Logbuch
VORBILD.
Die ganz Klugen machen die ganz einfachen Dinge richtig. Nicht nur die Komplizierten. Zum Beispiel tragen sie, wenn unter Menschen, eine Maske.
Wie stellt man sich eine Forscherin vor, die dreißig, vierzig Preise und acht oder zehn Ehrenpromotionen auf dem Buckel hat; einen Nobelpreis für Chemie noch oben drauf? Jedenfalls ohne Buckel. Neben mir steht die Erfinderin der Genschere.
Eine fröhliche junge Frau, fast ein wenig flapsig. Mit der schlechten Lautung des Englischen, die alle Franzosen haben. Franzosen kriegen kein ordentliches Englisch hin; schlimmer nur noch Spanier. Eine zierliche Erscheinung mit geradezu mädchenhaften Zügen. Was habe ich erwartet? Eine Riesin? Eine Greisin? Marie Curie?
Sie hat die Welt der Krankheitserreger epochal erhellt und ist Viren auf die Schliche gekommen. Oder Bakterien. Keine Ahnung. Und wohl deren DNA. Die kann sie modellieren. Stichwort Genschere. Ich weiß wahrlich nicht, wovon sie redet. Und immer wieder taucht ein Gedanke auf, den ich zu verstehen glaube: „Viren verändern sich, um zu leben; sie leben, um sich zu verändern.“ Schweinepriester.
Sie trägt beim Sektempfang übrigens als einzige Person unter den 2Gs eine MASKE, die sie erst später, beim Essen, ablegt. Wenn die das macht, sollte mir das ein Vorbild sein. Schließlich ist sie die Marie Curie unserer Tage. Möge sie gesünder bleiben, als es jener vergönnt war.
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FRÜH GEFÖRDERT.
Schon als STUDENTEN hatten wir eine große Klappe. Unsere ALMA MATER, die neue Uni in Bochum, hat das gefördert. Sie sei gelobt.
Mein erster wissenschaftlicher Aufsatz erschien 1979. Geschrieben habe ich das Ding 1976, also vor fünfundvierzig Jahren, zusammen mit einem sehr fleißigen KOMMILITONEN, der sich jetzt noch an alle Details erinnert. Beziehungsweise eine aufgeräumte Bibliothek hat, nicht so ein Chaos wie bei mir. Wir waren Studenten damals. Vorlaute Studenten.
So ging eine tolle Uni! Wir waren in einer eher banalen Frage anderer Meinung als der Assi an dem einen Lehrstuhl und kriegten einen Publikationsort bei dem Assi von dem anderen Lehrstuhl; beide waren noch nicht Profs, wurden es aber. BIG SHOTS TO BE. Wir waren die notorisch überbewerteten „greenhorns“.
Nur, dass wir die unverdiente Förderung durch Fleiß zu rechtfertigen suchten, zeichnete uns aus. Man muss auch unverdientes Glück annehmen können. Übrigens war es auch aus heutiger Sicht eine ordentliche Arbeit, deren Kärrnerteil damals mein Kumpel vollbracht hat; ich war der Vorlautere, also eher für das Geniale zuständig; mal in aller Bescheidenheit gesagt.
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DIE TALENTIERTE.
Patricia Highsmith hat zu schreiben begonnen, als ich noch nicht mal auf der Welt war; schon in meinem Geburtsjahr ein Weltstar. Dann jeden Tag mindestens acht Seiten, jeden Tag, fünfzig Jahre lang. Sie führte dazu gleichzeitig zwei verschiedene Tagebücher, gelegentlich gegenläufigen Inhalts.
Zweiundzwanzig Romane, dann die Tagebücher. Was den Verlag geritten hat, diese nicht nur inhaltlich zu zensieren, sondern auch noch ineinander zu fahren, wissen die Götter. So sind die Intentionen gegenläufiger Bücher in eine vordergründige Chronologie verschmolzen, der ihr eigentlicher Sinn zum Opfer fällt. Und das bei der multiplen Persönlichkeit einer selbstzerstörerischen Trinkerin mit großen lesbischen Abenteuern und ungebrochenem Schreibzwang. Unverzeihlich.
