Logbuch
BARBIE.
Die Verlächerlichung der Bundesaußenministerin hat einen Grad erreicht, den ich aus staatsbürgerlichen Gründen nicht mehr für ratsam halte. Wir sollten uns wieder dem Ernst des Lebens stellen und auf das Witzereißen verzichten. Schluss mit BARBIE IM AA.
Die demonstrativ prahlsüchtige Reisetätigkeit, diesmal ein Potpourri aus Asiatischem bis hin zu den Fidschiinseln, wird durch ein großes Pressechor begleitet, das dann, so der Plan, von den Fidschiinseln in die Heimat berichtet, wie sich die feministische Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland so weltweit als VORBILDLICH gestaltet. Zumindest das Lungern nach geilen Pressefotos sollte unterbunden werden; man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Erstens war der Eindruck, dass es sich vor allem um „Event PR“ aus Steuergeld handelt, nie ganz zu vermeiden, zweitens ist die Luftwaffe, was ihre Einsatzbereitschaft angeht, auf größere Diskretion angewiesen. Wir fliegen älteres Gerät. Dieses Land ist nur bedingt abwehrbereit.
Das Fiasco der staatseigenen Bundesbahn ist im gleichen Paradigma wie die Bundeswehr: Ein Land wird in der Substanz auf Verschleiß gefahren. Das ist bitter. Nur auf der nach oben offenen Skala der Eitelkeit, ich bitte um Nachsicht, geht es weiter: Es widmet sich der Zeitgeist der Selbstbefriedigung. Und das auch noch vor Publikum. Das ist, sorry Frau Bundesministerin, insgesamt zu leichtfertig, oft vordergründig und in Teilen schlicht obszön.
Wollen wir es nach gefälschtem Lebenslauf, gekupfertem Buch und Pumps-PR jetzt mal mit aufrichtigem Ernst und ehrlicher Arbeit probieren? BARBIE isch over. KEN hat das schon nach der Heizungsnummer kapiert.
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PELLKARTOFFELN.
An einem Stammlokal vorbeischlendernd fordert mich die Wirtin auf, Pommes zu verköstigen. Vor der Köchin des Hauses stehen zwei Teller mit einem alternativen Angebot der frittierten Kartoffelstäbchen. Das Lokal scheint den Lieferanten wechseln zu wollen. Seltsamer Siegeszug der tiefgekühlten Fettfänger.
Potatismus, Herrschaft der Kartoffel. Der Schwede bietet die Erdäpfel vorwiegend als Püree an. Der Kartoffelbrei lautet im Norden tatsächlich „potatismos“, das Mus von der Kartoffel. Ich will gar nicht wissen, was in der Pampe alles drin ist; sieht aus wie der Reparaturmörtel aus dem Baumarkt. Überhaupt besteht die Kernlogik der Lebensmittelindustrie in der Analogie: es soll aussehen wie hochwertige Nahrung, Natur assoziieren, darf aber nichts kosten und muss zehn Jahre haltbar sein.
Über die gemeine deutsche Kantinenkartoffel, aus unerfindlichen Gründen trotz des matten Geschmacks „Salzkartoffel“ genannt, soll hier kein Wort verloren werden. Mit dem Begriff der Sättigungsbeilage ist sie hinreichend gedemütigt. Reden wir also von der Königin, der unübertroffenen Vollendung der Knolle des Nachtschattengewächses, der Pellkartoffel.
Auf einen Dreispitz noch heiß aus dem Topf gehoben, wird sie einem Trüffel gleich vorsichtig enthäutet und als Ganzes in eine Lache heißer Butter gelegt und mit einem scharfen Messer in gerade Scheiben zerkleinert. Grobes Meersalz aus der Mühle. Ja, Matjes geht dazu. Wie bitte? Nein, Leberwurst geht nicht. Ossis, man glaubt es nicht.
Und Kräuterquark geht eh nicht. Frevel auch im Griechischen. Dazu hörte ich neulich als Bestellung einen „Kaputt Schino mit Hafermilch“. Cappuccino? Abends um sechs? Alter. Jedenfalls Pellkartoffeln. Mit zerlassener Butter.
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SCHWEDENKISTE DIE ZWEITE.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts machte sich ein thüringischer Pfarrer und Heimatforscher namens Carl Lerp an eine randvolle Kiste von Dokumenten aus dem späten achtzehnten Jahrhundert. Er war auf eine Anweisung gestoßen, wie der Schatz zu ordnen sei. Sein verdeckter Instrukteur war kein geringerer als HERDER.
