Logbuch

SCHWEDENROT.

Eine Bekannte auf Facebook freut sich über die Schlüssel zu ihrem schwedischen Ferienhaus, traditionell eine rot gestrichene Holzhütte. Das rote Holzhaus am See ist auch ein Ort in unserem Seelenleben.

Eigentlich handelt es sich um ein Abfallprodukt aus dem Kupferbergbau. Die Stora Kopparbergs Actiebolaget (wenn ich das recht erinnere) in Falun ist die älteste AG der Welt und berühmt durch einen Tagesbruch, also die Implosion des gesamten Bergwerks zu einem riesigen Höllenschlund. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Grubenwässer waren vitriolreich und das Kupfer wie das Eisenoxid ergaben die dann berühmte Falunfarbe. Damit präpariertes Holz schimmelte nicht mehr und wehrte Käfer ab. Zudem hatte die bescheidene Hütte damit den Ton der Backsteinhäuser, sah also gehoben aus. Romantische Malerei tat ihr übriges.

Was immer den Schweden unter den Völkern der Moderne auszeichnet, sein Talent zur Gestaltung eines Nationalcharakters der Wünschbarkeit ist ohne Gleichen. Ich nenne die Kitsch- und Tand-Rampe IKEA als Beispiel. Neben den osteuropäischen und asiatischen Billigmöbeln werden hier vor allem Accessoires angeboten, die die Behausungen der Spießer Europas verhübschen. Ekelhaftes Zeug.

Schweden galt der Linken als Élysée eines Sozialismus light. Eine fabelhafte Kinderbuchautorin hat viel geleistet und ein Ehepaar, das Krimis schrieb. Regelrechter Sehnsuchtsort wurde das zwischen Dänemark und Norwegen eingeklemmte Ländchen. Dabei hätte man in Europa ganz andere Erfahrungen erinnern können. Der dreißigjährige Krieg hat böse Spuren hinterlassen. Im Baltikum erinnert man anhaltende Übergriffe.

Die Vikinger waren für ufernahe Piraterie bekannt, bis tief in den Mittelmeerraum. Daher stammen die Blonden im Süden Italiens. Kein Scherz. Jetzt aber zum Punkt: Ich suche einen Gegenwartsroman, den ich nicht zu Ende lesen konnte und verlegt habe. Spielt in einem Restaurant Stockholms. Es gibt einen Gast, den sie „das Schwein“ nennen. Ja, und das nachgelassene Kind. Was passiert da hinterher in dem Verschlag?

Jemand eine Idee?

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BRO.

Ich verbrüdere mich nicht gern. Zu oft steckt hinter der Kumpanei eine minder hübsche Absicht der schlichten Vereinnahmung. Über die Scheu vor Fraternisierung.

Eine Schauspielerin fragt in einer Talkshow: Woran fehlt es einer kriegerischen Welt? Man versteht die Frage. Und ist doch irritiert über ihre Naivität. An Brüderlichkeit? Die französische Revolution des 18. Jahrhunderts hat die uns zusammenführende Qualität FRATERNITE genannt, Brüderlichkeit. Die Getto-Kids reden sich so an: „Bro“ ist kurz für „Brother“ im Sinne einer „Brotherhood of Man“. Eine universelle Kategorie. Alle Menschen werden Brüder.

Aber die jungen Männer muslimischen Glaubens und nordafrikanischer Herkunft, die gerade die französischen Vorstädte bespielen, meinen das eher ausgrenzend. Brüder sind Glaubensbrüder, eigentlich Stammesmitglieder und Schicksalsgenossen aus einer gewaltgestützten Sozialisierung, die die gescheiterte Integration als Pauper und Paria festschreibt. Zusammengeschweißt hat sie auch die Abscheu des Staates, der sie wie Schmutz behandelt, der „weg gekärchert“ (Nicolas Sarkozy) werden muss. Klassenkampf von oben.

