Logbuch
GHOSTWRITER.
Mein Berufsleben lang habe ich Reden geschrieben, meist für andere, gelegentlich für mich, aber so oft, dass ich mir ein Urteil erlauben kann.
Es gibt Stücke, die man unter Verwurstung etlicher Versatzstücke mühsam runterdiktiert und dem Redner mit aufgesetzter Geste unterschiebt, durch die er sich dann zur Ermüdung des Publikums mit Ach und Krach hangelt. Und es gibt sie, die feine Rede, leicht in der Form, aber von erheblichem Gewicht.
Was sie da Seiner Majestät König Charles dem Dritten aufgeschrieben haben für den US-Besuch, das war schon meisterlich.
Und es wurde ordentlich und mit einem Hauch Ironie vorgetragen. Auch nicht unwichtig. Ein gelungenes Konzert von Redenschreibern und Redner; sehr selten so was. Das wird in die Geschichte der Rhetorik eingehen.
Logbuch
TESLA AUCH SCHON DA.
Gestern Sportverletzung mit Diagnose Mittelfußknochenbruch im Limburger MRT, eine perfekte radiologische Einrichtung in einem Einkaufszentrum; seltsamer Ort, aber monströse Technik. Hervorragende medizinische Versorgung. Auf der mächtigen Maschine steht zu meiner Überraschung nicht SIEMENS oder PHILIPS, sondern TESLA. Kann das sein? Elon jetzt auch hier?
Man wünscht sich, dass der gebrochene Knochen wieder heilen würde, so wie man einen gebrochenen Stab zusammenleimen kann. Ich zweifle, dass Elon, der Gott unserer Zeit, auch das noch kann. Noch ein Wunderheiler, wie der Nazarener? Eigentlich gilt bei Bruch des Gebeins als Heilungszauber der Zweite Merseburger Zauberspruch. Da nicht jeder im Althochdeutschen zuhause, zitieren wir ihn hier in einer neuhochdeutschen Übertragung. Es geht um einen Jagdunfall und das Besprechen als Wunder der Heilung.
„Phol und Wotan ritten in das Gehölz.
Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester von Sunna, da besprach ihn Frija, die Schwester von Folla, da besprach ihn Wotan, der es wohl verstand:
Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!“
Man lasse sich da nicht von Orthopäden reinquatschen. Die Episode vom Jagdunfall der göttlichen Phol und Wotan hat Wirkkraft. Man spreche mir nach:
„sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.“
Geht doch! Stammt aus dem 9. Jahrhundert. Da war in Merseburg noch keine Raffinerie und Amerika nicht entdeckt. Und Donald Trump konnte nach einer fabelhaften Rede des britischen Königs nicht in seinem Tagebuch notieren: „Two Kings“. So sollen sie geleimt sein. Sose gelimida sin.
Logbuch
FREUNDSCHAFTSDIENSTE.
Beruflich beschäftige ich mich in Berlin mit der E-Mobilität, der Kostendämpfung im Gesundheitswesen und der Plattformstrategie im Internet. Auf dem Land sind es andere Dinge, die mir zu denken geben. Zeitsprung.
Was wenn plötzlich Bedarf nach ärztlichem Rat? Es geht um eine Sportverletzung. Ich schicke dem Doc eine Mail, er ruft mich auf dem Handy an, man kann die Patientin noch vor Beginn der Sprechstunde dazwischen fummeln. Danke Doc. So geht auf dem Land Hausarzt. Ich bringe ihm heute eine Pulle Wein vorbei.
Was wenn plötzlich Bedarf nach einem Ersatzteil für den Selbstzünder? Es geht um einen durchstochenen Reifen. Ich rufe den Meister in der Niederlassung an; er schaut mal im Internet, ob er noch einen einzelnen dieses Fabrikats kriegt. Rückruf. Er hat einen. Morgen mittags können sie mir den mal eben zwischendurch aufziehen. Gern geschehen.
Was wenn überraschend Schreibblockade? Der tägliche Dienst setzt aus. Ein ehemaliger Chefredakteur, jetzt geneigter Leser, sieht das sofort und schickt einen Hinweis auf eine interessante TV-Doku, zu deren Thema mir bestimmt was einfiele, meint er. Der Mann ist ein Held jener Regionalpresse, die mal die gedruckte Demokratie ausgemacht hat. Selten geworden.
Übrigens gehört die Werkstatt des urdeutschen Fabrikats neuerdings dem holländischen Importeur, der schon ewig dabei ist. Er hat in Gründerzeiten aus dem historischen Käfer den Transporter entwickelt; ich habe dessen Skizze mal im VW-Archiv in Händen gehalten. Lange her, den Transporter fahre ich heute noch, als T6 in sechster Generation. Der Selbstzünder, eine Reiselimousine, wird der letzte sein; er wird künftig nicht mehr gebaut. Verlorene Zeiten.
Mir fällt auf, dass viele Dinge, die mir im Alltag so Freude bereiten, aus einer anderen Zeit sind. Ich buche zur Not meine Arzttermine über den Internetdienst Doctolib. Aber ein leibhaftiger Hausarzt ist etwas anderes. Ich ersteigere mir zur Not einen Slot bei MacPit, aber eine Vertragswerkstatt des Vertrauens, das ist etwas anderes.
Und ich ertrage Twitter, weil ich dort klassischen Journalismus schreiben und verbreiten kann. Ich bin ein Mann von Gestern. Ich liebe Freundschaftsdienste und gewähre sie, hoffe ich.
Logbuch
DIE PETA-PETRA.
Neuerdings darf jeder Peter eine Petra sein, auch ein Petrum; ein wirkliches Verdienst der letzten Regierung. Ich habe natürlich nichts dagegen. Es wird einfach Karneval auf Dauer gestellt. Kappenzwang als Mindestgebot.
Ich sitze an der Liste guter Vorsätze für das neue Jahr. Die Reue über Vergehen der letzten zwölf Monate ist zwar eher prinzipieller Natur als akzidentieller (es war eigentlich nichts los, wo mir wirklich leid täte), aber man ist als Christenmensch ja gehalten, Demut zu zeigen. Als Autor eines Meinungsblogs wäre zudem zu Rücksicht auf den Zeitgeist zu raten; bei einem Fabeldichter ja wohl das Mindeste.
Ich habe was. Ich werde mich gegen TIERDISKRIMINIERUNG wenden. Es ist doch von tiefem Unrecht geprägt, dass ein vandalierender Aasfresser als schlau gilt (nur weil er einen buschigen Schwanz hat), dagegen aber meine Milch- und Filetlieferantin als dumm gilt. Die Paarhuferin soll adipös sein, der im tiefen Wald freilaufende Köter sei böse und der Bruder des Maultieres störrisch. Alles Attribuierungen durch den Menschen, der hier Rassismus fördert. Wieso soll der Adler eine Majestät sein und nicht der Storch, der doch die Bäbies bringt?
Dem Stier die Hoden genommen, schafft ein Sinnbild der Treue, was dem Reptil nie als Charakter gewährt würde. Der Rehabilitierungsbedarf der Ratten ist riesig. Man sieht es doch an Hund und Katze: Wer hätte je von einer Katze als des Menschen bester Freund gehört und von einem Hund als falschem Wesen? Tiefe Ungerechtigkeiten, wohin man schaut. Wir werden die Tiere 2025 fragen, welche Pronomen sie wünschen. So fängt es mal an.