Logbuch

DER SUGAR DADDY.

Verrat ist ein böses Wort, aber formuliert jene Bitterkeit konservativer Wähler, die von den Christlichen wenigstens Solidität erwartet haben. Zumindest im kleinbürgerlichen Sinne, etwa der berühmten schwäbischen Hausfrau. Versprochen & gebrochen. Denn nun wachen die Bürgerlichen im Wahlvolk auf in Orgien der exzessiven Verschuldung, auch, so ihr Gefühl, zugunsten der Roten und der Grünen. Der Möchte-gern-Kanzler schreibt den gescheiterten Zeitgeist auch noch in der Verfassung. Dadurch haben die allseits buhlenden Schwarzen weitere Wählerkontingente an die Blauen abgegeben. Die AfD wird bei der nächsten Wahl ein Viertel holen, wenn nicht ein Drittel. Danke, Fritz!

Für das Rollenmodell des künftigen Kanzlers gibt es ein Wort, einen Fachbegriff, leider aus der Halbwelt. Dort nennt man den älteren Herren, der bei den leichteren Mädchen die Scheckkarten sprechen lässt, Zuckerpapa. Das väterliche Moment meint den deutlichen Altersunterschied, der süße jene sanfte Form der Ware Liebe, die allerdings mit Prostitution unzutreffend beschrieben wäre. Der Sugar Daddy kriegt nämlich nicht, wofür er zahlt, nur die Illusion dessen. Friedrich Merz lässt trotzdem die Puppen tanzen, als gäbe es kein Morgen; Milliarden hier, Milliarden dort. Geld kann man ja drucken.

Wenn es dabei um ein kleines Vermögen aus dem Sauerland ginge, sein eigenes, dass im Tanztee unter die Leute soll, wäre gegen die Großmannssucht wenig zu sagen. Der Spendable nimmt aber Schulden auf, für die wir Bürger bürgen und mittels Inflation aufkommen werden. Der lustige Leutnant verjubelt Wechsel, die auf die Zukunft unserer Enkel ausgestellt sind. Grotesk wird die Freigiebigkeit unseres Sugar Daddys dadurch, dass nicht nur seine Koalitionsmätressen zulangen dürfen, sondern auch die koketten Damen und Herren der Opposition. Wenn Fritze freigiebig ist, dürfen alle Puppen tanzen, auch die abgewählten.

Der nächste Herr, die gleichen Damen. Es geht ja um die Sache. So entsteht Kontinuität auf dem Ball der einsamen Herzen, den wir Parlament nennen. Eine Weinkönigin als Präsidentin passt dazu allemal.

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PERMAFROST.

Ich lese über die Künstliche Kryosphäre. Das ist, wo immer kalt, also wie wo die Iglo-Sachen verrotten, die irgendwann gekauft, in den Tiefen der Truhe vergessen, eines fernen Tages mit dem Fön vom ewigen Eis befreit werden müssen. Der Soziologe Tassos Stassopoulos bestimmt anhand des Gefrierinventars den Grad der Kultur. Auch ein Ansatz.

Die frühen fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind durch zwei bemerkenswerte Ereignisse gekennzeichnet, die Erfindung der Fischstäbchen und meine Geburt, übrigens auf einem Küchentisch unter Assistenz einer Hebamme und eines Knappschaftsarztes. Dazu war die Küche da. Zunächst also dazu, dann der Entwicklung von, wie es im Englischen heißt, fish finger.

Wurden über Jahrhunderte Ortschaften nach der Anzahl der Feuerstellen eingeschätzt, die der Raumheizung wie dem Kochen dienten, so ist es vor siebzig Jahren ein anderer Trend, der den Grad der kulinarischen Kultur ausmacht. Immer mehr werden zur obligatorischen Ausstattung weiße Boxen, die die Temperatur nicht erhöhen, sondern senken. Kühl- und später auch Gefrierschränke ziehen ein. Mag früher eigener Herd Goldes wert gewesen sein, jetzt sind es „fridge & freeze“, in dem die Finger vom Fisch und die Tiefkühlpizza schlummern. Nichts zeigt mehr, wie malade die Moderne ist, als die gefrorene Mafiatorte.

Was hat man früher nicht alles anstellen müssen, um die vermaledeiten Lebensmittel am Verrotten zu hindern, salzen, räuchern, fermentieren, trocknen; und oft blieb nur ein Schatten ihrer selbst. Das Heil kommt mit dem amerikanischen Lebensstil; 1952 hatten 65% aller US-Haushalte schon einen elektrischen Kühlschrank, in England keine 10%. Aus den verstreuten weißen Boxen werden regelrechte Kühlketten, die heute verdeckt, aber wirkmächtig die Kulturnationen wie Lebensadern durchziehen, so bessergestellt. Man nimmt nicht mehr das Huhn lebend mit nach Hause, wenn es frisch sein soll, und köpft es erst dann.

Es könnte sein, dass die Trendwende von der Erwärmung zur Kühlung bald auch die Temperierung der Wohnräume, nicht nur die Nahrungszubereitung erreicht. Wie ist das eigentlich, kann die von Herrn Habeck und seinen Trauzeugen so erfolgreich eingeführte Wärmepumpe auch kühlen? Ich meine, ist das eine veritable Klimaanlage? Dann würde ich über eine Anschaffung nachdenken. Damit nicht nur der Fisch sommers kalte Finger kriegt. Und ich derart wohltemperiert von Doktor Oetker die Vier Jahreszeiten.

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KAFKA LESEN.

