Logbuch

DAS RECHT DES SCHWÄCHEREN.

Während die Weltpolitik zulangt, spitzen die Kommentatoren den Griffel; das soll so sein. Wer Zeitzeuge, dem obliegt es schon, etwas dazu zu sagen, wie der STÄRKE zu seinem Recht kommt. Dabei hilft zu klaren Urteilen, wenn das Gedächtnis nicht zu kurz. Historia docet.

Die Dänen waren, schon bevor sie Grönland annektierten, lange Kolonialmacht in Skandinavien und wenig beliebt, etwa bei den Schweden, die wir hier wiederum im Dreißigjährigen Krieg als ruppige Rasse erleben durften. Was der Weltweise aus der Neuen Welt uns, den Europäern, gerade erklärt, ist dass die Neuordnung der Hemisphären nicht mehr von Portugiesen, Spaniern, Engländer abhängt. Boston Tea Party. Oder den Deutschen Wesen. Kapiert? Die Großmächte sind Großmächte und benehmen sich auch so. Mehr ist nicht.

Folglich jammern die abgesetzten Lords über die Ambitionen der Overlords und beklagen das RECHT DES STÄRKEREN; wie fadenscheinig. Was zum Teufel macht der Speckdäne in Grönland? Aber dies ist doch ein Anlass darüber nachzudenken, was das Gegenteil vom Recht des Stärkeren ist. Nun, ich entdecke den Kern des christlichen Denkens wieder. Dabei ist nicht vergessen, dass die Portugiesen und Spanier die Augen der damaligen Südamerikaner gegen den Himmel richteten, um ihren Boden plündern zu können; unter kirchlichem Segen.

Lassen Sie uns mal im Moralischen bleiben; gar beim Religiösen. Jesus lehrt das RECHT DES SCHWÄCHEREN. Was man dem Geringsten tue, das tue man ihm. Nennt sich CARITAS. Danach hat der Schwächere ein Recht, nämlich dass ihm gerade durch den Stärkeren sein persönliches Recht widerfahre. Das, sagt der Religionsstifter, sei seine frohe Botschaft, Evangelium. Reden wir also vom Recht des Schwächeren. Denn nur das ist Recht, wenn es als Begriff Sinn machen soll.

Wie weit ist das vom Evangelikalen? Hausaufgabe für Kundige.

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ÜBER FLIEGER.

Man hat mich um einen Aufsatz für ein anstehendes Buch gebeten, eine Ehre, da will man nicht doof oder gestrig erscheinen; also lese ich mich in neuere Publikationen ein. Auch US-Zeugs. Ich bestaune die Karriere, die ein Wort gemacht hat, das von einem eigentlich betulichen Ösi stammt, dem Soziologen Joseph Schumpeter. Das der KREATIVEN ZERSTÖRUNG. Im anbrechenden Zeitalter der „Denkmaschinen“ und der „Künstlerischen Intelligenz“ ist die „Disruption“, die Unterbrechung liebgewonnener Traditionen und deren Zerstörung, eine glückgebende Hochwertvokabel. Es wird mit dem Arsch eingerissen, was die Hände errichtet haben. Und Hurra geschrien.

Wir erleben radikale Umwertungen der Semantik und vorsätzlich revolutionäre Rhetorik. Von Vorherrschaft ist die Rede, neuen Reichen, Giganten und totaler Beherrschung (supremacy, empire, tech giant, total domination). Ein holländischer Kollege, Experte der Netzkultur, schreibt: „Stamokap 2.0“. Die Musterfirma des Taiwanesisch geprägten Ami-Oligarchen Jen-Hsun („Jensen“) Huang heißt Nvidia, kryptisch für das Lateinische „invidia“, sprich Neid. Die Börse schwemmt die Bubble mit Geld, als gäbe es kein Morgen. Alles sensationell neu, und doch schmeckt es wie Hausmannskost, wenn nicht gar wie süßes Gift.

Der liebe Jensen pflegt dabei seine Reputation als „overachieving immigrant“, ein Topos auch bei Elon Musk oder Sergey Brin oder Sundar Pichai oder Satya Nadella. Ich schaue im Wörterbuch nach. Das ist zu Deutsch der „Überflieger“. Die Neuen Zeiten bemühen geschichtsvergessen unter dem wiedererweckten Goebbels-Jargon einen ganz alten amerikanischen Mythos, den des Tellerwäschers, der es zum Millionär bringt, neuerdings einige Potenzen höher. Neu ist, dass der Eroberer zugleich, nein, zuerst und zunächst Vernichter. Ansonsten das Henry-Ford-Paradigma. Überflieger wie Ryan-Air. Wird die Blase halten? Klar, das tut sie ja immer. Seit dem Tulpenfieber von 1637. Stamokap Zwei Punkt Null. Man frage ChatGPT.

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DOING DRUGS.