Es sind über 6000 Dokumente auf mehr als 20.000 Seiten, die Lerp mit mutiger Hand auf Pappdeckel leimt; am Ende bewältigt der Gothaer Buchdruck das Werk zwischen 20 Foliodeckeln. Die Briefe sind durchgängig codiert: die Orte Thüringens im Griechischen verklausuliert und eine fiktive persische Zeitrechnung angewandt. Selbst HERDER nutzt mehrere Schreiber, damit seine Handschrift rätselhaft bleibt. Es folgt eine Odyssee über Jahrhunderte. Von den Nazis beschlagnahmt, hatte die Rote Armee die Bände der SCHWEDENKISTE nach Moskau entführt.
Genau genommen kommen neunzehn Bände nach dem Zweiten Weltkrieg zurück ins Geheime Staatsarchiv der DDR; der Band X fehlt zunächst. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um die handelnden Personen im 18. Jahrhundert. GOETHE wird hier zu Unrecht genannt. Ich habe SCHILLER eher im Verdacht. Ganz sicher bin ich, was HERDER angeht. HERDER kannte die ganze Kiste und er war Illuminat.
Woher stammt mein Verdacht? Nun, aus den Aufzeichnungen eines seiner Freunde, des Verlegers HARTKNOCH aus Riga. Das ist auch die Brücke zu den Freimaurern in Stockholm (Partnerstadt Rigas), denen die Kiste ex Gotha zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugedacht wurde. Daher SCHWEDENKISTE. Heute gehört das Konvolut angeblich der Großen National-Mutterloge zu den Drei Weltkugeln von 1740 zu Berlin. Mehr weiß man nicht; sind halt Geheimgesellschaften. Man müsste den Leim im Deckel vom zehnten Band mit dem der anderen Bände chemisch vergleichen. Knochenleim lässt sich ja sehr genau datieren und lokalisieren.
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DIE IDEE DES NACHBARN.
Die großen Konditoren stehen mit langen Messern vor der Torte, die unsere Welt bedeutet, und wollen die Aufteilung der Kuchenstücke ändern. Das könnte den Krümeln eigentlich egal sein, aber sie haben gelernt, dass es beim Streit um die Sahnetorte sehr schnell zu Feindlichkeiten kommen kann und die langen Messer zu anderem Einsatz kommen als nur die Tortenstücke zu heben. Nachbarn werde Feinde.
Das Beispiel aus der Backstube ist eigentlich zu läppisch für die Erfahrung, die gerade die Ukrainer mit ihren beiden Schutzmächten machen, der alten, inzwischen ungewollten, und der neuen, die sich plötzlich launisch von einer anderen Seite zu zeigen droht. Osteuropäer und Balten schauen genau hin. Ich habe hier keine geopolitischen Vorlieben auszuloben oder zu verwerfen, weil mich die Sinnlosigkeit jedes Krieges vor solchen Kalkülen sperrt. Ich bin, was der scheidende Kanzler dieser Republik ein pazifistisches Provinzarschloch genannt hat. Bert Brecht hat mich nämlich gelehrt, dass man sich vor Zeiten, die Helden verlangen, als kleiner Mann zu hüten habe.
Die globale Torte wird also neu geteilt. Dabei darf man nicht jeden der großen Zuckerbäcker für ein Genie, gar den Weltgeist, halten. Es mag auch vordergründigere Motive geben, etwa den Neid auf die Kirsche auf dem Sahnestück des anderen. Aus der Clownerie der Stummfilme kennt man noch vordergründigeren Gebrauch von Torten. Mich dauern die Abscheulichkeiten auf allen Seiten, wenn auch unterschiedliche Grade der Entmenschlichung mich zur politischen Parteinahme veranlassen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Habe ich als Krümel, der nicht gefragt wird, wenn der Kuchen spricht, es auch konkreter? Ja, ich würde Europa gerne erhalten wissen. Mir imponiert noch immer die Idee einer Zusammenarbeit westlich gestimmter, sprich liberal gesinnter Rechtsstaaten als Gemeinschaft guter Nachbarn. Wer das als Deutscher zerstört wissen will, hat aus zwei Weltkriegen nichts gelernt. Hier liegt einer der Gründe, warum man die Neue Rechte auch dann nicht gewähren lassen sollte, wenn sie international Beifall erhält. Meine Meinung.