Logbuch
PROPAGANDA.
Verführung ist ein feines Spiel. Man hüllt einen seidenen Schleier um etwas, um es zu verbergen und zugleich zu offenbaren. Der HOLZHAMMER gehört nicht zu den angezeigten Werkzeugen.
Der Propagandist gibt sich als solcher nur seinen Anhängern zu erkennen; da lüftet er den Schleier. Seinen Gegnern gönnt er nur die Unschuldsmine; da verhüllt er. Er ist raffiniert im Feindesland und plump vertraut vor seinen Confidenten. Er hat einen Januskopf. Mit der Zeit wird er schizophren.
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KRAWATTE.
Früher trug der Herr Krawatte, einen bunten Binder, kurz Schlips genannt. Heute hat er den obersten Knopf am weißen Hemd offen, das Ziertuch fehlt. Man ist „business smart.“ Und dünn wie eine Bohnenstange.
Die Zeiten von Schlips und Kragen sind vorbei. Man trägt keine Dreiteiler mehr, Anzüge mit Weste, sondern „slim“: das Sakko lässt sich so grade schließen, der Knopf droht abzureißen, während er die Jacke wie einen Schmetterling zusammenzieht. Das gilt als sportlich. Es herrscht ein GEBOT DER INFORMALITÄT. Es gehen ansonsten erwachsene Männer in Klamotten zur Arbeit, die ich nicht mal auf dem Weg in die Sauna tragen würde. Ich sehe Greise in Kapuzenpullovern, grässlich. Und in Turnschuhen, „sneaker“ (engl.) genannt.
Dass Frauen Hosenanzüge auch dann tragen, wenn sie die leicht disproportionierte Figur offenbaren, daran haben wir uns gewöhnt. Jederfraus gutes Recht. Dass Männer sich des Rocks bemächtigen, das ist noch den Schotten vorbehalten. Übrigens, ja, es stimmt: der Schotte trägt nichts drunter. Aber warum fragen Sie? Wir müssten dann darüber reden, was Schotte wie Bayer vor der Hose tragen. Und warum. Charivari, oder? Kipling hat sich dazu nicht geäußert, aber ich bin sicher, dass dies eine andere Geschichte ist. Hier kein Thema.
Der neue „dress code“ signalisiert VITALISMUS und einen Duktus des Legeren (frz.), eine Kleiderordnung der besonders Erfolgreichen, die keinen Bierbauch entwickeln, weil sie durch die Nase konsumieren. Ich erinnere noch gut, wie vor zwanzig Jahren der Supermanager, aus USA, Kalifornien kommend, seinem Jet entstieg und am GAT des Flughafens sich seine dort wartenden Vorstandskollegen die Binder vom Hals rissen, weil die Beobachtung die Runde machte: „Sans cravate!“(frz.) Der Boss kam ohne Krawatte, also stopften erwachsene Männer das eilends heruntergerissene Tüchlein verlegen in die Hosentasche. Man öffnete den obersten Kragenknopf.
Die KLEIDERORDNUNG des Lockeren hat nichts lockeres. Was uns da aus Silicon Valley als HABIT beschert wurde, das ist eine Uniform. Ich habe nicht den Eindruck, dass der gerade verstorbene Prinz Philip davon beeindruckt war; ich bin es auch nicht. Und selbstverständlich gehört ans Revers eine Blume.
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PUBLISH OR PERISH.
Wer nicht mehr publiziert, der geht unter. Erzähl was, oder Du bist tot. Dieses erbarmungslose Gesetz galt schon immer für Wissenschaftler. Deren Geltung wird daran gemessen, wieviel und wie oft sie veröffentlichen. Es gilt heute für jedermann und -frau. Man sieht die im Lichte, aber die im Dunklen, die sieht man nicht.
Die Sozialen Medien sind ein Dschungelkrieg um Aufmerksamkeit. Wer da eine Woche still bleibt, riskiert als verstorben zu gelten. Bevor wir gleich zu den Sagen und Märchen des Orients kommen, ein Wort zum Publikationszwang in der Wissenschaft. Das führt zu sogenannten SELBSTPLAGIATEN. Weil man nicht jedes Quartal die Welt neu erfinden kann, schreibt man bei sich selbst ab. Es entsteht ein akademisches Schwätzertum. Man kopiert sich selbst bis an den Rand der Vergeblichkeit. Die Dreisten schreiben bei anderen ab, Plagiate sind aber kein Kavaliersdelikt, jedenfalls in Doktorarbeiten.
