Logbuch

TIERPLAGE.

An Berlin ist vieles piefig, nicht aber der Große Tiergarten, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen englischen Landschaftsgarten nachahmt. In diesem Bestreben ragt das Proletenkonglomerat an London heran, dessen Gärten ich bewundere. Ich hätte zu KEW GARDENS noch Anmerkungen bezüglich des kolonialen Erbes zu machen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Reden wir also von Freiherr Wenzeslaus von Knobelsdorff, dem preußischen Freimaurer, dem wir die Umwandlung eines fürstlichen Jagdreviers in einen Volkspark verdanken. Dazu wurden die Zäune entfernt, die das Areal sorgsam von Palast und Stadt und Äckern trennten. Heute freut das Obdachlose, die hier die Nacht verbringen, und grillende Getto-Kids mit Spraydosen. Aber das verdirbt an hellen Morgen nicht das Vergnügen der Spaziergänger und Radfahrer. Man ist in dieser verwahrlosten Stadt Schlimmeres gewöhnt.

Der Tiergarten hat Momente. Ich empfehle die Bank gegenüber Baum 44. Ja, die Bäume haben Nummern; wir sind in Preußen. Selbst die Straßenbäume in den Kiezen wissen sich auszuweisen. Der Schlendrian in dieser Stadt beginnt erst im Praktischen; im Prinzipiellen ist allet jut. Wobei sich ans Prinzipielle nur Piefkes gebunden fühlen. Berlin ist die multikulturelle Metropole ohne Manieren, ein Moloch.

Die Gestaltung eines Landschaftsgartens nach englischem Vorbild ist darauf angelegt, dem Flanierer „views“ zu eröffnen, zur geneigten Betrachtung. Es werden unterschiedliche Idyllen inszeniert. Deshalb plötzlich eine Brücke oder der Blick über‘n Teich auf die Ruine oder vier dichtgedrängte Bäume auf weitem Rasen. Es herrscht der Mut zu großspurigem Kitsch.

Mittendrin Skulpturen mit Jagdszenen. Sie erinnern an die ursprüngliche Verwendung des Geländes. Bevor sich hier die englisch inspirierten Freimaurer Parks schufen, ging ihre Majestät mit Hofstaat auf die Jagd. Das war der Sinn der Einzäunung. Man setzte andernorts gefangenes Wild hier aus und ließ es hinter der Einzäunung gedeihen, um dann hier auf die Jagd gehen zu können.

Treibjagd im Zoo? Wie pervers ist das denn? Ja, jetzt sehe ich auch den Tierpark im Tiergarten, der hier ZOOLOGISCH heißt, mit anderen Augen. Nun gut, es wird nur begafft, nicht mehr beschossen, aber irgendwie scheint mir das ganze Vorhaben aus der Zeit gefallen. Ich soll die Enten nicht füttern, mahnt ein Schild, und das Tor zum Ruhebereich schließen, wegen der „Kaninchenplage“. Der was bitte?

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NEUE HEIMAT.

Gedankenspiel: Wenn ich auswandern müsste, warum auch immer, wohin ginge ich? Ich meine das nicht so ernst, wie es die Generation von Bert Brecht meinen musste, denen der Nazi-Staat nach dem Leben trachtete. Da ging es schlicht um‘s Über-Leben. Da waren die US of A die Rettung. Für Brecht keine angenehme. Ich wollte da heute auch nicht hin.

Ich meine Migration im kulturellen Sinne. Wenn ich mir eine neue, eine zweite Heimat suchen müsste, welches Land würde ich wählen? Sicher nicht die nordamerikanischen Kolonien mit jenem Präsidenten, der verspricht vom ersten Tag an ein Diktator zu sein. Übrigens Sohn eines zugewanderten Zuhälters aus der Pfalz. Nein, ich habe keine kalifornischen Träume. It never rains in southern california, man, it pours.

Wäre ich Hölderlin, wäre es Griechenland. Wäre ich Hemingway, wäre es Venedig. Wäre ich schwul, Kerpen. Nein, im Ernst, ich glaube, ich wüsste nicht, wo all mein Sehnen und Verlangen Erfüllung fände. Jedenfalls nicht im Leben des Karl Roßmann, der die Freiheitsstatue erblickt, da er wegen Schwängerns eines Dienstmädchens in die Neue Welt musste, wovon Kafka uns berichtet. Ich habe keinen amerikanischen Traum. Immer weniger.