Franz Kafka erzählt in seinem Fragment UND ALLMÄHLICH WIRD ES MITTAG von dem Versicherungsangestellten Georg Simson, der eines Morgens erwacht und all seiner Gewohnheiten verlustig gefangen ist. Ein ehedem klar strukturierter Tagesablauf steht vor einer unendlichen Folge offener Entscheidungen, die wiederum ein ganzes Register von grundsätzlicheren Fragen voraussetzen, deren Urgründe freilich auch zu klären sind. Georg Simson ist schon nach dem Frühstück, das zu bewältigen schwer genug war, völlig fertig.

Er weiß, dass er gegen Neun im Kontor zu sein hätte, aber schon die Frage, was er anziehen soll, lässt ihn auf dem Stuhl am Küchentisch erstarren. Die Kafkasche Tragik ergreift auch den Leser; man will ja helfen. Prag in der Zwischenkriegszeit. Heute stellte sich das Fiasko so nicht. Man verlegte die Tätigkeit für die Versicherung ins Home Office. Georg könnte seine Jogginghose anbehalten und müsste nur mit dem Oberteil seiner Kleidung eine vollzogene Morgentoilette vortäuschen. Sollte aus den Konferenzen am Küchentisch mal wirklich Fragen auf ihn zu laufen, die der Entscheidung bedürften, könnte er sie auf die Gruppe rückdeligieren, wo sie auf die Gewohnheiten anderer träfen.

Helfen kann auch die Anschaffung eines Hundes, den man zwar während der Videokonferenzen ins Schlafzimmer sperren muss, wo er das wohlige Bett genießt, mit dem man aber vormittags wie gegen abends und um drei Gassigehen muss, was dessen Initiative ist; wozu allerdings ein Wechsel der Joggingklamotten nicht von Nöten ist. Den jungen Mann vom Lieferdienst mit dem lustigen Turban kennt Bello irgendwann, so dass man die Mute-Taste nur kurz gedrückt halten muss, wenn Pizza kommt.

Durch die Nacht bringt ihn „binge viewing“ auf Netflix. Bei Kafka ist das Ende offen; wie gesagt, es handelt sich um ein Fragment, das Max Brod ohne Zustimmung des Autors herausgegeben hat. Aber ich glaube, dass der todessehnsüchtige Georg nur deshalb nicht von eigener Hand fällt, weil auch das eine Gewohnheit voraussetzt, die er ja nicht mehr hatte. Und so wird es allmählich Mittag. Zuviel Kafka ist nicht gesund.

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BLUES.

Lese einen wissenschaftlichen Beitrag, der das Internet widerruft. Ist vermutlich auf einer Erika geschrieben und in die Redaktion gefaxt worden. Man ist gegen das Emotionale, wenn das Böse, und für allgemeine Partizipation; wie so oft, richtige Antworten auf falsche Fragen.  Ich zögere, ob ich mich argumentativ ins Getümmel werfen soll.

Manchmal, wenn mir der Lärm der Welt zu nervig wird, denke ich über eine Option nach, die ich gar nicht habe. Ich könnte ins Kloster gehen. Man hätte eine feste Ordnung des Tages, drei Mahlzeiten und Zugang zur Bibliothek. Gebraut und gekeltert wird auch, sogar gebrannt. Ich höre sogar, dass es ab und zu Gelegenheit gibt, der nächsten Beichte ein wenig Stoff zu verschaffen.

Vor allem aber gäbe es ruhige Gespräche, umsichtige Dialoge, ausgeruhte Konversation. Diese Hatz des Politischen, die dem Wahlkampf geschuldet ist, aber nicht nur ihm, geht mir auf den Zeiger. Wenn die Hysterie der Debatte auf Dauer gestellt ist und nicht mal die Mächtigen, die Eliten der Eliten, zur Ruhe kommen, dann ist doch ein weiterer heißer Atem, noch eine Posse, nur überflüssig.

Darin liegt ja der Vorteil des Rituals; es braucht keinen neuen Anlass. Ich frag mal bei mir um die Ecke. Da hausen die Dominikaner. Nachteil: Wahrscheinlich legen die Wert darauf, dass man katholisch ist; kann ich nicht mit dienen. In meiner Jugend ging man zum Bhagwan nach Indien; Sloterdijk soll das gemacht haben. Aber zum Hippie hatte ich nie das Zeug.

Über andere Männergesellschaften reden wir hier nicht. Was bliebe also? Hypochonder. Ich lege mir einen Kranz von Krankheiten zu und schädige gründlich meine Krankenkasse. Ehrlich gesagt, das ist mir zu vordergründig. Und banal; nichts unwürdiger als Gespräche über Unaussprechliches. Die Optionen Harley und junge geldgeile Geliebte fallen auch aus.

Vielleicht ein Hobby? Von dem Kabarettisten Dieter Nuhr habe ich erfahren müssen, dass er malt. Ich habe mir die Werke angesehen und ein Urteil, über das ich aber nicht reden möchte. Als Kabarettist ist er jedenfalls besser. Ein Ehrenamt? Das wäre es. Ich könnte meinen dunklen Ambitionen hinter Karitativem verstecken. Zu eitel.

Ich habe mich zu Wissenschaft entschlossen. Das passt besser zu meinem grauen Haar als das Motorrad und die Biene. Ich werde mich der DEKOMPLIKATION von bisherigen Aporien widmen. Das geht in der Darstellung kurz und knapp und verspricht Weltruhm. Alta, schon der Begriff der Dekomplikation! Etwa: die Dekomplikation des Fiktiven im Fiktionalen. Hammer.