Logbuch

WIE DIE ZEIT VERGEHT.

Meine alte Penne wieder gesehen. Steht noch. Vier erstaunliche Dinge, die mir zu denken geben. Über dem Eingang steht nach wie vor in großen Lettern: DEO MUSIS PATRIAE. Zu Deutsch: Dem Gott (Einzahl), Den Musen (Mehrzahl), Dem Vaterland (Einzahl). Davon gingen heute „politisch“ nur noch die Musen. Dem Gott? Die Bindung des Staates an eine Religion oder einen Gott, das ist aufgegeben. RELIGIONSFREIHEIT ist die Freiheit von der Religion. Dem Vaterland? Nun, das Vaterland hat viele Bürger mit einem alten, aus dem sie kamen, und einem neuen, das die aufnahm; man sollte ihnen das Heimweh gönnen, also auch den Plural der Vaterländer. Staatsangehörigkeit ist etwas anderes. Selbst die nur von hier, sprich die Eingeborenen, können finden, dass Bildung nicht „dem Vaterland“ zu dienen habe, wie der Spruch an der Schule postuliert, sondern dem INDIVIDUUM. Das vierte, was mich grübeln lässt: Der Laden hieß „Freiherr-vom-Stein-Gymnasium“ nach dem großen PREUSSISCHEN REFORMER. Geht der eigentlich noch? Sprachenfolge: Man begann damals mit ENGLISCH und LATEIN. Latinitas, geht heute auch nicht mehr, oder? Ich lese sogar von zeitgenössischen Debatten, ob Mathe nicht ein überkommenes Erbe der weißen Herrschaft sei. Hmmm.

Ach so, es war natürlich eine Jungenschule. Ich wechselte in der Quarta von Oberhausen-Sterkrade nach Essen-Kettwig. An ein koedukatives Institut. Das ist, wenn mit Mädchen; außer bei „Leibesübungen und Textilgestaltung“, sprich Sport und Handarbeit. Tja, so begann bei mir der Niedergang.

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KRIEGSGEWINNLER.

Jetzt zeigt die Krise, dass sie nicht nur Verlierer hat. Aber vorerst kommen nur die kleinen Diebereien ans Licht. Man wird sich noch die Augen reiben, wenn die Bilanzen von BIG PHARMA auf dem Tisch liegen. Und dankbar sein müssen. Ohne diese Rendite-Erwartung hätte es die SPITZENFORSCHUNG wahrscheinlich nicht gegeben. Eine Behörde hätte das eher nicht geboren. Dilemma. Man zahlt so oder so.

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BÖSE TIERE.

Dass Katzen liebe Tiere sind und Mäuse böse, das haben ziemlich sicher nicht die kleinen Nager so festgelegt. Ich hatte mal einen Steinmarder unter dem Dach, der dort Nachbars Hühner sammelte und sie erst verzehrte, wenn sie schon Aas waren. Unschöne Begleitumstände. Daran dachte ich gestern, als ich nach getaner Arbeit die Füße auf den Schreibtisch legte und in den Abendhimmel starrte. In der Krone eines nahen Baumes unten an der Bachquelle, wo früher zwei Elstern hausten, sind nun neue Vögel eingezogen. Ich vermute Turmfalken. Nest geklaut; auch nicht schlecht. Aber die Elster hat ohnehin ein IMAGE-PROBLEM. Sie gilt als Nesträuber; sich vom Nachwuchs des Nachbarn zu ernähren, stört unser Ideal einer grünen Idylle. Zudem soll sie, die diebische Elster, Schmuck klauen, sogar den Ehering. So erklärt das der umtriebige Ehemann nach dessen Verlust. Diebische Elstern! Das stört unsere Vorstellung von einem heilen Sozialleben. Zudem, als wär all das noch nicht genug, galt die Elster im Altertum als Todesbotin. Mit so einer lädierten Reputation hat man keine gute Lobby. Und dann klaut dir noch so ein Falkenpärchen das Zuhause. Ruf ruiniert, Häuschen verloren. Womit ich bei den GRÜNEN und dem Verbot von Einfamilienhäusern wäre. Da hat der übergenährte Bauernlümmel Anton Hofreiter etwas losgetreten, das zwar faktisch so nicht gemeint war; es hat aber für viele Wähler eine höhere Wahrheit offenbart: nämlich, wohin eine ÖKO-DIKTATUR führt. Veggie-Day, die Zweite. Die Verbots-Partei. Zurück zu den Guten und den bösen Tieren. Es gibt die Vorstellung von Schädlingen und Nützlingen. Aber auch das ist ja keine Einteilung der Natur selbst. Sie stammt von Haustierhaltern, die ihre „pets“ betätscheln, krabbeln und beschmusen, aber bei einem Mäuslein unterm Esstisch hysterisch schreiend auf denselben springen. Die eigene Muschi ist eine Gute, das fremde Spitzmäuschen ein Horror? Das verstehen vielleicht Menschen, die Natur versteht es nicht. So viel für heute. Wie heißt der herzliche Gruß noch bei Kipling zum Abschied: „Gute Jagd!“ Hmmm. Nicht mehr zeitgemäß, jedenfalls nicht in allen Kreisen.

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KATERSTIMMUNG.

Einen Kater haben, ohne dass Party war: welch eine banale Frustration. Ich bin zum Gähnen zu müde. Das politische Personal der Mitte steht rum, gleich einer Versammlung von Trotteln, notorisch ohne Fortune. Ich mag diese abgeschmackte Mittelmäßigkeit nicht mehr sehen. Schaltet ihn ab, den Scholzomaten, bitte Stecker raus.

Die politische Landschaft gleicht einem erloschenen Vulkan: Die Ränder sind gestärkt, in der Mitte klafft ein Loch. Die Rechtsradikalen verdoppeln sich; auch die Linksradikalen überraschend stark (das Lafontainsche Abenteuer mit seiner privaten Kommunistin erstaunlich gut überlebt). Aber aus der Mitte des Vulkans keine Lava, nur der schlechte Atem einer schlappen Union, die sich von den Restsozen stützen lassen muss. Kein Feuer im Vulkan; es riecht aus dem Schlund eher nach Sickergrube.

Man könnte frohlocken, dass der grüngraiche Alptraum beendet und die Trauzeugen bald wieder Hartz-Vier-Aufstocker sind, aber so einfach ist das nicht. Erstens haben die Grünen, wenn man sie am Staatsterror hindert, einen programmatischen Punkt; zweitens sehe ich hinter Fritze Merz die Idealen Schwiegersöhne der Union noch immer hoffnungsfroh auf ihre grünen Bräute schauen. Noch hat es sich nicht ausgebärbockt.

Zwei Details, die mir persönlich beachtlich scheinen. Im Westerwald, meiner ländlichen Heimat, ist eine fleißige und sympathische Direktkandidatin der SPD dem Trend zum Opfer gefallen; schade. In meiner Metropole Berlin hat die AfD es in einem Wahlkreis zur stärksten Kraft geschafft; böse. Und ein Drittes: Dass das Ergebnis der FDP von mickrigen 5% (plus x) im amtlichen Endergebnis auf 4,3% runterkorrigiert werden musste, blamiert mich als Demoskopen. Kater ohne Party. Auf Entzug.