Logbuch

Kaum zu glauben, aber wahr!

Da ist die innere Stimme des Propaganda-Opfers. Früher hat man sich diesen Deppen als BILD-Leser vorgestellt, heute ist er auf TWITTER oder dunkleren Diensten in der Tiefe des Netzes unterwegs. Seine innere Stimme quittiert einen Prozess der Erregung, der in einen Zustand der Selbstvergewisserung umbricht. Es braucht zunächst AUFREGUNG, im Englischen „outrage“; das ist die eigentliche Währung der Skandalmedien, EMPÖRUNG, genauer Empörungsanlässe. Aber eben nicht jene, die zu Entdeckungen führen könnten, neuen Erkenntnissen oder besseren Einsichten. Im Gegenteil: Es werden solche Aufregungen gesucht, die bei näherer Betrachtung dazu führen, dass die vorhandenen VORURTEILE, wohlgemerkt , die eigenen, erneut eine Bestätigung finden. Das Unglaubliche soll bei näherer Betrachtung glaubhaft sein. Im Fachbegriff „ressentimentaffin“, den Aberglauben bestätigend. Was der Antisemit an unglaublichen Skandalen über Juden hört, ist immer so, dass es seinen Antisemitismus erneut bestätigen kann. Das gleiche gilt für den Frauenfeind beim Blondinenwitz oder den KKK-Mann beim Getto-Aufstand. Menschen mögen das, Recht gehabt zu haben. Es freut den Deppen, wenn er erneut bestätigt findet, was seine enge Welt so bebildert. „Kaum zu glauben“, schreit seine erregte Seele, um es dann doch für „wahr“ zuhalten. Meinen Studenten erkläre ich das als PARADOXE ENDOXIE. Begriff ist von mir. Ein ehrwürdiger Professor der Mainzer Publizistik hat das mal in einer Fußnote getadelt; mit dem Hinweis, dass ich sie nicht alle habe. Er hielt es für unerträglich. WORTGEKLINGEL. Na ja, ist nicht ganz falsch. Zudem lebt er nicht mehr, der Mainzer. Nihil nisi...

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PEST & CHOLERA.

Gestern fast 500 Sterbefälle pro Tag im deutschen Vaterland, trauriger Rekord. Die Seuchen machen keinen Sinn. Nicht mal jenen kleinen, vordergründigen Sinn, den Kriege machen. Wer fürs Vaterland stirbt oder die richtige Religion, der mag darin noch einen Sinn sehen, obwohl er sich natürlich gründlich täuscht. Aber Opfer von einem Virus zu sein, wie leer. Immer war die Frage der SEUCHEN aber auch eine SOZIALE FRAGE. Als Hamburg noch Hotspot war, für die Cholera, weigerte sich die Bürgerschaft, in den Armenvierteln die Ableitung des Brauchwassers von der Zuleitung des Trinkwassers zu trennen. Beides über die Fleete aus der Elbe. Wurde dann geändert. Und die Seuchen waren ÖKONOMISCHE FRAGEN. Auch darauf liegt ein Tabu. Für die venezianischen Kaufleute, die wussten, warum sie den Chinafahrer 40 Tage auf Reede legten (Quarantäne). Oder den hanseatischen Pfeffersack, der die Pauper Europas nach Amerika verschiffte (Hapag Lloyd). Jetzt aber, bei Corona weltweit, wo ist da der soziale oder wirtschaftliche Sinn? Es gibt ihn nicht. Das brütet den Aberglauben (QAnon). Und bringt den Staat in arge Not, in intellektuelle, inhaltliche ; die Politik schaltet in den Notstandsmodus, ohne dass sie die Sinnlosigkeit der Seuche aufheben kann. Freiheitsverlust ohne Sinngewinn. Ein Kreuzzug ohne Kreuz; es geht um nichts. Wir sind mit der Sinnlosigkeit des Todes konfrontiert. Das haben die Menschen noch nie gut abgekonnt. Luhmann, der große Soziologe, hat von der Herrschaft der KONTINGENZ gesprochen. Unser Leben und Sterben bleibt sinnlos, wenn wir SELBST ihm keinen geben. Dafür sind Merkel & Spahn eben kein hinreichendes Angebot. Mutti verliert zunehmend ihr Charisma. Ich muss jetzt hier Schluss machen; ich habe zu tun. Meinem Leben einen Sinn geben, sozial und ökonomisch.

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EIS UND SCHNEE.

Zuckerguss über allem. Weiß verzaubert das Land. Kitsch as kitsch can. Paradise lost, paradise regained. Was die Pandemie so zermürbend machte, ihre tiefe Sinnlosigkeit, kann nun der Idylle weichen. Der X-mas-Kitsch ist zwar auch nicht intellektuell erfüllend, Sinn macht er keinen, aber er rührt unsere Kinderseelen. Ich erinnere, dass ich zur Begeisterung meiner Frau Mutter als Knabe die neutestamentarische Weihnachtsgeschichte auswendig daherzusagen wusste. „Es begab sich aber zu der Zeit...“, so fing das Ding an. Der klassische Beginn aller Märchen. Hier als „frohe Botschaft“, Evangelium.

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ROMANE REDEN.

Meine Frau Mutter mochte es nicht, wenn eine Erzählerin nicht auf Punkt kam; ihr waren die Umschweife der Nachbarin zuwider. Dann fiel anschließend die Redewendung, dass jemand „vom Hölzken auf‘s Stöcksken“ käme. Gemeint war ein zielloses Extemporieren, das Reden, um des Redens Willen, sprich Gerede. Sie hatte ihre Jugend in der „schweren Zeit“ als OP-Schwester im Feldlazarett verbracht und gelernt, dass man bei Amputationen nicht schwätzt.

Ein guter Erzählfluss ist auch einer. Er beginnt an einer Quelle und als frischer Bach. Daraus wird zielstrebig ein kräftiger Fluss, dann ein Strom, der schließlich ins Meer mündet. Der schlechte Erzähler bewegt sich umgekehrt, jeden Mäander nutzend erreicht er die Quelle nie, jedenfalls nicht frisch und munter. Seine Geschichte ist trübes Brackwasser, kein labender Quell, von dem der Psalmist uns spricht.

Das geht mir durch den Kopf, da ich seit langem mal wieder einen Roman lese, der mich nicht langweilt. Eigentlich sind Novellen mein Ding, Kurzgeschichten. Vor mir liegt die Schwarte von Feridun Zaimoglu SOHN OHNE VATER. Der Lümmel kann schreiben. Abgesehen vom Fluss, der homerisches Format hat, ist es die Formulierkunst im Detail, die gerade jener haben kann, der klug seine zweite Sprache erkundet. Das Staunen über das Fremde schafft viel verbale Kraft. Aber ich verfalle ins Schwätzen und höre die mahnende Stimme meiner Mutter, die schon einige Zeit beim Gerechten weilt.

Jetzt aber zur Sache. Was ist der beste Romananfang aller Zeiten? Der hier:
„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ (Kafka, Der Verschollene) Rupp, zupp, auf den Punkt.

Nachtrag aus aktuellem Anlass: Da hat sich das Klima gewandelt; inzwischen ist es ein unangenehm schwüler Smog, eher schlechte Luft, recht stickige Atmosphäre, die die Dame gänzlich verhüllt. Das mit dem Schwert stimmt freilich. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.