Logbuch
KASINO-KULTUR.
Schon als Grundschüler hat mich beeindruckt, wie die Fabrikdirektoren zu speisen pflegten. Es geht um jene Restauration, die beim Militär Messe heißt oder Kasino und den Offizieren vorbehalten ist. Das Kasino der GHH in Oberhausen-Sterkrade lag auf meinem Schulweg und hatte eine regelrechte Vorfahrt für die Limousinen, die dezent gekleidete Fahrer dort einsteuerten, um dann den Schlag aufzureißen und den Herrn Generaldirektor in die geheimnisumwitterten Räume zu lassen. Das schien mir, dem Enkel eines GHH-Bergmanns ein Olymp. Ich staunte.
Gestern saß ich bei einem vortrefflichen Türken über einer Seezunge und blicke auf der anderen Straßenseite in eine Baulücke. Man hat die Hauptverwaltung des RWE in Essen an der Huyssenallee abgerissen. Dort staunte ich als Berufsanfänger über deren Kantine. Ein riesiges Restaurant mit bestimmt dreißig Separees, die dem kommunalen Universum „private dining“ boten. Viel zu tun war da nicht. Dem Pressechef des Hauses verdanken wir den Satz: „Wer keinen Fahrer hat, soll auch nicht saufen!“ Man hatte Fahrer.
Das letzte große Werksgasthaus habe ich bei BAYER besucht, heute ein Fossil in einem „Chem Park“, wie sie die Mega-Factory einer vergangenen Zeit nennen. Zum wesentlichen Phänomen aller Offiziersmessen gehört die sogenannte Ordonnanz. Ich bin bei gelegentlichen Vorträgen bei der Bundeswehr völlig fasziniert darüber, dass so ein Offizier nicht mal eine Kaffeetasse selbst von links nach rechts schiebt. Das macht die Ordonnanz, sprich Schütze Arsch.
Ich habe auch noch die Zeit erlebt, als sich selbst Kreissparkassen für ihr Kasino Sterneköche engagierten, die dort Weinkeller verwalteten, die ihresgleichen in der Gastronomie suchten. Dekadente Bourgeoise. Dabei spielte dann auch eine Kölner Privatbank und ein gewisser Polier eine Rolle. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Als ich selbst es endlich zum Generalbevollmächtigten gebracht hatte, war keine Zeit, das Kasino zu besuchen. Wir hatten einen Vorstandsvorsitzenden mit einigem Arbeitsdruck (to say the least) und der tiefen Überzeugung, dass man seine Karre als car guy bitte schön selbst steuert. Keine Fahrer. Ich kam nie zum Lunch und hatte Dinner spät nachts vor dem Schlafen gehen in einer Einrichtung, die sie Bullenkloster nannten. Keine Ordonnanz. Man war selbst der Schütze.
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PLUS SIEBEN JAHRE.
Vortrag im örtlichen Altersheim. Ich lausche einem Podcaster (was immer das ist); es geht um die ALTENREPUBLIK. Damit war er bei Lanz, jetzt hier. Was alle Welt schreckt: es treten die geburtenstarken Jahrgänge (1958 ff) in Rente, ohne dass in gleichem Maß Kinder nachrücken. Das beunruhigt jene, die glauben, eine Gesellschaft müsse gebaut sein wie ein Tannenbaum. Diese Pyramide scheint nun auf dem Kopf zu stehen.
Der Podcaster (keine Ahnung, womit der sein Geld verdient) zieht weitreichende Schlüsse, die mich nicht überzeugen. Es geht mir wie bei den anderen APOKALYPSEN der Schlagworte, der des Klimas oder der Überfremdung oder des Iwans: die Extrapolation eines vermeintlichen Ungleichgewichts in die unvermeidliche Katastrophe scheint mir zu hysterisch. Der podcastende Soziologe erzählt, wir hätten in meiner Generation eine um sieben Jahre höhere Lebenserwartung. Das allein kann ja niemanden schrecken.
Alle Vergleiche zu früheren Generationen leiden an einem Denkfehler. Man nimmt an, dass der heutige Rentner mit 63 Lebensjahren der gleiche Mensch sei wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Eben nur plus sieben. Das ist grundfalsch. Noch immer gilt zwar biologisch, dass, wer Kinder groß gezogen hat, jedenfalls Enkel, eigentlich für die Erhaltung der Art überflüssig ist. Zweck erfüllt. Und das der sprichwörtliche Dachdecker nicht mehr auf‘s Dach soll. Na gut.
Aber wir rechnen falsch. Wir zählen falsch herum. Wir rechnen von der Geburt hoch. Man müsste aber vom Tod runter rechnen. Zwischen 100, so alt werden Menschen heute, und 63, dem Rentenalter, liegen nach Adam Riese 37 Jahre, fast zwei Generationen. Wir erleben als Gattung ein volles drittes Lebensalter, das es menschheitsgeschichtlich noch niemals in der Form gab. Und wer die Verschleißteile ersetzt und regelmäßig zum TÜV geht, der könnte da noch einiges anstellen, bevor die Demenz Zug um Zug seinen Kopf ausschaltet. Stellt was an, ihr alten Säcke! Ihr seid in der Mehrheit. Und damit meinte ich jetzt nicht, AfD zu wählen.
