Logbuch

KINDESWOHL.

Es gibt gerade zwei Geschichten, die für mich noch nicht erzählt sind, weil ich in einen Abgrund menschlicher Verzweiflung schaue, vielleicht auch der Niedertracht; ich weiß es nicht und will den Stab nicht brechen. Gleichzeitig sehe ich die lüsterne Erwartung der notorischen Vorurteilsträger, aus dem Bösen in ihrer Version der Dinge ein vernichtendes Urteil über diese oder jene Welt sprechen zu können. Alle Seiten reden dabei vom Kindeswohl. Bei solchen Kindeswohltätern habe ich Zweifel. Auch, was Väter wie Mütter, beide, angeht.

Da ist der Fall der Hamburger Hotelerbin, die ihre Kinder vom Gatten aus Dänemark zurückentführen lässt und sich dabei eines Milieus der Schlapphüte bedient. Das Imperium der sehr deutschen Familie gründet auf Steakrestaurants und ich sehe den Einfluss von Katzowen auch in anderem. Bekannte PR-Kollegen mühen sich eigenem Bekunden nach darum, der furchtbaren Mutter die Rachegelüste aus dem versteinerten Antlitz zu retuschieren. Ich habe Zweifel.

Und jetzt der sechsfache Mord in Stade an Sozialpädagogen, die eine elterliche Sorgerechtssache zu entscheiden hatten. Es ging um einen Säugling, der Ärzten in Hannover als Notfall vorgestellt, diese ein typisches Schleudertrauma aus Fremdeinwirkung erkennen ließen und zur Anzeige bringen. Kindeswohl in ganz handgreiflichem Sinne. Der Vater wird zum mehrfachen Mörder. Damit verantwortlich für ein unermessliches Leid in vielen Familien.

Es geht nicht darum, dass sich der erste Fall um Menschen aus der hanseatischen Bourgeoisie geht und im zweiten um ein Milieu türkischer Zuwanderung, also diese oder jene soziale oder kulturelle oder religiöse Zuweisung. Es ginge mir, sollte ich diese Geschichten erzählen müssen, um Kindeswohl. Der Staat hat, auch wenn dies höchst schwierig ist, auf der Seite der Schutzbedürftigen zu stehen. Ob die mit dieser Aufgabe offensichtlich überforderten Angehörigen aus Altona stammen oder aus Anatolien, ist ehrlich gesagt eigentlich egal.

Ich verneige mich schon jetzt vor jenen, deren Beruf es ist, sich um das Wohl anderer Leute Kinder zu kümmern. Salut!

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HUNDSTAGE.

Gestern habe ich mich unfreiwillig vom touristischen Reiz des Jerichower Landes überzeugen können. Uwe Johnson kommt von hier. Die Autobahn nach Berlin wies eine Vollsperrung auf und das von der Firma HORCH zu verantwortende Elends-Navi schickte mich in eine Irrfahrt, die nach einer knappen Stunde wieder begann, wo sie geendet hatte. Mein Handy zur Hilfe nehmend, hatte ich zwar plötzlich CAR PLAY installiert, sollte aber immer noch zurück in die Vollsperrung, aus der ich kam. Mein herzlicher Gruß geht an die Kollegen in Neckarsulm. Blechbieger!

Der verlässlich rot-grüne DEUTSCHLANDFUNK überträgt derweil O-Töne des Parteivorsitzenden der Grünen, der beklagt, dass die Bundesregierung noch immer nicht das Recht aufgehoben habe, sich in seinen Keller eine Öl- oder Gasheizung einzubauen. Kaum ist es 40 Grad in Jerichow und die Öko-Diktatur lässt die liberale Maske fallen. Das ist er wieder der Zwang zur heilsbewehrten Wärmepumpe. Wie kühlt die eigentlich so bei 40 Grad in Jerichow ein Haus? Gar nicht. An der Tanke in der Stadt Brandenburg eine lange Schlange gestrandeter TESLA-Schlitten; ich vermute deren Navi ist besser, so dass sie genau wissen, wo sie sind und wo sie gerade nicht an die Ladesäule rankommen.

Jericho ist im jüdischen Teil der Bibel der Zugang zum Paradies und im christlichen der Ort einer interessanten Begegnung zwischen einem römischen Finanzbeamten und dem Nazarener. Jesus entdeckt ihn auf einem Baum als Gaffer und erkennt sofort die Gelegenheit für einen seiner PR-Stunts. Er bittet ihn runter, weil er bei ihm zuhause einkehren wolle. Die Steuereintreiber waren schon damals nicht beliebt und so staunte das Volk. Jesus aber verhandelte flux einen neuen Spitzensteuersatz und bekehrte den Beamten zum Christentum. Rupp zupp. So gewinnt man Jünger!

Wie fand ich aus Jerichow raus und zurück in die Metropole? Navi aus. Handy in die Hose. Karawaneninstinkt. Ich warte lauernd an der Ausfallstraße von Brandenburg an der Havel auf einen polnischen Tieflader mit im Blech leicht ramponierten Luxusschüsseln, er kommt schon bald und ich hänge mich dahinter. Ich wusste, dass der seinen Weg nach Frankfurt / Oder findet und dafür an Berlin vorbeischrappt. Und so war es. Serdecznie dziękuję, kolego! Danke Kumpel.