Erinnern Sie sich an den Begleiter des klugen Sherlock Holmes, der dessen Abenteuer berichtete? Doc Watson, ein pensionierter Militärarzt des britischen Empire. Anglo-Inder. Diese Jungs hatten mehr drauf als Gin&Tonic, lerne ich. Der Reihe nach.

Kürzlich sprachen wir hier etwas zu kryptisch über Dichter, Denker und Drogen. Es ist ja geradezu naheliegend, dass Michel de Montagne aus Bordeaux dem Rotwein zusprach. Wir nannten ihn in der Sprache seiner Jugend, dem Latein, hier korrekt Michael Montanus. Er ließ sich durch Wein beflügeln.

Dann, auch hier, Andeutungen zum Cartesianer, der in der vorgenannten Zunge verlautet hatte: „Cogito ergo sum“ („Ich bin, weil ich denke.“) Wir wussten damit von René Descartes zu berichten, dass er ein Freund von Bubatz & Co. war. Renatus kiffte. Na ja, Holländer eben.

Where is the beef? Nun, ich lese gerade eine wohlunterrichtete biografische Abhandlung eines Leipziger Professors zu Leben und Leid sowie Wirken und Werk des großen Rudyard Kipling, den ich für einen erhabenen Kollegen meinerselbst erachte, eine Edelfeder von großer Könnerschaft. Man weiß, dass er als Anglo-Inder in seiner frühen Periode die große Hitze des Sommers im indischen Lahore durchstanden hat und mit den Gentlemen in Khaki dort am Tropischen litt.

What‘s your poison? Kipling schwörte auf ein Mittel des anglo-indisches Arztes Dr. John Collis Browne, das Chlorodyne hieß und aus in Alkohol gelöstem Opium bestand, dazu eine gute Portion Chloroform und ein Cannabisextrakt des indischen Hanfes (bhang). So die Mischung. Alter Schwede, ein Narkosemittel, Schnaps, strammes H und dann noch Bubatz. Davon beseelt erkundete der junge Kipling das Nachtleben Lahores. Er soll auch Drachen fliegen gelassen haben, wenn Sie bitte ahnen wollen, was das heißt. Ich finde, dafür ist sein Werk noch recht zivilisiert.

Von solchen Nachtseiten des Gemüts wird auch bei dem kühlen Denker Sherlock Holmes berichtet. The dark side of the moon. Die Seelen sind, wo nicht sonnenbeschienen, dunkel und sehr kalt.

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BANANENREPUBLIK.

Propaganda ist ein so unschönes Wort. Der Gründungsvater dessen, was man heute PUBLIC RELATIONS oder kurz PR nennt, war Edward Bernays (1891 - 1995), ein in die USA emigrierter Wiener Jude mit verwandtschaftlicher Verbindung zu Sigmund Freud. Man findet seine Monografie zu moderner Propaganda auf dem Buchmarkt (mit einer kleinen Einleitung aus meiner Feder). Der verheerende Joseph Goebbels soll das Buch geschätzt haben (erzählt Bernays); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Berichten möchte ich von einem Kontakt, den Bernays als BERATER der UNITED FRUIT Comp. zum Herausgeber der New York Times, einem Arthur Hays Sulzberger, aufnahm, um Journalisten des Blattes auf Kosten des Bananenimporteurs 1944 nach Guatemala zu schicken, wo eine zwar demokratisch gewählte, aber leider linke Regierung die Vergesellschaftung und Reprivatisierung von Plantagen plante. Die Leser des Blattes konnten sich in der Folge davon überzeugen, dass es sich um kommunistische Umtriebe einer marxistischen Regierung handelte. Die Interessen von UNITED FRUIT waren durch diesen Kleinbauern-Unsinn natürlich nachhaltig berührt.

Ob es zu einer militärischen Intervention gekommen ist oder geheimdienstlich begleiteten Umstürzen in der Bananenrepublik, entzieht sich meiner genaueren Erinnerung. Jedenfalls gab es dort ab 1954 eine Militärdiktatur. Was mich eigentlich interessiert ist, wie haben Bernays und Sulzberger die PR-Nummer damals benannt? Wurde da Klartext geredet? Oder hat Bernays Grüße von seinem Onkel Siggi aus Wien bestellt und auf die Vorteile einer Banane für die Volksgesundheit verwiesen? Wie redet solches PR mit Verlegern?

Er war durchaus erfahren in Fragen der Volksgesundheit; er hatte ja große Verdienste um Fluor im Trinkwasser und bei der Durchsetzung von „bacon & eggs“ als Frühstück sowie der Einführung des weiblichen Zigarettenrauchens. „Thank you for smoking here!“ AMERCAN TOBACCO war sein Kunde. Wenig, von dem was heutzutage auf TELEGRAM oder TikTok passiert, überrascht mich wirklich; sehr wenig.