Die Zubilligung von Brüderlichkeit geschieht immer selektiv. Sie ist ein emotionaler Zusammenschluss einiger unter der gleichzeitigen Bedingung des Ausschlusses aller anderen. Wo sich Glaubensbrüder so benennen, als Brüder und Schwestern, demarkierten sie zugleich eine Welt außerhalb dieser heiligen Familie. Man bezieht ein, um auszugrenzen. Ich sage es im Klartext: Mir gefällt das nicht.

Die linke Tradition der Anrede als Genosse hat unter dem Vorschein des Gemeinschaftlichen auch etwas von diesem Prinzip des Ausgrenzenden. Das gilt auch für die Freunde der Freimaurerei oder des Rotarischen. Das ist die soziologische Klippe der Fraternität. Es gibt zudem eine ideengeschichtliche.

Ich lese in Berlin in einer Seitengasse der Friedrichstraße eine Inschrift zu einem Ereignis aus dem Revolutionsfrühling von 1848. Die preußischen Truppen hatten sich geweigert, weiter auf Aufständische zu schießen, die die Fahne der bürgerlichen Freiheit auf die Barrikaden gepflanzt hatten. Man feiert das VORMÄRZ-Ereignis hier mit Versen von Freiligrath:
„Es kommt dazu trotz alledem /
Daß rings der Mensch die Bruderhand /
Dem Menschen reicht trotz alledem!“

Dem Menschen die Bruderhand reichen. Selten genug.

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SPARTACUS.

Bürgerkrieg also, Anarchie. Fassungslos blicke ich nach Frankreich, wo der Mob der Vorstädte wütet. Ja, wir werden über die Ursachen der Gewalt reden, zunächst aber reden wir über sie selbst. Und über den „flic fasciste assassin“.

Hätte man Karl Marx gefragt, so hätte er den Aufstand der Halbstarken mit SPARTACUS verglichen, dem römischen Aufstand der Sklaven. An Engels hatte er geschrieben, der Gladiator sei „der famoseste Kerl der ganzen Antike“. Mir sind Vokabeln wie Mob unterlaufen, um die Rebellion der jungen Zuwanderer muslimischen Glaubens zu benennen. Fraglich, ob das angebracht ist. Famose Kerle oder üble Jugendbanden? Dünnes Eis.

In den Vorstädten wurde ein Ghetto geschaffen, dass junge Männer einer verunglückten Migration weiter fehlleitet. Der Straßenkampf wird ihre Probleme nicht lösen, sondern verschärfen; für viele wird das der Übergang von der Nebenerwerbskriminaltät ins regelrechte Milieu, dessen Gewalt sich irgendwann auch gegen die Bandenmitglieder selbst richtet. Crime eats crime. Zu wünschen wäre es, dass die neue Heimat Frankreich den Algerischen Zuwanderern ermöglichte, neue Wurzeln zu schlagen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das sozialpolitische Versagen der Grande Nation ist offenkundig.

Auch polizeilich ist das nicht in Ordnung. Sich einer Führerscheinkontrolle zu entziehen, rechtfertigt nicht die Exekution des Delinquenten. Hier ist die Parallele zu den USA, wo man das Triviale erwähnen muss, nämlich dass schwarze Leben zählen, weil es im Alltag nicht trivial ist. Man braucht gegen die Clankriminalität aus Parallelgesellschaften ein anderes Polizeikonzept als den Einsatz der Fremdenlegion im Inneren. Insbesondere in einem laizistischen Staat mit kolonialer Vergangenheit.

Und was sage ich zur staatlich tolerierten Koranverbrennung in Stockholm? Ich sage: Wir verbrennen keine Bücher. Wir erschießen keine Verkehrssünder. Wir akzeptieren, dass Migration eine sozialpolitische Bringschuld hat. Wir schicken den algerischen SPARTACUS zur Schule und geben ihm einen anständigen Job. Und er sich dann ein Auto und einen Führerschein. Und den kann der „flic fasciste“ dann kontrollieren. Vive la France!

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KUNDEN LOCKEN. BÜRGER BELEHREN.

