moment der Komplizenschaft.
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INFAMIE.
Heute bezeichnet das eine besonders hinterhältige und niederträchtige Angelegenheit. Früher war es ein verliehener Zustand der Ehrlosigkeit. Interessant zu wissen.
Der kirchlichen und feudalen Herrschaft des frühen Mittelalters waren Juden ein Dorn im Auge, Muslime und andere Heiden, insbesondere die Aufmüpfigen mit eigener Heilslehre (Häretiker genannt). Man nahm ihnen die EHRENRECHTE, womit sie keine Rechtsgeschäfte mehr tätigen konnten. INFAMIE wurde verhängt.
Die HEILIGE INQUISITION, insbesondere die spanische (die bei Monty Python immer von hinten angeritten kommt) perfektionierte die spontane Infamie zur systematischen Inquisition; die Folter wurde sorgfältig dokumentiert, was Fundamentalisten des Katholischen für einen Fortschritt halten. Bei leichteren Irrlehren wurde nur noch die Zunge des Infamen herausgeschnitten.
Wer Ehrverlust verhängen will, muss Ehrhaftigkeit kanonisieren; kann aber auch Ausnahmen genehmigen. Das nannte man PRIVILEG. Mancher Jude erfuhr das, wenn man ihn als Bankier im Adel brauchte. Der Rassismus durfte dann zurückstehen, für eine Weile. Vielleicht setzt hier der Bedeutungswandel des Begriffs an. Das schändliche Verdikt der Macht wird zum charakterlichen Feindbild des Ausgegrenzten umgelogen.
Heute gilt als infam, wer heimtückisch und skrupellos einen Hinterhalt stellt. Ohne den juristischen Begriff bemühen zu wollen, eine besondere Schwere der Tat. Also nicht nur unsportliches Verhalten, mangelndes FAIR PLAY, sondern eine richtig miese Nummer, durch die man seine EHRE einbüßt; wohlgemerkt als Täter, nicht als Opfer. Muss man ja dazusagen.
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PECH UND SCHWEFEL.
Gestern war NIKOLAUS. Da taucht bei uns ein türkischer Lümmel mit einem Schornsteinfeger namens Ruprecht als Amazonbote auf und wirft Pakete ab. Kaum in der Stube verweist der Bärtige darauf, dass er der WEIHNACHTSMANN sei und auf die Pronomen „er / sein“ höre. Der Schornsteinfeger hat es nicht so mit den Pronomen, sondern dem Pech, dass ihm als Ruß das Antlitz verfärbe, weshalb seine Firma in Holland als „zwarte piet“ firmiere. Pechschwarz.
Da sind wir mitten im Minenfeld der „political correctness“ oder des „woken“. Es bedarf der Aufklärung. Beginnen wir mit den Pronomen. Ich darf mich dazu äußern, weil ich vor Professor Roland Harweg („Pronomina und Textkonstitution“) im Gebiete der Linguistik ein Rigorosum mit „summa cum laude“ abgelegt habe und in Unterschied zu der allpräsenten Dame aus Hannover („Praktische PR“) weiß, wovon ich rede. Das Possessivpronomen heißt nicht „er/sein“, sondern, jedenfalls an der Ruhr, „ihm/sein“. So fängt es mal an: Ihm sein Pronomen war schon falsch. Ihm sein Fehler.
Dann hat es schon Martin Luther nicht gefallen, dass ein gelernter Heide aus Anatolien für die Beschenkung zuständig wurde, der vorgenannte Santa Claus. Nicht nur, weil dessen Gehilfe aus dem Schornstein nun wirklich kein Vorbild für die Dekarbonisierung war, so von Ruß und Pech gekennzeichnet. Vor allem weil er, Luther, den Götzendienst zu verachten fand, der vom 24.12. ablenkt. Dem ihm seine Idee war daraufhin, dass es ein CHRISTKIND gebe, dass für den Amazontag zuständig sei. Das Christkind beschert unter‘m Baum. Richtig?
Grammatisch ist das (!) Christkind ein Neutrum („es / sein“), geschlechtlich ein Maskulinum, da „Gottes Sohn“ oder der der Maria (wenn auch nicht des Josef, was eine andere Geschichte ist). In allen bildlichen Darstellungen erscheint der Bengel aber eher als feminin, jedenfalls blondgelockt („sie / ihr“). Watt denn nun?
Die Variante eines Hermaphroditen verwerfe ich als gotteslästerlich. Unzweifelhaft ist danach aber die Frage berechtigt, welche Pronomina man sich für sich wünsche.
Bleibt nur noch der Komplex um den Emissionsbeauftragten und seine Identität. Wenn dessen Kollege demnächst wieder bei uns auftaucht (wir heizen auf dem Land mit Buchenholz), werde ich ihn fragen, ob er als Schornsteinfeger gelesen werden möchte. Ich bin auf dem ihm seine Antwort gespannt.