Logbuch
DÜNNES EIS.
Oxford und Cambridge sind für mich die Geburtsorte der REDEFREIHEIT. Ich habe dort nie gehört, geschweige denn gelesen, empfinde aber eine Ehrfurcht vor „free speech“, die der Debatte aus Sportsgeist frönt (und nicht zur Vernichtung von vermeintlichen Feinden pervertiert). Das ist „academic freedom“; das war es zumindest. Das Eis wird dünner.
Ich lese ein Essay von Amia Srinivasan, einer jungen Philosophin aus indischer Familie und mit amerikanischer Bildung, jetzt als erste Frau und „person of color“ auf einem Lehrstuhl ältester Oxford-Tradition. Quelle: LRB 29. 06.23, S. 3 ff. Sie ist mutig und vorsichtig zugleich. Anlass ist die Ernennung eines „free speech tsar“ nach gesetzlicher Vorgabe. Der Herr heißt Arif Ahmed und ist ein Rechter, den man gerade noch liberal nennen kann. Die Professorin hält eine rechts-links-Tektonik aufrecht; mutig und richtig.
Die Uni-Öffentlichkeiten werden von ideologischen Zensurwellen erschüttert, die rabiat polarisieren. Ich werde mich dazu in keiner Weise inhaltlich äußern, aber andeuten, worum es den Rigorosen geht: Kolonialismus, Klimawandel, sexuelle Belästigung, Geschlecht. Wenn dabei ein Killerwort wie TERF fällt, dann ist das „trans-exclusionary radical feminist“, also eine Position, der vorgeworfen wird, eine transsexuelle Identität nicht als vollwertig weiblich anzuerkennen. So demographisch marginal die Themen, so hysterisch die Verfolgung abweichender Meinung.
Dabei geht es auch um Kathleen Stock, verfemte Philosophieprofessorin in Sussex, deren Entlassung eine verdeckte Gruppe „Anti Terf Sussex“ gefordert und erreicht hat. Gegen einen OBE-Orden für Dame Stock protestierten 2021 über 700 ihrer Kollegen in einem Protestbrief, die sie dabei der Transphobie bezichtigten. Die Rezensentin meint erwähnen zu müssen, dass Stock sich aber eben auch patzig auf Instagram zu den Vorwürfen geäußert habe. Sie zitiert eine zwischenzeitlich gelöschte persönliche Invektive. Nach Korrektur? Hallo?
Aber auch positive Dinge sind zu berichten. Sie habe als Professorin einen Studenten / eine Studentin unter woker Flagge mit den falschen Pronomina bezeichnet, sich aber sofort entschuldigt und nichts sei nachgekommen, wird geradezu erleichtert berichtet. Wie bitte? Da grüßt eine „summa cum laude“ Promovierte den Gessler-Hut eines woken Essex-Girls? Verstehe ich das richtig? FUROR gehörte früher dazu.
Als das Eis noch trug, galt der Satz von Rowan Atkinson, nach dem das Recht zu beleidigen über dem Recht stehe, nicht beleidigt zu werden. Wer das ist? Nein, kein Oxford-Prof. Das ist der Nationalcharakter Mr. Bean. Man frage den neuen Zaren der Meinungsfreiheit, wie er dazu steht.
Logbuch
JOANNIS VAN DER MEER.
Der Maler VERMEER aus Delft soll insgesamt nur 50 Bilder gemalt haben, von denen wir heute 37 kennen. So sein CORPUS, wie man das nennt. Rembrandt 170. Ich glaube das nicht. Es muss einen zweiten Corpus unter anderen Namen geben.
Begründung: seine Lebensumstände. Der Mann lebte im calvinistischen Holland mit einer Katholikin in bitterster Armut und unter dem Zorn seines gewalttätigen Schwagers im Haus der Schwiegermutter. Das Paar hatte 15 Kinder, von denen die allermeisten seinen Tod überlebten. Eine große Familie darbend. Bäckerrechnungen wurden mit Bildern bezahlt. Wir wissen zugleich um seine Verehrung für Frau und Tochter. Und er, der sie abgöttisch liebte, ist zu faul zu malen? Mehr als zwei pro Jahr kriegt er nicht hin? Das glaube ich nicht.
Vermeer wird sich im Markt unter Pseudonymen versucht haben. Nicht nur die Interiöre, die wir heute feiern. Zunächst religiöse Motive, aber dafür war es nicht die Zeit. Er war kein Knecht der Habsburger. Es muss von seiner Hand ein breites Werk der Landschaftsmalerei geben, das verstreut und falsch zugeordnet auf die Entdeckung wartet. Ich bin sicher. Nein, noch keine Beweise, aber ich bin mir sicher.
Die wirklichen Fachleute ahnen das. Darum war das erste Bild der jüngsten Ausstellung im Rijksmuseum was? Ja, ein Landschaftsbild. Ein konspirativer Hinweis. Es gibt einen zweiten Corpus. Wäre interessant zu wissen, ob die bei Sotheby‘s Logbücher lesen.
Logbuch
FINDELKINDER.
Die fürsorgliche Kindesliebe ist ein relativ modernes Institut in unserem Gefühlshaushalt. Ich studiere INFANTIZITÄT, den Brauch der Kindestötung, und bin entsetzt. Das Aussetzen Neugeborener galt früher als Nachwuchsplanung.