Aber die jüngste Biografie von Richard Bratford schlägt das alles. Dieser Einfaltspinsel glaubt sich dann auch noch in der Lage, wo das Genie der Highsmith die Quellenlage vorsätzlich verstellt und tiefe, weil bittere Ironie sachwaltet, Fehler anmerken zu dürfen. Er mag sie nicht, die gespaltene Persönlichkeit, aber zu so etwas wie Hass, da fehlt ihm die Kraft. Ein Beckmesser.
So bezweifelt dieses Hemd von einem Biografen, dass sich Highsmith 1952 in Venedig in HARRYˋS BAR einen Cocktail genehmigt habe. Natürlich hat sie, und zwar auf dem Weg nach Ischia, und zwar einen MARTINI (oder derer viele) und zwar in Begleitung von Peggy Guggenheim, mit der sie befreundet war. Sagt wer? Hat mir der Bartender in den Achtzigern erzählt, als in der Tagespresse die Rede auf eine Alterbosheit kam, die sie damals aus ihrem Schweizer Domizil abgesetzt hatte. Sagt der alte Mann zu mir: „Die haben da hinten in der Ecke gesessen. Ich weiß es wie heute.“ Was soll aus der Welt werden, wenn man nicht mal mehr Bartendern glauben kann?
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POLITISCH CLEAN.
Niemand sagt mehr das böse Wort. Ich lausche in Brüssel der Leitung der Kommission, mit Ständigen Vertretern rede ich und den Herren der bürokratischen Silos, den Generaldirektoren, ich diskutiere mit führenden Abgeordneten des Europäischen Parlaments UND keiner sagt das böse Wort. Dabei war des G-Wort mal der Passepartout zu allen Türen. Es gelten die Chatham-House-Regeln, nach denen man die Quellen seiner Erkenntnisse geheim hält, aber das neue Wissen teilen darf. Ich bemerke also, dass die Hegemonie des Grünen gebrochen ist.
Die Elite der politischen Klasse räumt noch ein, dass es so etwas wie ÖKOLOGIE als Aufgabenfeld geben kann, hinter den ökonomischen Verwerfungen. Allgemeine Auffassung scheint aber, dass der deutsche Weg einer Transformation, die sogenannte Energiewende, vor allem eins ist, zu teuer. Ökonomisch gescheitert. Das bekümmert Nationen mit schmalerem Haushalt, weil sie es sich nicht leisten können, Milliarden zum Beispiel in den Netzausbau zu stecken. Und zugleich jene, die ihre Staatsverschuldung nicht in die astronomische Höhe von Italien und Frankreich treiben wollen. Schweden wird zu meiner Überraschung als Vorbild genannt. Jedenfalls folge keiner der anderen 26 EU-Nationen dem deutschen Weg, sagen mir die Spitzen der drei EU-Säulen.
Anders ist die Stimmung im Bauch der Macht, den Fraktionen des Parlaments und bei den verschlafeneren Bürokraten wie der Lobby der nutznießenden Industrie. Hier fällt noch mal verschämt das G-Wort. Eigentlich aber schwenken alle auf ein neues Paradigma ein. Man will „clean“ sein, nicht mehr „green“. Damit ist die parteipolitische Assoziation zu den Grünen getilgt und eine Selbstverständlichkeit zur Parole erhoben. Man will Industrie hierzulande möglichst sauber; wer könnte dagegen etwas haben.
Ansonsten versetzen die neuen politischen Kräfte in Europa und Trump II die Köpfe wie die Bäuche der Macht, sprich die Verwalter der europäischen Idee, in einen Attentismus, der sich nach den aktivistischen Exzessen grüner Symbolpolitik anfühlt wie ein Kater. Man will künftig auch insofern clean bleiben. Es ist mehr als der Wunsch, nüchtern zu bleiben; es ist tiefe Ernüchterung. Man gähnt in Brüssel und wartet ab. Da ist was im Rohr. Rückabwicklungen könnten kommen.