Logbuch
HUNGER LOBBY.
Für 12,99 € kann man bei dem Chinesen, in dessen Restaurant ich zufällig geraten bin, so viel essen, wie man möchte. Ein ausladendes Buffet zeigt die ganze Vielfalt der Glutamat-Gourmandise. Essen wie Müllvernichten. Im Fernsehen läuft was mit Trump.
Ich weiß aber: Der Krieg im Nahen Osten wird Hungersnöte um die ganze Welt zur Folge haben; das ist schon jetzt gewiss, selbst wenn er morgen endet. Das hängt an Menge und Preis des Kunstdüngers. Und den explodierten Preisen für Energie. Das sage ich als ehemaliger Direktor der edlen Ruhrgas AG zu Essen.
Der Bundeswirtschaftsministerin wird vorgeworfen, sie habe mal als Gaslobbyistin gearbeitet; was den Lobbyisten der Erneuerbaren Energien als hinreichender Grund ihrer Diskreditierung gilt. Bei diesem Versuch der Ehrabschneidung hilft wenig, dass sie selbst meint, das stimme nicht mal in der Sache. Gaskathy ruft man ihr nach.
Ich habe bei dem Thema ohnehin nichts zu melden. Ich war Lobbyist für deutsche Steinkohle, Strom jedweder Quelle, auch der Kernenergie, Mineralöl, Erdgas, Wind- und Sonnenenergie; wenn ich das richtig sehe, habe ich in meiner Laufbahn, wenn man das so nennen darf, nur Bioenergie ausgelassen, möglicherweise weil es da so unangenehm nach Gülle roch.
Wenn Expertise disqualifiziert, dann wird der Primärenergieträger zum Glaubensgut. Und so ist es ja wohl auch. Es gibt satanische Moleküle. Mit der Dekarbonisierung wird der Teufel ausgetrieben. Weil die Zukunft des Planeten daran hänge. Ich bin vor dieser intellektuellen Engführung nicht nur Konvertit, sondern mehrfach stigmatisiert.
Darf ich mal ausführlicher über Kunstdünger reden? Und dessen Bedeutung für den Hunger der Welt? Unser Tischnachbar muckt auf. Was das denn mit Energie zu tun habe, werde ich im Restaurant von jemanden gefragt, der „all-you-can-eat“ praktiziert. Es gibt Grade der Dummheit, die mich schutzlos zurücklassen.
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DICHTERWORTE.
Ein guter Freund vermeldet, es ginge ihm wie dem alten Fontane: „heiter und stabil“. Ein Dichterwort. Nicht, dass ich viel von Fontane gelesen hätte; er wird in Brandenburch als Nationaldichter gefeiert, weil er dort mal wanderte. Na ja, und wegen der Birnen des Herrn von Ribbeck.
Friedrich der Flötenspieler soll in Brandenburch ein der Knabenliebe gewidmetes Feriendomizil betrieben haben, sah ich gestern im Bildungsfernsehen, daher das Verb des Potsdämischen. Was Heimatkunde so alles an Erkenntnissen bereithält.
Der Engländer hat für solche Sinnhubereien ja seinen Skakespeare, den Grundpfeiler einer Nationalliteratur, die für jede Charakterregung einen Vers bereithält. Bei den Franzosen dürfte das Molière sein, oder? Im Deutschen Goethe & Schiller, die Weimarer Bengel. „Spät kommt Ihr, Graf Isolan, doch Ihr kommt.“ Sehr dürr. Das geht besser.
„Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
Nach kurzer Dauer muss sein Glanz verbleichen,
Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.
Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
Oft ist verdunkelt seine gold'ne Bahn,
Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
Ist wechselndem Geschicke untertan.
Dein ew'ger Sommer doch soll nie verrinnen,
Nie flieh'n die Schönheit, die dir eigen ist,
Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
Solange Menschen atmen, Augen seh'n,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergeh'n!“
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STUDENTEN ULK.
Man wird vielleicht nicht durch Altern schlau, aber im Alter, wenn man regelmäßig liest; Bücher sind gemeint, auch wissenschaftliche Literatur. Man hat, wenn Glück, die Gelegenheit, Dummheit der eigenen Vergangenheit aufzuklären. Jugendsünden.
So geht es mir mit Hanno Kesting, einem meiner Soziologie-Professoren an der berühmten Abteilung VIII der Ruhr Universität Bochum. Von Hanno hieß es, dass er ein Alkoholproblem habe und es durchaus vorkommen könne, dass er mitten in einer Prüfung auf die Luftschlacht um England zu sprechen komme; egal welches Thema mit dem Probanden vorher vereinbart worden sei. The Battle of Britain war historisch der Versuch der Nazis, den Tommy durch Luftüberlegenheit auf die Knie zu zwingen. Blitzkrieg. Klappte nicht.
