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VOLKSVERHETZUNG.

Allenthalben sieht man auch Diktatoren scheitern. Insbesondere dann, wenn sie auf die große Lüge keine noch größere mehr setzen können. Vom Verlust der Fähigkeit aufzustacheln.

Der zur Wiederwahl stehende Donald Trump war sich sicher, dass er wiedergewählt werden würde; nur eine Schurkerei könnte ihn des Sieges berauben. Also wäre es nur rechtens, einen solchen Wahlbetrug zu verhindern und sei es durch einen Staatsstreich. In der politischen Debatte in den USA ist dieses Paradox mit dem 6. Januar verbunden, einem durch Propaganda provozierten Angriff des Pöbels auf das Capitol.

Warum scheiterte der Putsch? Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe. Der erste ist komplex. Trump unterschätzte die legale Resilienz. Selbst wenn man fast alle Schlüsselpositionen mit seinen Gesinnungsgenossen besetzt hat, sind diese doch noch an ein Minimum von Legalität gebunden. Der Aufruf des Präsidenten zur Wahlfälschung kann nicht umgesetzt werden, wenn er als solcher daherkommt. Selbst wenn das Wahlsystem kompliziert ist und verdeckte Manipulation möglich, kann man den Wahlbetrug nicht einfach als Betrug fordern. Das überstieg die politische Intelligenz des selbstverliebten Autokraten.

Der Allmacht des Präsidenten, wie sie sich der minderbegabte Fernsehstar Trump erträumte, fehlte in der großen Politik die institutionelle Basis. Die Wutausbrüche des gelernten Immobilienhais im Weißen Haus müssen legendär gewesen sein, aber es half ja nichts; wer ohne Truppen in die Schlacht zieht, kann vom Endsieg nur träumen. Der Intrige fehlte die planerische Raffinesse, dem Hochverrat der politische Plan. Zur Machtergreifung reicht nicht allein Vorsatz und Niedertracht.

Der zweite Grund für das Scheitern des Rechtspopulisten ist profan. Er hatte verloren, was ihm ansonsten immer geholfen hatte, die Fähigkeit zur Demagogie. Der Geschichtenerzähler stand ohne Story da. Nur wenn er den Putsch als patriotische Pflicht hätte darstellen können, hätte die Chance bestanden, dass die Schurkerei sich schönfärbt. Seine Lügen waren klein und fadenscheinig, wo sie groß und gewalttätig hätten sein sollen. Das große Maul war leer.

Dabei wird ja gar kein großer Wert auf Logik oder Tiefe gelegt; damit Demagogie wirkt, muss sie nicht klug oder schön oder auch nur plausibel sein, sondern vor allem von unverschämten Anspruch. Nur die ganz großen Lügen haben eine Chance als höhere Wahrheit Geschichte zu schreiben. Aber die Fähigkeit zur Verblendung reichte nur noch für seine Anhänger, nicht mehr darüber hinaus. Die Kraft zur ganz großen Lüge war erschöpft.

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LEADERSHIP.

Der Taktstock ist ein schönes Symbol. Obwohl ein so unscheinbares Instrument, ein Stöckchen, zeigt er, wie Führung geht. Eine Mischung aus Machtanspruch und Innigkeit.

Die Kommunikation zwischen dem Dirigenten und seinem Orchester ist ein überaus interessantes Schauspiel, geradezu ein Lehrstück. Ich sitze als Unmusikalischer im Konzertsaal und habe während der Sinfonie ja nichts zu tun, also betrachte ich den Mann am Pult, den Stummen der Musiker mit dem Taktstock. Es geht hier, wie im Leben, eigentlich um Macht.

Der durch den Stock verlängerte Arm des Konzertmeisters drückt seine Herrschaft über die Bande der Musiker aus, die da blasend, zupfend, streichend, schlagend vor ihm hocken. Eigentlich alles Solisten, deren Eigenleben zu unterbinden ist. Mittels drohendem Stock. Es ist der Befehlsstab, eine gut sichtbare Hand der Herrschaft, die die Vielen zum Gleichklang bringt. Man kennt es grobschlächtiger vom Tambourmajor.