Den Namen sagen. „Ihr heißt VOLKSWAGEN, nicht Luxuswagen!“ Das hat der scheidende Wirtschaftsminister der Autoindustrie patzig zugerufen. Das ist, wie bei allen Propagandaparolen richtig und falsch zugleich. Es ist scheinbar plausibel. Und hat eine eigene Geschichte, die mit Bedacht zu erzählen ist.

Historisch ist nämlich unabweisbar, dass dies die Vorgabe der damaligen Regierung an die Konstrukteure in der „Stadt des KdF-Wagens“ bei Fallersleben war, ein Massenprodukt der Mobilität zu bauen, auf das mit den Sparbüchern der „Kraft durch Freude“-Bewegung angespart werden sollte. Das Käfer-Wunder war in die Wiege gelegt. Man bemerkt, wie vorsichtig ich formuliere. Auch dieser epochale Traum war irgendwann ausgeträumt und wurde durch das Golf-Wunder abgelöst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun geht es um BEV, Elektrofahrzeuge mittels Batterie. Der scheidende grüne Minister glaubt, dass es Verbrenner vom Markt fege, wenn die Strom-Karre weniger als 20k koste. Wenn billiger, dann Boom. Er kritisiert im Grunde, dass die in Europa gebauten Fahrzeuge zu gut ausgestattet seien. Eine bestimmte Preisunterschreitung ist hierzulande eben nur durch deutliche Minderausstattung darstellbar; und das muss dann etwas anderes sein als jene Kosmetik, die die Hersteller „Entfeinerung“ nennen. Der Grüne denkt an so was wie den 2CV oder R4. Da ist viel Romantik der Pubertät.

Die Debatte ist historisch nicht neu. Die Regierung, die den Käfer förderte, führte sie mit der Industrie übrigens auch um den Preis eines Massenkommunikationsmittels, den VOLKSEMPFÄNGER, sprich das Radio. Man wollte es billiger. Der Rundfunk hatte damals die Bedeutung, die heute den Sozialen Medien im Internet zukommt. Nicht ohne Hintersinn hat der Automobilproduzent TESLA (er baut BEV in Brandenburg), sich auch Twitter (heute X) zugelegt; man bewirbt sich dort über das Angebot „autonomen“ Fahrens (meint vollautomatisch). Es werden Kunden mit einem Mehrwert gelockt, nicht mit Minderausstattung.

Jetzt nenne ich auch mal Namen. Das Konzept der VOLKSPRODUKTE ist eng mit dem von Ludwig Ehrhard verbunden, dem Vor-vor-Vorgänger von Robert Habeck. Das Fränkische ist im deutschen Wiederaufbau der Nukleus einer VOLKSWIRTSCHAFT, die die „Soziale Marktwirtschaft“ propagierte. VOLKSFÜRSORGE. Man hat hier Industrialisierung weitergedacht und der Massenfertigung den Nimbus eines „christlichen Sozialismus“ gegeben. Dafür stand dann symbolisch auch die D-MARK. Heute würde ich das Fürther Unternehmen QUELLE als Paradigma nennen, MASSENKONSUM als Heilslehre. Aber auch der Quelle-Katalog fiel aus der Zeit. Ehrhard war übrigens als Politiker ohne Fortune.

Ich habe keine Ahnung, wo die Zukunft der deutschen Automobilindustrie liegt; viele, die da plappern, sind wohl Schwätzer. Das ist das eine; das andere ist: ich sehe China nicht als gelbe Gefahr. Wettbewerb belebt das Geschäft und Mobilität misst man in „Fahrzeuge im Verkehr pro Kopf der Gesamtbevölkerung“. Eine ganz andere Frage ist die nach der politischen Förderung, gesamthaft, nicht nur der Wettbewerbslenkung durch Subventionen. Die strukturelle Industriefeindlichkeit macht uns alle arm. Wer die Menschen überzeugen will, darf sie nicht nur als Bürger belehren, sondern muss sie auch als Kunden locken wollen.

Nun, ich will nicht politisieren. Aber Sie wussten schon, dass E-Autos in der Innenstadt von Oslo gratis parken?