Heute lese ich nach, dass Hanno ein PoW war (wie mein Onkel Helmut) und seine eigenen Erfahrungen hatte. Vor allem aber verstehe ich heute, was seinen wissenschaftlichen Stallgeruch bei Max Weber, Reinhart Koselleck, Carl Schmitt bestimmte; aber das ist akademischer Kram. Ich erfahre, da wird es schon konkreter, dass der Gründungsvater der modernen Soziologie Norbert Wiener sich im Blitzkrieg auf britischer Seite zu einer patriotischen Forschung gegen die Nazi-Bomber aufgerufen sah. Er legte ein Forschungsprojekt zum Anti-Aircraft-Predictor auf.
Hier entstand das Denkmodell des „feedback“ einer „black box“, die Idee der Rückkopplung und damit eine der Grundfesten der Kybernetik. Deren Bedeutung ist nicht zu überschätzen. Die Kybernetik kam also hier zur Welt. Im Schoß der RAF, sprich Royal Air Force. Mensch, der besoffene Kesting war so blöd nicht. Das war uns damals nicht klar, als wir ihn mit Studentenulk ärgerten und RAF ganz anders übersetzt wurde, weil böser neuer Kontext. Wir waren frech und wohl auch doof, obwohl von unbesiegbarem Selbstbewusstsein. Über Kestings „Weltbürgertum“ habe ich noch in meinem Rigorosum mit dem Bochumer Politologen Bernard Willms gesprochen; vielleicht auch ein Verkannter, jedenfalls hätte er am Aufstieg der AfD viel Spaß gehabt. Er hat mich damals zu Kybernetik und DDR geprüft.
Was mich heutzutage über all das schlaugemacht hat, ist eine junge Wissenschaftlerin namens Anna-Verena Nosthoff, die mit „Kybernetik und Kritik“ bei Suhrkamp ihre schwerfällige Diss veröffentlich hat; tut sich nicht leicht, das Mädchen. Hätte Hanno gesagt. Und der Bernard hätte das komisch gefunden. Rechte Bande, mit vorsätzlich linken Studenten. Opa erzählt vom Krieg.
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BANANENREPUBLIK.
Propaganda ist ein so unschönes Wort. Der Gründungsvater dessen, was man heute PUBLIC RELATIONS oder kurz PR nennt, war Edward Bernays (1891 - 1995), ein in die USA emigrierter Wiener Jude mit verwandtschaftlicher Verbindung zu Sigmund Freud. Man findet seine Monografie zu moderner Propaganda auf dem Buchmarkt (mit einer kleinen Einleitung aus meiner Feder). Der verheerende Joseph Goebbels soll das Buch geschätzt haben (erzählt Bernays); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Berichten möchte ich von einem Kontakt, den Bernays als BERATER der UNITED FRUIT Comp. zum Herausgeber der New York Times, einem Arthur Hays Sulzberger, aufnahm, um Journalisten des Blattes auf Kosten des Bananenimporteurs 1944 nach Guatemala zu schicken, wo eine zwar demokratisch gewählte, aber leider linke Regierung die Vergesellschaftung und Reprivatisierung von Plantagen plante. Die Leser des Blattes konnten sich in der Folge davon überzeugen, dass es sich um kommunistische Umtriebe einer marxistischen Regierung handelte. Die Interessen von UNITED FRUIT waren durch diesen Kleinbauern-Unsinn natürlich nachhaltig berührt.
Ob es zu einer militärischen Intervention gekommen ist oder geheimdienstlich begleiteten Umstürzen in der Bananenrepublik, entzieht sich meiner genaueren Erinnerung. Jedenfalls gab es dort ab 1954 eine Militärdiktatur. Was mich eigentlich interessiert ist, wie haben Bernays und Sulzberger die PR-Nummer damals benannt? Wurde da Klartext geredet? Oder hat Bernays Grüße von seinem Onkel Siggi aus Wien bestellt und auf die Vorteile einer Banane für die Volksgesundheit verwiesen? Wie redet solches PR mit Verlegern?
Er war durchaus erfahren in Fragen der Volksgesundheit; er hatte ja große Verdienste um Fluor im Trinkwasser und bei der Durchsetzung von „bacon & eggs“ als Frühstück sowie der Einführung des weiblichen Zigarettenrauchens. „Thank you for smoking here!“ AMERCAN TOBACCO war sein Kunde. Wenig, von dem was heutzutage auf TELEGRAM oder TikTok passiert, überrascht mich wirklich; sehr wenig.