Logbuch

KATER.

Ich habe einen KATER, und zwar der hartnäckigeren Art, den MUSKELKATER. Fünf Teakholzbänke und eine Natursteintreppe sind von Moos und Flechten befreit. Das nackte Holz grinst in die vorösterliche Sonne, propper, aber auch angerauter als zuvor und so empfänglicher für neuen Besatz. Das Zauberwort heißt KÄRCHERN mit dem einschlägigen Wasserhochdruckreiniger.

Kein leichtes Unterfangen, weil der zuführende Gartenschlauch verwickelt und beim Stromkabel der Schuko defekt, der Zuleitungsschlauch sperrig wie Sau und die Brühe aus Moos, Vogelkot und Dreck auf den braven Gärtner spritzt. Aber es bleibt das infantile Glück im Dreck gespielt zu haben. Jetzt der MUSKELKATER. Und der sichere Kommentar meines Mediziners: „Dagegen hilft nix!“

Der KATER heißt eigentlich KATARRH und meint den Schnupfen (griechisch für Ausfluss), was das gemeine Volk zur männlichen Katze verballhornt hat. Wie so vieles in der Medizin eine Verlegenheitsdiagnose, ein Synonym halt für ein Wehwehchen. Den Muskelschmerz verspürt nämlich vor allem der steife Stubenhocker; die Sportskanone soll frei davon sein. Zwei Dinge anthropologischer Art beeindrucken den Philosophen.

Erstens bekommt ihn der absteigende Wanderer bedeutend leichter und schmerzhafter als der aufsteigende. Wir sind als Gipfelstürmer gemacht.

Zweitens ist eine ideale Therapie das Ausstreichen der Muskeln nach Wärmeanwendung durch eine schöne Physio. Das ist unsere zweite Bestimmung, gestreichelt zu werden.

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JOSEFI.

Heut ist der JOSEFI, der Josefstag. Fast vergessen, zeigt er doch, dass es Tradition gibt, die zu erhalten, es allemal wert gewesen wäre. Gefeiert wurde dereinst der Gatte der Mutter unseres Religionsstifters. Warum so kompliziert? Nun, MARIA & JOSEF waren zwar die Eltern des Nazareners, aus der Konfiguration jeder Krippe klar erkenntlich (plus Ochs und Esel und drei Zukunftsforscher aus dem Orient). In der Mitte das Jesuskind. Das war es dann aber auch schon mit der Glaubensgewissheit.

Josef, der Schreiner, war nur der „Nährvater“ von Jesus, nicht der Erzeuger, weil man seiner Mutter einen Status zugebilligt hat, der narrative Folgen hatte. Maria war demnach frei von der Erbsünde und musste folglich nicht ins Fegefeuer; damit musste ihre Empfängnis aber „immacolatus“ sein, unbefleckt, womit Gottessohn eben auch dessen (!) Sohn sein musste, also eine Jungfrauengeburt anzunehmen war. Eine theologisch höchst verwickelte Angelegenheit. Ganze Schlachten zwischen den Orden des Mittelalters haben darum stattgefunden.

Ich könnte die Dinge weiter komplizieren, indem ich nach MARIA MAGDALENA frage, nach der anderen Maria im Leben des Messias. Da gäbe es einiges zu fragen. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Den JOSEF zu feiern, ist sicherer. Er ist der Heilige der Handwerker, damit der Held der Arbeit. Er hat sich um die Alimente nicht gedrückt, also ein anständiger Kerl. Und er steht für den Starkbieranstich, ein rechter Maibock. Darauf ein Festmärzen.

Das darf der Christenmensch. Eben diesem JOSEF verdanken wir nämlich den Leitsatz: „Flüssiges bricht Fasten nicht!“ Was könnte klüger sein?

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NEOPHYTEN.

Das Stichdatum wirkt komisch, der Grundgedanke ist vertraut. Wenn Pflanzen in Gebiete eingeführt werden, in denen sie natürlicher Weise nicht vorkamen, und zwar nach 1492, der Entdeckung Amerikas durch Columbus, dann gelten sie als NEUPFLANZEN, auf griechisch NEOPHYTEN genannt. Fremde, Zugezogene.