Man hat schon in Grimms Märchen Kunde davon, dass sehr arme Eltern sich ihrer Kinder zu entledigen suchten. Derart beginnt das Schicksal von „Hänsel und Gretel“. Aus dem Geschichtsunterricht erinnert man, dass die Spartaner all ihre Infanten vorübergehend aussetzten, um in den Überlebenden eine Art Gottesurteil zu erfahren. Der Antike sagt man nach, dass Neugeborene auf den Boden gelegt wurden; wenn der Vater sie aufhob, galten sie als angenommen, ansonsten standen sie dem Sklavenhandel zur Verfügung.
Daher kommt der Begriff des FINDELKINDES, dass man es irgendwo gefunden hat, etwa auf den Stufen von Tempeln oder Kirchen. Von Moses, dem Stammvater der Israeliten, wissen wir, dass er in einem Bastkörbchen dem Nil anvertraut wurde. Gleiches Schicksal bei den Gründern der Ewigen Stadt, Romulus und Remus, ausgesetzte Söhne einer etruskischen Prinzessin, die sich dem Kriegsgott Mars hingegeben hatte. Aufgezogen angeblich von einer Wolfsmutter; wobei „lupa“ auch eine Prostituierte sein konnte, also Hurensöhne. Da war auch was bei Goethe mit Gretchen.
Man muss die Babyklappe für eine segensreiche Einrichtung für die ganz Verzweifelten halten. Denn eigentlich gibt es auf Erden kein größeres Glück, als das der Kinder und Kindeskinder. Wie furchtbar, wenn hier eine Geschlechterauswahl stattfindet; man spricht von Femizid, wenn es die Mädchen trifft.
Aber es konnte auch die Jungens treffen. In der Vulkanasche des Alten Rom hat man hinter einem Badehaus ein Massengrab männlicher Säuglinge entdeckt. Badehäuser waren zugleich Bordelle und Knaben kein geeigneter Nachwuchs für die Hetären. Wie unendlich grausam. Was man von irischen Waisenhäusern aus der Moderne hört, ist nicht tröstlicher.
Zu den dunkelsten Kapiteln der Montankultur gehört, dass Kinderarbeit untertage gefördert wurde, weil die kleinen Gestalten flözgängiger waren. Von hier auch der Mythos der Zwerge, historisch durch Zwangsarbeit verkrüppelte Kinderknappen.
Die Wissenschaft sagt, dass die Kindheit als Schutzberechtigung eine soziale Konstruktion sei; dem ist zuzustimmen.
Logbuch
BARBAROSSA UND ANDERE ROTHAARIGE.
Was der eine darf, darf der andere noch lange nicht. Das ist römische Rechtsordnung, ausdrücklich ironisch formuliert, versteht sich. Man gewährt seinem Gott (sagen wir dem Iovi, zu deutsch Jupiter), was dem Ochsen (lat.: bovi) verwehrt sein sollte. Iovi & bovi. Gemeint ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die man wollen müsste, aber doch so oft vermisst. Wir leben in Zeiten, die Barbarentum wieder feiern. Barbarossa ist aus seinem Schlaf erwacht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der grundhöfliche Kellner empfiehlt einen Wein, der neben mir im Regal steht und ich lese in großen Lettern „Vorfreude“ auf dem Etikett. Eine andere Flasche des gleichen Badener Erzeugers betitelt sich als „Glückspilz“. Was soll das denn? Ich nehme in stiller Verzweiflung einen Friderich Emil von Trimbach aus dem Elsass, weil ich da wenigstens weiß, was ich kriege. Nichts ist schlimmer, als wenn Winzer und Werbung aufeinandertreffen.
Es begann, soweit ich weiß, historisch mit der „Liebfraumilch“; vordergründig ein lieblicher Wein im Schatten einer Liebfrauenkirche, der es im England des Charles Dickens zu Popularität bis bei Hofe gebracht hatte. Nun hatte der Marienkult schon immer sexuelle Konnotationen, aber von der Muttergottes gestillt zu werden (und dabei blau), das hatte schon etwas gotteslästerlich Frivoles. Da Werbung alles aus der jeweils untersten Schublade kramt, wurde daraus für England Ende letzten Jahrhunderts die Süßweinmarke „Blue Nun“; jetzt also eine Braut Christi, und zwar besoffen. Geht’s noch? Das ist nur noch durch Kröver Nacktarsch zu unterbieten.
Ich will, so ich als Laie ein Etikett lese, wissen, wer das aus welcher Lage und welcher Rebsorte wann gekeltert hat. Punkt. Dann dürfen sich auch noch irgendwelche EU-Vorschriften austoben, aber im Kleingedruckten, nur dort. Ich will nicht ersatzweise Werbesprüche irgendwelcher Marketingdeppen lesen müssen, die Niveau zu Nivea verkürzen und Haribeaux zu Haribo. Nicht bei Wein. Das ist ein Sakrileg.
Wir leben heute in der 74. Generation nach der Errichtung des Großen Zauns, LIMES genannt, durch die Römer. Und spüren die Folgen noch immer. Es stehen dies- und jenseits hier die Barbaren und dort die Bürger Roms. Ein Mensch in Würde weiß von sich zu sagen: „Civis Romanus sum“, ich bin des Weinbaus kundig und Bürger Roms. Die da drüben, die Rothaarigen grunzen in ihre fettgetränkten Bärte und saufen Met, sprich Bier. Die kulturelle Teilung der Welt macht sich bis heute, bis in die 75. Generation, bemerkbar.
Es waren die Römer, die im Moseltal einen im Winter unbelaubten Südhang, der lange Sommer einzufangen wusste, also allerbesten Wein versprach, originell und zutreffend mit einem nackten Arsch verglichen. Korrekte Lagenbezeichnung. Was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht. Quod licet Iovi, non licet bovi.