Logbuch
NAIL BITING.
Über die bis auf das Nagelbett herunter gekauten Fingernägel von Politikern gibt es eine Debatte. Man dürfe Fotos davon nicht zeigen, auch nicht PR-Fotos bei „absoluten Personen der Zeitgeschichte“. Aber die lackierten und verzierten Nägel schon?
Onychophagie, so nennt das der Arzt. Von GORDON BROWN gibt es Fotos, die zeigen, dass er neurotischer Nägelbeißer war. Erschütternd. Ähnliche Bilder existieren historisch von den Händen anderer Politiker, etwa vom ANGELA MERKEL. Und jetzt von einer Parteivorsitzenden der Grünen, deren Namen ich vergessen habe. Wenn sich Menschen die Nägel aber mit allerlei Verzierungen aufhübschen lassen, dazu gibt es unzählige Läden für FRENCH NAILS, dann darf ich das bewundern; wenn der NÄGELKULT aber auf eine zwanghafte Selbstzerstörung hindeutet, dann nicht.
Das stimmt bei PRIVATPERSONEN und ihrer PRIVATHEIT. Akzeptiert. Es gilt bei unfreiwilligen Fotos, die das Recht am eigenen Bild verletzen. Ja. Aber bei einem vorsätzlich produzierten und als PR verbreiteten „Siegesfoto“ einer Politikerin, da gelten doch wohl andere Regeln. Die Vorgabe „Bewunderung erlaubt“, aber „kritischer Blick“ untersagt, die gibt es nicht. Das Presserecht schränkt das Recht auf PRIVATHEIT bei „Personen der Zeitgeschichte“ ein, weil die vorsätzlich auf eben diese verzichtet haben.
Die Macht wollen, sich prahlend in die Öffentlichkeit begeben, dann aber sakrosankte Demut des Publikums erwarten? Dem Volk seine Lust am Spott verbieten, als dessen Machthaber? In Nordkorea vielleicht, hier eher nicht.
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WEM ES NÜTZT.
Genetisch ist das stärkere Prinzip das Weibliche; das andere Chromosom namens Y gilt als schwach, notwendig, aber nicht überlegen. Daher musste nach der Niederkunft die soziale Frage gestellt werden, wenn Männer herrschen wollten. Auch als religiöse. HERRSCHAFT ist ein Konstrukt.
Gestern war der kirchliche Feiertag „Maria Lichtmess“. Wer nachliest, woher diese Tradition kommt, lernt, was der Lateiner mit CUI BONO meint. Das ist die Frage danach, wem eine Angelegenheit den größten Nutzen bringt. So fragen jene Skeptiker, die die Nebelgespienste des Abergläubischen, jedweder Religion, zerreißen wollen. Gottesstaaten gilt es zu misstrauen.
Also, vor zwei oder drei Jahrtausenden gehörte das erste männliche Kind eines Paares, der ERSTGEBORENE, angeblich Gott und musste von seinen Eltern zu Lichtmess im Tempel „dargestellt“ und ausgelöst werden. Da Gott schlecht das INKASSO selbst machen konnte, standen seine HOHEN PRIESTER hierzu bereit. Tiefe Taschen. Man konnte die Summe bar leisten oder durch Naturalien, ein Schaf und eine Taube etwa. Zugunsten der Popen.
Wer wohl auf die Idee gekommen ist? Es soll ja sogar ein regelrechtes Bankwesen im Tempel gegeben haben. Jesus schmeißt sie später raus, die Geldwechsler. Man spricht dabei von TEMPELREINIGUNG. Ein Sprachbild des „Reinen“, das noch eine ganz andere Tradition hatte. Die Gebärenden galten bei der Geburt eines männlichen Erstgeborene 40 Tage als „unrein“, bei einem Mädchen 80 Tage. Erstaunlich. Eine mythische Geburtenregelung. Kennen das andere Religionen auch?
Und wir fragen: Wem nützt das?
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LOGBUCH 02.02.22-09.01h
YOU CAN CALL ME YOU.
Das Duzen gilt im Hochdeutschen als Vertraulichkeitsgeste. Menschen von Stand und Rang siezen sich. Es gab einen französischen Präsidenten, der seine Gattin sogar im Bett siezte: ein Zeichen des Respekts. Das Gegenteil also von "Gib mir Tiernamen, Schatz!"
In den Plaudergemeinschaften des Internets, Social Media genannt, ist das Duzen schon immer Usus. Das schwabbte von Amerika herüber, einer Gesellschaft ohne Manieren, jedenfalls ohne Etikette, in der schon immer ein INFORMALITÄTSGEBOT galt; bei der Turnschuhgeneration aus dem Silicon Valley umso mehr. Namen waren Vornamen, Vornamen wurden dann auch noch abgekürzt bis sie einsilbig waren. Aus jedem Richard wurde ein Dick (pun intended).
Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe mich schon immer mit meinen Mitarbeitern geduzt, wenn sie es zugelassen haben. Bei unseren Kollegen im Ausland war es eh üblich. Ich erinnere mich noch gut, wie mir ein Major Shareholder und Ministerpräsident das Du anbot; was wir dann beigehalten haben, als er Kanzler wurde; meine Sekretärin sagte damals: "Wir können uns schlecht im Büro siezen, wenn wir den Kanzler duzen." Wie wahr. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von fast zweihundert über die Jahre haben das Du verweigert. Ich erinnere mich gut an Ort und Zeit (Muss ich mehr sagen? Der männliche Kollege hat es überlebt.).
Immer wenn es RESPEKTVERWEIGERUNG ist, stößt mir die unfreiwillige Vertraulichkeit unangenehm auf. Die BAHN etwa duzt mich, verweigert aber notorisch die Leistungen, für die ich bereits bezahlt habe. Zudem hat sie sich einen GHETTO-JARGON angeeignet, die bereits bei den Berliner Verkehrsbetreiben Kult war. Ich empfinde das als übergriffig. Wenn nun auch die Flugbegleiter:innen auf das GENDERN verzichten und die Passagiere auch in der BUSINESS mit "guys" (amerikanisch für "Leute") anreden, werde ich sie wieder SAFTSCHUBSE nennen. Das ist auch übergriffig. Aber wer hat angefangen?
Nach dem Duzen und den abgekürzten Vornamen werden die NICKNAMES kommen, die Kosenamen. Damit würde dann die INTIMITÄT des Kosens zu kleiner, vor allem aber öffentlicher Münze. Ich erinnere mich an die Kommentare in Berlin als ruchbar wurde, dass der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund S. angeblich seine Gattin im Innenverhältnis "Muschi" nenne, auch vor Dritten. Ich bin da anders erzogen. Ich habe meine Eltern geduzt, aber rede natürlich nicht von "Anneliese" oder gar "Mama" in der Öffentlichkeit, sondern von meiner Frau Mutter. Das wäre nämlich ihr Wunsch.
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DUNKELFLAUTE.
Keine weiße Weihnacht. Gar kein Wetter. Weder Wind noch Sonne. Dunkelflaute. In die Erleichterung, dass die Atombuden demontiert sind, die Gruben abgesoffen und der Iwan auf seinem Gas sitzenbleibt, mischt sich ein leises Sentiment der Besinnung. Wie vorbildlich ist der deutsche Sonderweg? Und obendrauf: Sind die Syrer endlich raus? Herberge zu Weihnachten, so weit kommt das noch.
Dritter Advent, also. Die Jahreszeit der BESINNLICHKEIT geht ins Finale. In den letzten Tagen hat es mich stimmungsmäßig dann auch erwischt. Man erlebt Zeichen des Niedergangs. Ich steh auf einem Adventsempfang, den mal hundert Leut besuchten, beinahe allein; zu allem Überfluss erzählt ein alter Mann von seinen Krankheiten: Ich möge auf meine Prostata achten. Auf meine was? Der ausgeschenkte Wein ist lauwarm und schlecht. Keine Schnittchen, man denke: ohne Canapés; das geht ja gar nicht. Im Hotel gestörter Schlaf, da ein Kegelklub sich besoffen durch die Nacht grölt. Das war mal das erste Haus am Platz.
„Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn./
Soll denn das Spiel der Zeit/ der leichte Mensch bestehn?/
Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/
Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub und Wind;/
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t./
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!“
Gryphius halt:
„Du sihst/ wohin du sihst / nur Eitelkeit auf Erden./
Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein:/
Wo itzund Städte stehn/ wird eine Wiesen seyn…“
Schwermut. Dabei sollte doch die Leichtigkeit des Seins beseelen. Es ist die Zeit froher Botschaften (das heißt Evangelium). Die christliche Religion befindet auf Freude wg. Ankunft des Herrn. Das politische Gemeinwesen ist die ungeliebte Ampel los; es darf, hurra, gewählt werden. Die Wirtschaft stellt sich einer Dunkelflaute und trotzdem gehen die Adventslichter nicht aus (nur die Stahlhütten; selbst in Schuld).
Die SPD findet zu Ihren Wurzeln zurück, dem Brotpreis, jenem Urgrund aller Revolutionen. Sie will die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel senken. Das hören die Herren über die Inflation bei Aldi, Lidl & Co. gern; das nehmen die mal eben so mit. Was die Sozialdemokraten nicht verstehen, das ist der historische Doppelcharakter der allgemeinen Volksberuhigung. Das Motto lautet: BROT & SPIELE. Was ist mit der Belustigung? Wann ziehen die Gladiatoren in die helle Arena und sorgen für Begeisterung?
Im Unterhaltungscharakter der Politik gibt es Defizite in den Reihen der klassischen Demokraten. Sehen wir mal von der Farce FDP ab, wo Lindner sich zum Clown gemacht hat, all überall nur abgeschmackte Routine, während der Rechtspopulismus das große Rad dreht. Georgia Meloni, eine augenaufschlagende Postfaschistin, ist die Heroine unserer Tage. Summa summarum: Könnte es sein, dass DUNKELFLAUTE das Wort des Jahres wird?