Der Kern des Problems liegt aber nicht in der Herkunft; niemand würde sich aufregen, wenn die Fremdlinge in einer Nische der Natur so vor sich hin krepeln würden. Das Gewächs aus fernen Landen gedeiht aber unter Umständen prächtig. Spätesten an dieser Stelle sollte man seinen eigenen Worten misstrauen. Es klingt der Jargon der Sozialdarwinisten an, die ihr menschenfeindliches Gedankengut der Biologie entlehnen. Ich erinnere mich eines Abends, an dem ich dank eines bösen Zufalls mit Thilo Sarrazin und Gattin an einem Tisch saß und auf das freudloseste Paar der Welt schaute; ein furchtbarer Anblick.

Im Garten geht jetzt der Kirschlorbär nicht mehr. Er wächst zwar wie Bolle, nährt aber nicht den lustigen Piepmatz oder Biene Maja und ist giftig. Dazu habe ich zwei Hinweise. Erstens verzehren wir die anderen Sträucher auch nicht; wir unterhalten schließlich keine Nutzgärten. Zweitens sollen die Vögel an der eigens für sie eingerichtete Futterstelle die Sonnenblumenkerne fressen, zu meiner Augenfreude; und sich nicht andernorts wild den Bauch vollschlagen. Trotzdem ist in der Schweiz jetzt der Neophyt Kirschlorbär untersagt.

Ähnliches gab es vor Jahren schon in England zum Rosendendron, der angeblich alles niederwucherte. Und bei den Essig&Ölbäumen, die die Straßenränder säumen. All diese Gesellen gelten als INVASIV; sie breiten sich angeblich rigoros aus, weil sie keine natürlichen Feinde haben. Das ist zunächst natürlich Unsinn. In meinem Garten stehen die deutschen Äpfel in bestem Einvernehmen mit Gesellen aller Herren Länder; selbst die Birne kommt eigentlich aus Asien.

Nun sind wir beim Wesen des Gartens. Ein anständiger Garten hat keine Wiese, sondern einen Rasen. In ihm wuchern nicht Sträucher, sondern gedeihen Hecken. Ein toller Baum dank seine Erhabenheit dem Schnitt. Denn ein guter Gärtner hat ein mutiges Herz und eine scharfe Schere.

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A LONGTONGUED BABBLING GOSSIP.

Das ist eine Schmähung von Shakespeare aus Titus Andronicus, 4. Akt, 2. Szene. Meint ein Gelaber. Es geht um jemanden, der seiner Gattin den eigenen Hund serviert.

Lese eine historische Abhandlung über Octavian, jenen römischen Prinzipial, der den Ehrentitel AUGUSTUS annahm. Dabei wird oft auf die dürftige Quellenlage hingewiesen. Nichts genaues weiß man nicht. So wird nach einiger Zeit der Nachruhm zur Geschichte, also das Urteil von Neidern, Idioten oder Verbrechern. Selten das der Verehrer, nie Ausgewogenes. Ach, lieber vergessen als verkannt.

Mir hat der große Ulrich Suerbaum mal erzählt, dass große Teile dessen, was wir über die römische Antike wissen, dem Elisabethaner William Shakespeare zu verdanken seien, einem skrupellos plagiierenden Bühnendichter mit merkantilen Interessen. So habe der ermordete Julius Cäsar erst Mitte des 16. Jahrhunderts „Auch Du, Brutus!“ gerufen, nicht schon anderthalb Jahrhunderte zuvor. Suerbaum war der erste Ordinarius der neugegründeten Ruhr Universität Bochum und Kopf der Shakespeare-Gesellschaft; er konnte Stunden über das Testament des Dichters reden, weil zumindest das sicher von dessen Hand.

Mich hat erschüttert, dass dieser englische Titan nur fünfzig Jahre alt geworden ist und es ganze Jahrzehnte in seinem Leben gab, von denen man nichts weiß, die sogenannten verlorenen Jahre. Das kann Angela Merkel nicht passieren, deren uninspiriertes Geschreibsel die Regale füllt. Ihr Versuch der eigenen APOTHEOSE ist misslungen. Das Land leidet noch immer unter der routinierten Vernachlässigung aus ihrem Regnum.

Suerbaum übrigens war ein ganz typischer Prof meiner Universität, ein bescheidener und unauffälliger Mann großen Wissens und ohne jede Prahlsucht; das ist ja nicht allen Geschöpfen meiner Alma Mater gegeben. Ich blättere regelmäßig in dem Handbuch „The little book of Shakespeare‘s insults / The bard‘s best barbs“, eine umfängliche Sammlung wortreicher Beleidigungen. Allzeit bereit.