Bei Dirigenten mit besonderer Autorität ist es vielleicht nur ein zartes Stöckchen, historisch der Geigenbogen, oder die bloße Hand. Aus der Waffe wird ein Fingerzeig. Überhaupt ist da mehr an Kommunikation als die etwas grobschlächtige Armbewegung. Zur Motorik kommt Mimik. Ich wende meinen Blick vom Dirigenten ab und beobachte diese gutaussehende Cellistin. Und die hässliche Bratsche. Man muss ihren stummen Blicken sehr aufmerksam folgen, um zu sehen, dass sie notorisch Kontakt halten.

Die Augen der Streicherinnen ruhen auf dem Notenblatt, aber immer nur für Sekunden. Dann erheben sich die Lider für einen winzigen Moment, um dann wieder auf die Noten zu blicken. Sie suchen das Gesicht des Dirigenten zu lesen, ein zarter Kontrollblick auf dessen Mimik, wieder und wieder. Der so Beobachtete belohnt das Interesse mit einem überexpressiven Gesichtsausdruck. Er schneidet geradezu Fratzen. Spannend.

Das ist für einen Kommunikator von fachlichem Interesse. Dass das Drohen mit einem Stock eine Ausdrucksweise ist, also Sprache, ist ja klar. Aber was ist dies süßliche Lächeln, das Spitzen des Mundes, die Kulleraugen? Natürlich auch Sprache, ein gestischer Idiolekt sehr feiner Art. Es sind Erinnerungsgesten an Inhalte über die man sich in den Proben verständigt hat. Denn der Dirigent entscheidet nicht nur, was wann gespielt wird, sondern auch wie.

Ein stummes Gespräch über die Interpretation des Komponisten. Und dieser musikalische Ausdruck muss mehr meinen als die Modi, die auch auf dem Blatt stehen. Ich bin als Unmusikalischer fasziniert. Mein Lieblingsinstrument ist, der geringen Expertise entsprechend, die Pauke. Auf die Pauke zu hauen gehört zu meiner Profession. Selbst hier sehe ich, dass der Dirigent einen Blick tauscht. Ha! Das bestätigt meine Theorie des nonverbalen intimen Gesprächs von Orchester und Dirigent. Faszinierend.

Übrigens ungleichzeitig. Der Führer auf dem Pult ist immer einen Takt zu früh. Ich weiß, dass eingefleischte Musiker jetzt grinsen über den Unverstand dieser Beobachtung. Aber es zeigt, was ich sage. Das ist strategische Kommunikation; man verständigt sich nonverbal darüber, was man verabredet hat, mit dem anzustellen, was jemand auf‘s Blatt geschrieben hat. Hochkomplex.

Wie bitte? Welches Stück? Keine Ahnung. Irgendwas von Moses Bach Oldy. Ich kenn mich da nicht so aus.

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SCHATTEN IN DER WIRTSCHAFT.

In einer Bar in Dallas, Texas las ich das Schild: „In God we trust, the rest pays cash.“ Das mit dem Gottvertrauen steht auf den Dollarnoten.

Morgens um sieben ist die Putzfrau mit ihrer Arbeit in dem Restaurant gegenüber fertig und bringt noch den Müll raus. Die Tonnen stehen im Innenhof und ich höre, wie die Weinflaschen in den Glascontainer geworfen werden. An Ton und Ausdauer des Schepperns ist zu erkennen, wie der vorige Abend war. War was los, rummst es lange; aber es gibt auch kürze Glaskonzerte. Korrelation von Umsatz und Leergut. Wäre ich bei der Steuerfahndung, wüsste ich das.