Man spürt viel von der Not der Doofen, schlau sein zu müssen in den Sozialen Medien. Oder der Drögen, lustig sein zu wollen. Und der Bösen, nicht verbergen zu können, dass ihre Herzen bitter sind. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Jetzt aber zu TAUSEND UND EINE NACHT. So zauberhaft die Situation zu sein scheint, sie ist eigentlich böse. Die Märchenerzählerin stirbt dort nämlich solange nicht, wie sie neue Geschichten aufzutischen weiß. Solange sie Mythen spinnt, muss der Henker warten. Eine Weisheit aus dem Orient, behauptet Goethe, auch für den Okzident. Eigentlich die bittere Wahrheit über all jene, die Twitter, Instagram und LinkedIn bevölkern. Publish or perish. Ein endloser Kampf gegen das Vergessen. Denn hier werden keine Denkmäler errichtet, die die Jahrhunderte überdauern: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, so erzähle, Du habest uns hier liegen gesehen, wie das Vaterland es befahl.“ Ein Tweet, das ist eine Seifenblase. Im Idealfall eine Seifenblase, auf die weitere folgen; aber immer nur das Glück des Augenblicks.
Oder die Peinlichkeit des Tages. Man sollte nicht verschweigen, dass es auch größere Unglücke des kollektiven Zorns gibt, wenn sich eine Stimmung aufbaut. Aber das ist, wie Kipling, der den Dschungel kennt, sagt, eine andere Geschichte.
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DIE TESLATEN.
Die INTERNATIONALE der NEUEN RECHTEN ist gegen Zuwanderung und Klimapolitik, für Aufrüstung und Elektroautos; wenn ich das richtig subsumiere. Ein Sammelsurium an Vorstellungen aus politischer Nostalgie und einem islamfeindlichen Impuls (den gleichzeitig auch angelegten antisemitischen unterdrückt man aus taktischen Erwägungen). Etwas in mir weigert sich das Braune blau zu nennen. Also: die neuen Braunen? Nicht überzeugend.
In Berlin finde ich nun mitten im bürgerlichen Dahlem einen Tesla, auf dessen weißes Blech jemand mit fetten Edding ein Hakenkreuz geschmiert hat. Unangemessen, aber es hadert offensichtlich ein bestimmtes Milieu mit dem Eigner der Marke. Gleichzeitig lese ich in der Financial Times, dass die NEUE RECHTE in England inzwischen mehr Mitglieder habe als die Konservativen Tories. Der Chef der REFORM UK (ein Imperativ!) Nigel Farage gibt zu, am Familiensitz von Donald Trump mit dem Tesla-Eigner über Geld gesprochen zu haben. Es ist von einer Zuwendung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar die Rede. Wahlkampf exterritorial, sprich im Ausland, ordnungspolitisch ist das nicht ohne.
Wohlgemerkt, der Besitzer des amerikanischen Autoherstellers Tesla, ein eingebürgerter Südafrikaner angeblich englischer Abstammung, fördert als maßgeblicher Förderer der NEW RIGHT in den USA nun eine rechtsaußen anzusiedelnde Partei in Great Britain, die wesentlich den Brexit betrieben hat. Der AfD in Deutschland hat er auch schon ein gutes Wort geliehen, eine Wahlempfehlung mit dem nicht kleinen Impetus, dass nur die NEUE RECHTE Deutschland retten könne. Ist es wieder soweit?
Ich habe die Befürchtung, dass das grüne Milieu, zur Zeit in Buhlschaft mit dem schwarzen, diese Spreizung ins braune nicht aushalten wird. Was also wird aus dem mobilen Ikon namens Tesla? Wenn es eigentlich doch nur um die Idealisierung der Batterie ging, steht BYD als Sehnsuchtsmarke bereit. Ein boomender Laden! Dass nun eine Schüssel aus Rotchina bekömmlicher ist als das kalifornische Vehikel wird noch Überzeugungsarbeit brauchen, aber warum sollte es nicht gelingen? Ich bin eh raus und bleibe beim Selbstzünder.
Was begrifflich aussteht, ist die kategoriale Bestimmung der NEUEN RECHTEN. Da ist es mit der Denunziation als Nazis nicht getan. Wir alle wissen, dass das polemisch möglich ist, aber nicht wirklich erfasst, was hier international passiert. Auch das Wort des RECHTSPOPULISMUS greift zu kurz, da volkstümlich zu sein nun wahrlich kein Verbrechen ist. Mir fällt das Urteil „reaktionär“ ein, aber es fehlt der historische Block dazu. Frage an die Wolke: Wer nennt das Kind beim Namen? Mein Vorschlag wäre (follow the money): die Teslaten.