Logbuch

STOLZ.

Der Mensch ist vielleicht kein Herdentier, aber ein Gruppenwesen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ebenbürtigkeit. Im Englischen spricht man deshalb von peer groups.

Worauf Menschen stolz sind. Zum Beispiel ihren Beruf. Ich wurde vor vierzig Jahren in einem Bewerbungsgespräch ernsthaft vom einem Vorstand des einstellenden Unternehmens gefragt, auf welchem Pütt mein Großvater war. „Neue Hoffnung!“ „Ah“, sagte er, „GHH!“ und ich war drin. GHH stand für Gute Hoffnungs Hütte in Sterkrade. Guter Laden, fand er.

Es soll sowas bei Landsmannschaften geben, bei Religionszugehörigkeit, bei Parteibuch oder studentischer Verbindung. Erstaunlich wie vordergründig. Ich war frisch promoviert; er hätte mich nach meiner Dissertation fragen können. War ihm egal. Der Pütt (von engl. pit; Bergwerk) musste stimmen. Gemeinsamer Stallgeruch verbindet. Aus dem gleichen Stall, das riecht man also.

Heute versucht Personalpolitik solche Milieus durch den Vorsatz der DIVERSITÄT zu verhindern. Solche Vielfalt kann man nur vorsätzlich, sprich durch gezielte Auswahl erreichen. Überlässt man das dem naturwüchsigen Prozess greift die Selbsterhaltung des alten Systems. Bei Luhmann: Autopoesis. In den Bergbau zogen niemals Frauen ein, jedenfalls nicht untertage. „Frauen im Pütt bringen Unglück!“ Das war strikte Regel. Ausnahmen nur in der Kohlewäsche, aber dann auch nur eher ungern.

Die vorsätzlich erzwungene Vielfalt mischt die Stallgerüche nicht, es erzeugt einen neuen, zwar synthetischen, aber eben im Sinne der DIVERSITÄT. Da dann alle Milieus präsent sein sollen, also jede Diskriminierung erkennbar vermieden, entsteht eine neue Kultur nach einem symbolischen INKLUSIONS-GEBOT. Und der STOLZ müsste sich dann an etwas anderem entwickeln als der alten Gleichförmigkeit.

Mir fällt auf, dass in diesen neuen diversen Gruppen alle die gleichen weißen Turnschuhe (sagt man das noch zu sneakers?) anhaben, alle genau die gleichen. Darauf ist man wohl stolz.

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WORK FROM HOME.

An den Arbeitsplätzen der HEIMARBEIT entsteht ein neues Proletariat, dessen sich weder Betriebsräte noch Gewerkschaften annehmen. So sieht heute AUSBEUTUNG aus.

Wenn die Sklaven ihre Ketten lieben. Die Popularität der sogenannten HOME OFFICES liegt in der Befreiung von der Pflicht, sich morgens aufzumachen und ins Büro zu müssen. Dieser bequemen Chance zu gammeln steht beim WORKING FROM HOME eine klare Arbeitsverdichtung entgegen. Das ist das vornehmere Wort für Ausbeutung. Es entfällt nicht nur der arbeitnehmerfreundliche behördenübliche Schlendrian in den Ritualen von Kaffeepause, Kantinengang, Kollegenschwätzchen, Kaffeepause zwei, Sitzungstourismus. Es entfallen für den Arbeitgeber vor allem die Kosten für den Arbeitsplatz. Und Büros in besten Lagen, die waren schon immer sehr teuer.

Die Firma gratis als Untermieter zuhause. Zur Arbeitsverdichtung an (vornehmlich) Frauen in Heimarbeit gehört, dass das bisschen Haushalt und das bisschen Kinderbetreuung noch auf das bisschen Teams-Konferenzen oben drauf kommen kann. Und der Hund findet sich in die Garage gesperrt, damit er nicht in der Video-Konferenz rumbellt. Die elektronische Überwachung registriert zudem, wer seine PC-Maus schon 4 Minuten nicht mehr bewegt hat und zeigt ein rotes Licht… BIG BROTHER im Wohnzimmer.

Dieser neue Manchester-Kapitalismus wird von keinem Betriebsrat gestört. Er gilt als agil. Und agil ist gut. Sagt auch die Gewerkschaft: agiles NEW WORK. Aber all das ist nur, sage ich, der ich immer eher auf der bösen Seite der Macht (Arbeitgeber) geschafft habe, das ist nur der Beginn. Aus London höre ich gerade, dass eine große Anwaltskanzlei (LAW FIRM) ihren Mitarbeiterinnen anbietet, dass sie in das HOME OFFICE (heißt in korrekten Englisch WFH, work from home) dürfen, wenn das Gehalt dazu um 20% gesenkt wird.

Lohndumping und Entlassung in die Heimarbeit? Ist es das? Und Euch agilen Digitalen erscheint das als die neue große Freiheit? Sklaveninnen, die ihre Ketten lieben.

PS: Ganz andere Geschichte. Gestern feierte die Schauspielerin Margarita Broich (ex Wuttke) ihren 62. Geburtstag bei einem Franzosen in Köln; habe Gelegenheit genommen, ihr zu ihrer künstlerischen Leistung zu gratulieren. Es freute sie besonders, dass ich sie als Ophelia in Hamlet lobte (und nicht als Tatort-Kommissarin). Eh klar.

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POSTMODERNE.

Die Post-Moderne hat nichts mit DHL zu tun oder dem freundlichen jungen Mann in den albernen Elektrokarren aus Aachen, der die Briefe brachte, als diese noch nicht MAIL hießen. Postmodern ist der Frust, wenn man merkt, dass die Moderne nicht kommt.