Im Westerwald kannte ich einen Gastronomen, der mittags Kassenbons hatte und abends Zettel vom Block. Den traf ich mal bei Edeka beim Einkaufen, bar aus der Tasche, und in der Metro auf Rechnung. Einmal im Monat fuhr er mit Gattin ins Spielkasino nach Bad Ems. Die Belege davon hob er sorgsam auf. Falls mal gefragt wird…Der Laden lief mittags weiß und abends schwarz. Geht halt nur in der Gastronomie. Wer nix wird, wird Wirt.

Was ich noch aus meiner ARAL-Zeit weiß: Die renditestärkste Investition für einen Tankstellenpächter ist der Staubsauger, in den die Kunden Münzen zu werfen haben. Der wird an einem guten Tag mittels Rollgriff vier-, fünfmal geleert. Verschwindet in der Hosentasche. Einen auf dicke Hose machen, das kommt daher. All das Glück hat ein Ende, wenn alle nur noch bargeldlos zahlen.

Warum mir das eingefallen ist? Ein Notar erzählte mir gestern, dass Immobilienerwerber in Berlin die Kaufsumme in Koffern bar übergeben. Glatte ungeknickte Scheine hoher Notierung. Das wundert mich. Nicht wegen des Prinzips, sondern der Höhe.

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GENIES UNTER SICH.

Eigentlich funktioniert bei mir gut, was SIGMUND FREUD Verdrängung genannt hat; ich vergesse nächtens vieles und habe damit meinen Frieden. Zwei Sätze hängen mir im Hirn fest und sperren sich vor der nächtlichen Ablage im Universum des Vergessens. Das könnte daran liegen, dass sie nachdenkenswert sind.

Der erste Satz ist von PETER SLOTERDIJK; er hat ihn als apodiktisches Urteil über JÜRGEN HABERMAS verhängt. Er lautet: „Nie hat er einen originellen Gedanken gedacht.“ Habermas habe nur andere Autoren im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit zu seinen Zwecken „exzerpiert“, sprich ausgewertet. Das ist ein weicher Plagiatsvorwurf; er soll sich sein Wissen zusammengeklaut haben, der Säulenheilige Habermas. Ein deftiger Satz. Dabei kann Sloterdijk privat sehr charmant sein; ich habe jahrelang eine TV-Sendung mit ihm produziert. Er hat den Charme des Bazon.

Der zweite sperrige Gedanke stammt von MICHEL FOUCAULT und entstammt dessen Testament. Er soll in seinem letzten Willen verfügt habe, dass von ihm keine Wert posthum veröffentlicht werden dürfen. Das wollte er für seinen Nachruhm verhindert wissen. Seine Erben sollen sich daran für einige Jahre gehalten haben; man hat ihnen jedes Wort und jede Notiz abringen müssen. Mir ist vor allem in Erinnerung, dass er ein blendendes Deutsch sprach, was mir mit meinem nun wirklich miserablen Französisch sehr imponierte. Aber eitel war er schon.

Was ist beiden Sätzen gemein? Die Triebfeder der Wissenschaft. Es ist NARZISSMUS. Was macht die Genies mobil? Das. Wir sind in höherem Sinne im Milieu der schwulen Selbstliebe, die, das ist entscheidend, unstillbar ist. Hier liegt die innere Tragik, die zum ewigen Fleiß antreibt. Bei den alten Griechen ist Narziss ein holder Jüngling, der alle Bewerber (sic) abweist und von einem so Verpönten denunziert wurde, weil er eben nicht wollte, und deshalb zu unstillbarer Eigenliebe verurteilt wird. Eine Tragik eigener Art.

Zurück zu Sloterdijk, dem Vielschreiber. Wenn dieser Skribent eines kann, dann die Weltliteratur exzerpieren. Er ist ein manischer Feuilletonist auf der Suche nach Pointen. Er lebt, was er vorwirft. Manischer Mut zum selbstbezüglichen Widerspruch. Trotzdem möge er lang leben. Posthume Veröffentlichungen würde ich allerdings eher für verzichtbar halten.