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PFLOGBLÖTE MIT CEM BALO.

Der Sommerhitze entfliehend wohne ich in einem kühlen Dom zufällig einer lebendigen Orchesterprobe bei; es gibt den Engländer Händel, den ich auch als Unmusikalischer zu verstehen glaube. Mein grundsätzliches Problem bei Klassischer Musik liegt in der Ignoranz, die fehlende musikalische Bildung nach sich zieht; man hört ja nur, was man schon weiß. Dem Idioten ist alle Musik Geräusch.

Derart unterbeschäftigt, schaue ich mir die Musiker an. Mir fällt auf, dass sie alle auf eine eigenartige Weise herumhampeln und Fratzen schneiden. Gibt es das, eine mysteriöse Musiker-Mimik? Wohl kaum als klaren Code, da unterschiedliche Instrumente unterschiedliche Körpersprachen bedingen. Man kann dem Posaunisten schlicht nicht vorwerfen, dass er auf dicke Backe macht. Ich konzentriere mich auf die Blockflöte und das Cembalo und sehe unter dem individuell Verquerem geheime Gesten der Verständigung, etwa zu Einsätzen. Sie schneiden unterschiedliche Grimassen, aber simultan.

Das bringt mich auf die Idee einer Geheimsprache, hier kurzer Blicke und winziger Gesten, mit denen sich die derart Orchestrierenden verständigen. Man sollte mal eine Doktorarbeit vergeben zur nonverbalen Kommunikation von Dirigenten mit ihren Orchestern. Könnte zeigen, dass die Geräuschemacher den Algorithmus ihrer Notenblätter durch Fratzenschneiden und Blickewerfen okkult überstrukturieren. Kybernetik Zweiten Grades. Das wär ein Ding.

Schlaues von der Kybernetik oder Binse für jedes Musikschulkind? Ich wette: beides.

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DER VERKEHRSUNFALL.

Der Dichter Bert Brecht hat geraten, die Dramen der Zeit zu behandeln wie Verkehrsunfälle. In der sogenannten Straßenszene solle man in aller Ruhe nachstellen, wer am Crash Schuld sei. Es geht nicht um moralische Schuld, sondern Ursachenforschung. Hypothetisch gesprochen. Folgen wir dem Rat.

Die Annahme sei: In einem Gespräch über Sexismus bei der Besetzung von Führungspositionen nennt eine hochstehende Persönlichkeit die einzige Frau im Vorstand der AG, die gerade vor ihm steht, ein „Feigenblatt“ und eine „Alibi-Tusse“; nur mal angenommen. Dann klagt er über einen Anwalt dagegen, weil er das mit der Tusse gar nicht gesagt habe. Man soll damit zugleich glauben, dass das Attribut „Feigenblatt“ in diesem Zusammenhang keine Beleidigung sei.

Was bei der Ursachenforschung nicht zu gelten hat, ist die Frage, ob der Anwalt unserer Straßenszene auch schon bei anderen Verkehrsunfällen ein Mandat hatte. Man verunglimpft Anwälte nicht wegen früherer Mandate. Sie sind Organe der Rechtspflege. Punkt. Was also hätte bei unserem Fallbeispiel der Vorwurf des intentionalen Exotismus (vulgo Feigenblatt) für Folgen in der Beurteilung der Persönlichkeitsrechte der „einzigen Frau im Vorstand“, darf man fragen. Ich würde die öffentliche Verteidigung der Dame als PR-Manager übernehmen (und es würde, glauben Sie mir, Steine regnen).

Man könnte einwenden, dass das Fallbeispiel falsch gewählt sei, ein Falschbeispiel. Nun gut. So wehre auch ich immer Hypothesen ab. Eine Verteidigung des SPD-Kanzler-Kandidaten als Charakterkopf fiele aber leichter, hätte man nicht seiner Entlassungsrede über seinen Finanzminister, den FDP-Chef Christian Lindner, lauschen müssen, die für viele Zuhörer ein Stakkato an Ehrabschneidungen war, in kaltem Kalkül niedergeschrieben und kühl vom Blatt vorgetragen. Eine Verteidigung der SPD fiele leichter, hätte der Fraktionsvorsitzende nicht das parlamentarische Wirken der CDU im Wortsinn verteufelt. Es sei das Tor zur Hölle geöffnet worden. In diesem Kontext sollte auf dem Empfang der Lobbyisten Harald Christ & Joschka Fischer im Capital Club der Kanzlerkandidat der Union als Person diskreditiert werden. Das ist der politische Kontext.

Der Kausalnexus liegt darin, dass man Friedrich Merz als Person nicht vertrauen könne. Das mag sein; ich maß mir kein Urteil an. Auch nicht auf der Geburtstagsfete von Ex-Sozi Christ mit einem Glas Wein in der Hand. Und wenn ich Herrn Scholz in der Folge dieses Verkehrsunfalls Giftzwerg nenne, so bitte ich das als Meinungsäußerung im Wahlkampf zu bewerten; ein würdiger Nachfolger von Brandt, Schmidt, Schröder ist dieser Mann jedenfalls für mich nicht.