Einst waren die Städte, haben wir gelernt, unwirtlich (Frau Mitscherlich sei Dank für das Wort). Das hat sich mancherorts gründlich geändert. Vielleicht nicht in Gelsenkirchen, aber in Düsseldorf. Jetzt sind sie, die großen Städte, wahrlich wirtlicher. Aber der Wirt wartet möglicherweise auf Gäste, die es nicht mehr gibt.

Pressetermin im Düsseldorfer Industrieclub, ein Haus mit Vorkriegs-Tradition (Kipling würde sagen, eine andere Geschichte), aber auch mit Nachkriegs- und Wiederaufbau-Geschichte. Geradezu historisch die Erfahrung, dass der mit dem Auto anreisende Zeitgenosse hier keinen Parkplatz kriegen wird, außer er klemmt sich in die Enge der Betonetagen der verdreckten Kaufhausparkhäuser; oft elend lange Suche. Vergangene Zeiten.

Direkt aus dem Innenstadttunnel in ein sehr komfortables Parkhaus neuester Generation. Großzügig geplant, übersichtlich gestaltet, blitzsauber. Mit dem Aufzug von "minus 2" hoch und man steht am High End der legendären Kö, der Mutter aller Prachtstraßen. Ich staune. Die 6, 50 € nach knapp zwei Stunden zahlt gern, wer so vornehm beherbergt wurde. Seine Stahlschüssel hat beherbergen lassen.

Auf der Kö Filmaufnahmen mit jungen Mode-Models, die vor einer Kamera auf und ab schlendern. Das ist das Herz des eitlen Düsseldorf, der Stadt der Mode-Messen, dass man sich wie in Paris oder New York fühlen darf. Köln ist im Vergleich dazu ein eher proletarisches Wesen; der Rheinländer auf Niveau, der haust hier. Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist eines der Attribute und die Sanierung der Rheinpromenade ein historisches Verdienst. Mode und Kunst und eine stark abgerockte Kneipenlandschaft in der Altstadt. Sehnsuchtsort meiner Freitagabende in früher Jugend.

Ich habe das palasthafte Parkhaus schon verlassen, als mir auffällt, dass die Stadt sehr ruhig ist. Sie wirkt leer. Es ist Mittag; vielleicht ist 12 Uhr zu früh für den Düsseldorfer. Ich fahre raus zum Flughafen und finde in der hochmodernen Bürostadt, die man auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne (der Engländer, die hier als Hoheitsmacht lagen) eine Parkplatz. Spontan. An vielen Büroetagen hängen Hinweisschilder, dass hier Büros jeder Art zu mieten seien. Makler scheinen in Sorge um künftige Kundschaft.

Angesichts der beachtlichen Modernisierungen kommt mir ein eher befremdlicher Gedanke: Sind diese Städte für eine Zeit gebaut, die gar nicht kommen wird? Stehen auf der Kö Boutiquen leer, in denen Blüschen hängen, die längst ein Heer von Paketboten in die Vorstädte schafft? Hat der Airport Büroetagen für Flugreisende, die gar nicht den Fliegern entströmen, weil sie in der Provinz in einem Home Office kauern und ihre Kollegen über "teams" kontaktieren? Fallen wir mit dieser Moderne aus der Zeit?

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SANFTMUT.

Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es in der POLITIK Zeiten gegeben hat, in denen sich Herrscher das Attribut des Sanftmütigen verliehen haben. Ist aber so. Wir müssen ausholen.

Der deutsche Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing hat sich im 18. Jahrhundert der brisanten Frage verschrieben, was die Christen von Juden unterscheide und diese von den Moslems. Aktueller geht es nicht. Es lag ihm an der Gleichwertigkeit der drei Weltreligionen, eine humanistische Geste; ob man vernünftigerweise annehmen darf, dass alle drei ein und denselben Gott verehren, ist eine Frage, die ich mir nicht stellen will. Interessant ist, dass Lessing in diesem Zusammenhang den drei Religionen ATTRIBUTE zuschreibt.

Der Kern des Islam, meint Lessing, sei Gottesfurcht. Dem Judentum ordnet er Wohltätigkeit zu. Zentraler Wert des Christentums sei die Sanftmut. Für alle drei Zuschreibungen gibt es endlose Gegenbeispiele. Alle Verdichtungen solchen Ausmaßes sind, selbst wenn plausibel, falsch zugleich. Aber daran will ich gar nicht beckmessern. Bleiben wir bei der christlichen Vorgabe der Sanftmut.

Für einen Satiriker ist das ja ein echtes Problem; er lebt davon, Böses sagen zu wollen. Seine Rechtfertigung liegt darin, dass es Böses über Böse sei, aber das ändert ja nichts daran, dass er einen Handel mit Zorn betreibt. Die Vorgabe, nett zueinander zu sein, ist ein abgeschmacktes Motto einer Illustrierten aus den sechziger Jahren. Nett sind nur die Doofen, lehrt der Alltag.

Wenn ein solcher Wert der Nächstenliebe wie die Sanftheit einen höheren Sinn hat, so doch nur, wo sie nicht leicht fällt. Und wo das Sanfte nicht schlicht die Folge von Schwäche ist. Wenn das Schaf sich sanft zum Wolf verhält, ist ethisch nichts bewiesen. Der umgekehrte Fall interessiert hier. Das ist, wenn Macht sich mit Demut und Güte verbindet.

Ist es ein Zufall, dass das englische Vorbild eines guten Menschen, genau dieses Attribut des „gentle“ (sanft) verwendet? Das Sanfte galt hier als „vornehm“, und das war eher eine soziale Kategorie als ein Verhaltensideal. Egal. „It‘s nice to be smart, but it‘s smarter to be nice.“