Logbuch
DIE ABRISSBIRNE.
Für die Neue Welt empfand die alte lange Verachtung. Das klingt in mir nach, wenn ich in jenen TV-Sender gerate, in dem die Amis zeigen, wie sie Häuser bauen. Hütten. Es handelt sich um zusammen getackerte Sperrholzkisten. Bretterbuden mit Kochinsel. Es gibt Grade der Einfalt, die mich an allem zweifeln lassen. Die waren nicht auf dem Mond, die nicht.
Mir erschien New York immer belanglos. Oft musste ich hier hin, riss meine Termine ab und entfloh. Eigentlich weiß ich also gar nicht, wovon die Wochenzeitschrift THE NEW YORKER seit hundert Jahren schwärmt; aber sie gehört zu den fünf, sechs Blättern, die ich als Pflichtlektüre empfinde. Jetzt entsetzt sich der Aufmacher („The Talk of the Town“) darüber, dass in Washington der Ostflügel des Weißen Hauses einer Abrissbirne zum Opfer fällt, weil sich der amtierende Präsident einen geräumigen Ballsaal bauen will. Miss-Wahlen als Kernkultur. Das liberale Amerika empfindet den Abriss des Ostflügels als Schändung.
Sagt der NEW YORKER: „We are creatures of symbols, and our architecture tells us who we are.“ Wie wahr. Das Weiße Haus war immer zu klein und wohl auch zu piefig für die Weltmacht, der ansonsten keine Großkotzigkeit zu ordinär war. Ich erinnere noch die Ambition von Jackie Kennedy, hier etwas Mondänes einziehen zu lassen; Projekt Camelot. Und immer war klar, dass man hier nur vorübergehend hauste. Das ist der urdemokratische Charme. Gut so.
Wie hat Helmut Kohl, der Barocke, den supersachlichen Kanzlerbungalow in Bonn gehasst. Wie schrecklich hauste seine verlassene Gattin im abgedunkelten Betonklotz in Oggersheim. Ach, und dann der Exzess der Kleinbürgerlichkeit bei Helmut und Loki… Wir haben es in der Moderne verlernt, Paläste zu bauen und Denkmäler zu pflegen. Privat finde ich für mich ohnehin, dass man nicht das Recht zum Abriss hat; man renoviert, mehr nicht. Wir sollten lernen in den Schalen unserer Ahnen zu leben. Jede Scheune hat die Maße einer kleinen Kathedrale.
Aber Humor hat sie, die gelbe Abrissbirne im weißen Ballsaal. Als die Gattin von Amtsvorgänger Bill Clinton sich kritisch zum Abriss äußerte, antwortete er, er werde den neuen Flügel „Monica-Lewinsky-Saal“ nennen. Gegen diesen frechen Witz gewinnt nicht, was mal vornehm tat, aber eben auch nur billig war.
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MEHRZWECKHALLEN.
Wir haben unsere Städte, deren Luft seit dem Mittelalter frei machte, gesäumt durch eine ganze Legion von Industriegeländen aller hässlichster Art, die mit Gewerbepark noch viel zu positiv beschrieben sind, weil alles an ihnen monotoner Wildwuchs und nichts ein Park ist. Ich war gestern in Dieburg bei Darmstadt und werde die Depression darüber, was wir uns da zusammenbauen nicht los. Darmstadt, das war für mich Jugendstil vom Feinsten; die Gewerbestraße in Dieburg ist ein Orkus.
Wie Krebsgeschwüre bilden sich diese Viertel mit Monsterhallen an vorstädtischen Verkehrsadern. Es wird nicht besser dadurch, dass hier auch IKEA und Fressnapf siedeln. Die Architektur wird beherrscht vom Quader; kleine Quader für den Mittelständischen Betrieb, gigantische für Warenlager, in denen selbst ganze Möbelhäuser verschwinden könnten. Ich rätsle, was es kostet, diese Monsterquader zu beheizen; oder sind die nicht mal temperiert, diese Hochlager der Unkultur? Industriearchitektur, das war mal was, als man noch Maschinenhallen wie Kathedralen baute. Die Gründerzeit baute Denkmäler, wo heutzutage die Bielefelder Systemarchitektur der Goldbecks brachialen Stumpfsinn walten lässt.
Fast empfinde ich es als Beleidigung, dass die Straßen hier nach Industriegrößen wie DIESEL benannt sind. Wie sich überhaupt VITRUVIUS im Grabe umdrehen muss. Wer das ist? Nicht verzagen, Cato fragen. Nun, der Römer VITRUV begründete das Bauingenieurwesen als dies noch in seinen glorreichen Anfänger steckte und Baukunst (!) war. Wir nehmen ihn als Urvater der räumlichen Gestaltung und erinnern den „vitruvianischen Menschen“ des Leonardo da Vinci. Das ist der nackte Kerl mit vier Armen und vier Beinen, bei dem der blanke Dödel die Bildmitte bildet. Da Vinci hatte da so seine Vorlieben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nie hätte VITRUV ein Flachdach gebaut, nie. Wie überhaupt der Quader verboten gehört. Eine Kathedrale ist keine Mehrzweckhalle; schon das Wort. Schon das Wort.