Werbeblock: Der Podcaster heißt Stefan Schulz, geboren zu Jena, studiert in Bielefeld, jetzt in Frankfurt. Überall zu hören, wo es Podcasts gibt. Keine Ahnung, wo das ist. Kann der nicht Bücher schreiben, wie alle anderen auch?
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HEILSVERSPRECHEN.
Fahrt durch das Bayrische nach München. Vorbei an Ingolstadt. VORSPRUNG DURCH TECHNIK, das war eine Ansage. Ich erinnere mich noch an mein Staunen über den ersten Fünfzylinder, den ich fahren durfte. Dann der Allrad, der die Skischanze hochfuhr. Es entstand eine MARKE.
Nach München rein noch immer groß an der Hauswand zu lesen: FREUDE AM FAHREN. Ich hab sie früher nicht so gemocht, die BMW-Pinsel, aber mit der Marke, da haben sie was gekonnt. Der Daimler verbastelt das MERCEDES-Image gerade unter dem Knäckebrot-Management. Man lernt: Marken können verfallen.
TESLA hat lange den Mythos des automatisierten Fahrens zu kultivieren gesucht, das der Bure AUTONOM genannt hat, ohnehin eine halbe Wahrheit. Aber man muss den öden Stumpfsinn der tempolimitierten Highways gefahren sein, um diese Sehnsucht zu verstehen. Was also ist eine MARKE? Ich versuche im beruflichen Alltag IT-Technikern, den Genies unserer Zeit, zu erklären, warum die Marketing-Leute (die erfolgreichen) mit einem Namen einen Anspruch verbinden. Ein guter Slogan ist immer ein Claim.
APPLE: Es geht nicht, man glaube mir, um Obst. Aus einer kalifornischen Technikbude wurde die erfolgreichste Marke, weil der angebissene Apfel ein symbolischer Archetyp ist. Adam, der vom Baum der Erkenntnis isst… In der Farbe „weiß“, die der paradiesischen Unschuld. Das Marketing-Wunder. So unterstützt man den Vorsprung durch Technik mittels Freude am Fuhrwerken und gewährt der Schlange mental Autonomie…
Der beste Slogan? Der des irischen Biers:
GUINESS IS GOOD FOR YOU. Dazu die Harfe. Alles gesagt. Heilsversprechen sind einfach und klar.
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DIE ELFE, SIE HELFE.
Ein junger Kollege erzählt von den Weihnachtsfreuden mit seiner kleinen Tochter. Es ist zu meiner Verwirrung von einem Elch auf dem Regal die Rede, der sich dann als Elfe erweist. ELF ON THE SHELF ist ein amerikanischer Unsinn, in dem die infantile Seele mit der Vorstellung erfüllt wird, dass ein winziges Wesen auf den häuslichen Regalen hocke, die Infanten observiere und nächtens zum Nordpol fliege, um SANTA CLAUS dahingehend zu informieren, ob die Kinder „auch brav gewesen“ seien. Amerikanische Trivialliteratur. Furchtbar. Eine Weihnachts-Stasi für Kinder.
Aber auch hierzulande gab es solche Mythen; man denke an die Kölner HEINZELMÄNNCHEN, die die Arbeit heimlich in der Nacht erledigten, so dass der Kölner tagsüber guten Mutes eine ruhige Kugel schieben konnte. Diese Volkssage zeigt übrigens eindrucksvoll, dass der Rheinländer kein Preuße ist. Arbeitsethos ist ihm fremd. Er hält lieber ein Schwätzchen und lässt den Herrgott einen guten Mann sein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
HEINZEN ist ein Begriff aus der Welt des Bergbaus und meint die Wasserführung. Wie man bei Georg Agricola und mir nachlesen kann, ist die eigentliche Kunst des Tiefbergbaus die Entwässerung des Höllenschlundes. Dort fanden jene Bergleute Verwendung, die nicht ganz so kräftig gebaut waren, HEINZELMÄNNCHEN, sagt die Sage. Womit wir bei den Wichten und Zwergen sind (bekannt aus dem Märchen um Schneeflittchen).
Die Erfindung der kundigen Bergzwerge, die um die Silberadern im Gestein wussten, gehört zu den ganz dunklen Montanmythen, die ich mit großer Skepsis lese. Natürlich gab es Markscheider mit guten geologischen Kenntnissen. Aber doch wohl nicht als das, was man als eigene Menschenart verstehen könnte. Das Zwergentum im Bergbau hat einen weit ernsteren Hintergrund: KINDERARBEIT. Wer im Loch bei schwerster Arbeit seine Kindheit zubringen durfte, der wuchs dann nicht mehr zum Hünen. Bitter.
Und so kann man sich durch ein Übermaß an Montanverstand jede Weihnachtsromantik ruinieren. Wäre ich doch nur als Kölner geboren. Darauf einen Samtkragen zum Frühstück. Nennt sich im Revier „Stahl & Eisen“. Was das ist, kriegen wir später.