Paris vielleicht, könnte ich besser französisch. Oder Apulien, hätte ich nur einen Vetter in der Familie. Oder London Bloomsbury, als Antiquar für Seltene Bücher mit einer kleinen Fälscherwerkstatt im Hinterhaus und Lunches im Diogenes Club; das könnte es sein. Und einem gut gefüllten Konto bei der BCCI, der Bank of Crooks & Criminals.

Wenn man nicht nur ein neues Land wählen könnte, sondern auch eine frühere Zeit, so würde ich mich anmelden als Robinson Cruseo. Aber bitte ohne Freitag.

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EIN ZEICHEN SETZEN.

Ein Freund berichtet mir von einem Film, den ich nicht verpassen dürfe, den er im Kino gesehen habe. Mit der Ortsangabe ist klar, welcher Generation er angehört (sprich: meiner). Es ginge um den Führer und seinen Verführer. Rückblickend halten wir in meiner Generation ja den Sportpalast und den Reichstagsbrand für Fanale.

Opa erzählt vom Krieg? Dabei sind wir ja Zeitzeugen des Setzens großer Zeichen. Man darf sich zu deren Würdigung argumentativ nicht in eine Sackgasse locken lassen. Für die historische Kraft des Zeichens ist es nicht entscheidend, ob es gesetzt wurde und wie und von wem. Entscheidend ist, dass eine Episode zum Zeichen erhoben wird und dann die urwüchsige Kraft des Symbols zu wirken beginnt. Man nehme nur die Wunder und Zeichen des Jesus aus Nazareth. Aus den einschlägigen Episoden lernten die Jünger, dass ihr Meister der Messias war.

Das Zeichen machte aus dem Balg von Maria und Josef immerhin Gottes Sohn, eine ziemliche Beförderung. Endorsement. Man unterschätze daher nicht die Kraft des Symbolischen; sie versetzt Berge. Dabei löscht sie banale Umstände ihres Entstehens aus, sollte es sie gegeben haben: Wer als Heilsbringer so gewaltige Bedeutung hat, erübrigt die Frage nach den Geburtsumständen. Wer noch kleinmütig zweifelt, wenn Titanen wirken, der ist ein Wurm, ein Hund.

Wenn das Zeichen gesetzt ist, greift es nach der Macht. IN HOC SIGNO… Unter diesem Zeichen wirst Du siegen. Seien wir genau: Mit diesem Zeichen greift jemand nach der Macht; so ist es wohl. Ich bin immer wieder überrascht, zu welcher Kraft Propaganda in der Lage ist, wenn sie gut gemacht ist. Wir sind Zeitzeugen der archetypischen Aktualisierung des Messianischen, jedenfalls für die Jünger, deren Zahl dadurch wächst.

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DIE PETA-PETRA.

Neuerdings darf jeder Peter eine Petra sein, auch ein Petrum; ein wirkliches Verdienst der letzten Regierung. Ich habe natürlich nichts dagegen. Es wird einfach Karneval auf Dauer gestellt. Kappenzwang als Mindestgebot.

Ich sitze an der Liste guter Vorsätze für das neue Jahr. Die Reue über Vergehen der letzten zwölf Monate ist zwar eher prinzipieller Natur als akzidentieller (es war eigentlich nichts los, wo mir wirklich leid täte), aber man ist als Christenmensch ja gehalten, Demut zu zeigen. Als Autor eines Meinungsblogs wäre zudem zu Rücksicht auf den Zeitgeist zu raten; bei einem Fabeldichter ja wohl das Mindeste.

Ich habe was. Ich werde mich gegen TIERDISKRIMINIERUNG wenden. Es ist doch von tiefem Unrecht geprägt, dass ein vandalierender Aasfresser als schlau gilt (nur weil er einen buschigen Schwanz hat), dagegen aber meine Milch- und Filetlieferantin als dumm gilt. Die Paarhuferin soll adipös sein, der im tiefen Wald freilaufende Köter sei böse und der Bruder des Maultieres störrisch. Alles Attribuierungen durch den Menschen, der hier Rassismus fördert. Wieso soll der Adler eine Majestät sein und nicht der Storch, der doch die Bäbies bringt?

Dem Stier die Hoden genommen, schafft ein Sinnbild der Treue, was dem Reptil nie als Charakter gewährt würde. Der Rehabilitierungsbedarf der Ratten ist riesig. Man sieht es doch an Hund und Katze: Wer hätte je von einer Katze als des Menschen bester Freund gehört und von einem Hund als falschem Wesen? Tiefe Ungerechtigkeiten, wohin man schaut. Wir werden die Tiere 2025 fragen, welche Pronomen sie wünschen. So fängt es mal an.