Logbuch
KLAPPERSTORCH.
Es meldet sich Matt Lodder mit der berechtigten Kritik am Sachlichen. Ich hatte gestern Ötzi für einen Dreitausender gehalten; er ist aber so um 3250 vor Christi verstorben, somit gute fünftausend Jahre vor unserer Zeit. Damit war er in den kalten Alpen Norditaliens exakt zur gleichen Zeit unterwegs, in denen im heißen Deir el-Bahari nahe Luxor in Ägypten jene Tempelhuren wirkten, deren Bäuche kunstvolle Tattoos zeigten. Auch da könnte ich daneben gelegen haben, da es nämlich nach jüngster Forschung ganz nach religiösen Figuren aussieht, die die Frucht des Leibes schützen sollten. Es waren Göttinnen, wie kann man das verwechseln? Aber global simultan. Es gibt Phänomene der Gleichzeitigkeit, die nachdenklich stimmen.
Nicht erwähnt wurde gestern zudem, dass Tätowierten der Zutritt in den Badehäusern Japans verwehrt ist, weil das Tintenstigma als Ausweis krimineller Banden gilt. Ungeachtet dessen ist der japanische Körperkunst eine lange Tradition des Bilderstechens gewiss. Ich las kürzlich im V&A-Museum, dass 1881 Prinz George, der spätere King George V, sich dort in Japan einen Drachen stechen ließ und der ihn begleitende Albert Victor, der Gatte von Victoria, einen Storch. Einen Klapperstorch, der schon mal die Mama ins Bein beißt? Der aus Coburg stammende Albert galt bei Hofe als herzensgut, aber leider lendenschwach, was die Entscheidung für den Adebar erklärt. Der Storch stand sinnbildlich für stark und steif. Man sprach im Fränkischen gar von des Mannes Storch. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wovon ich nicht abschweifen sollte: Das Logbuch nähert sich summa summarum der zweitausendsten Glosse. Es ist wie beim Frühsport: Nicht jede Übung ist eine Zierde des Turnens, aber der Arsch war stets aus dem Bett. Im hinteren Winkel meines Herzens gefallen mir geneigte Anerkennungsgesten von Lesern besonders, wenn sie von Profis stammen, die mal meine Chefs waren. Ich hatte in drei Blättern Kolumnen. Habe also, wenn vom alten Chef gelobt, meinem Blatt keine Schande gemacht. So ticken Publizisten insgeheim. Sie sagen, dass sie für Leser schreiben, aber eigentlich sind es nur die Kollegen, die sie meinen. Journaille eben.
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BANANENREPUBLIK.
Propaganda ist ein so unschönes Wort. Der Gründungsvater dessen, was man heute PUBLIC RELATIONS oder kurz PR nennt, war Edward Bernays (1891 - 1995), ein in die USA emigrierter Wiener Jude mit verwandtschaftlicher Verbindung zu Sigmund Freud. Man findet seine Monografie zu moderner Propaganda auf dem Buchmarkt (mit einer kleinen Einleitung aus meiner Feder). Der verheerende Joseph Goebbels soll das Buch geschätzt haben (erzählt Bernays); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Berichten möchte ich von einem Kontakt, den Bernays als BERATER der UNITED FRUIT Comp. zum Herausgeber der New York Times, einem Arthur Hays Sulzberger, aufnahm, um Journalisten des Blattes auf Kosten des Bananenimporteurs 1944 nach Guatemala zu schicken, wo eine zwar demokratisch gewählte, aber leider linke Regierung die Vergesellschaftung und Reprivatisierung von Plantagen plante. Die Leser des Blattes konnten sich in der Folge davon überzeugen, dass es sich um kommunistische Umtriebe einer marxistischen Regierung handelte. Die Interessen von UNITED FRUIT waren durch diesen Kleinbauern-Unsinn natürlich nachhaltig berührt.
Ob es zu einer militärischen Intervention gekommen ist oder geheimdienstlich begleiteten Umstürzen in der Bananenrepublik, entzieht sich meiner genaueren Erinnerung. Jedenfalls gab es dort ab 1954 eine Militärdiktatur. Was mich eigentlich interessiert ist, wie haben Bernays und Sulzberger die PR-Nummer damals benannt? Wurde da Klartext geredet? Oder hat Bernays Grüße von seinem Onkel Siggi aus Wien bestellt und auf die Vorteile einer Banane für die Volksgesundheit verwiesen? Wie redet solches PR mit Verlegern?
Er war durchaus erfahren in Fragen der Volksgesundheit; er hatte ja große Verdienste um Fluor im Trinkwasser und bei der Durchsetzung von „bacon & eggs“ als Frühstück sowie der Einführung des weiblichen Zigarettenrauchens. „Thank you for smoking here!“ AMERCAN TOBACCO war sein Kunde. Wenig, von dem was heutzutage auf TELEGRAM oder TikTok passiert, überrascht mich wirklich; sehr wenig.