Logbuch

BLITZSIEG.

Militärstrategen sind blitzgescheit, aber selten siegreich; zumeist erklären sie, auf Massengräbern stehend, warum trotz all ihrer Raffinesse alles in Schutt und Asche liegt. Oder das Elend kein Ende nimmt.

Das deutsche Wort vom Blitzkrieg, gemeint ist ein genialer Ruck-Zuck-Sieg, gibt es so im Italienischen, Englischen und Französischen, und zwar mindestens seit 70/71, als wir den Franzmann schlugen. Weitere Ad-hoc-Siege folgten: 14/18 und schließlich 39/45… na ja.

Der Blitz ist eine Erfindung der Propaganda, die die Kriegswilligkeit antreiben will, wenn die Söhne des Landes fürchten, mal wieder im endlosen Stellungskrieg in den Schützengräben zu verrecken. Potzblitz! Es mag ja sein, dass eine Wunderwaffenwehrmacht halb Europa mühelos überrollte, was sich dann aus Sibirien nach Hause schleppte, das sah anders aus. Oder Vietnam mit eingekniffenem Schwanz verließ.

Wir führen zur Zeit Blitzkriege im Ukrainischen, im Iran und mit seinen Vasallen sowie im Nahen Osten in der Gegend, die die Römische Besatzung Palästina genannt hat. Und wie immer eilen die Blitzer, genial von Raketen, Panzern und Luftwaffe gestützt, von Blitzsieg zu Blitzsieg.

Wenigstens der Papst hat zu Ostern dazu was gesagt. Früher hat sein Laden Kreuzzüge veranstaltet, auch so blitzgescheit, wie das, was wir gerade von den Großmächten erleben, allen drei.

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NO FREE LUNCHES.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für Sonderangebote aus Zeitungen, jetzt geben wir einer ungewöhnlichen Anzeige aber doch nach. Die NY BOOK REVIEW verspricht dem Gast, der mit ihr bewehrt in der Lafayette nördlich der Houston aufschlägt einen Teller Spaghetti Pomodoro für umsonst. Die Blonde will es ausprobieren. Der Laden heißt Jean‘s.

Mit Idioten-Apostroph. Also nicht wie die blaue Buxe. Der Reihe nach. Es ist bestenfalls eine Viertelportion. Es sind vielleicht Linguini, aber sicher keine Spaghetti. Sie sind nicht „al dente“, sondern pappweich wie Babynahrung. Eine kärgliche Menge Tomatensauce mit Basilikumresten umgibt sie. Nudelpampe Sugo. Sieht aus wie Pasta in Ketchup.

Die Anzeige im NYB hatte aufgefordert, man möge so anständig sein, Trinkgeld zu geben, womit am Ort 25% erwartet werden. Der reguläre Preis des Tellerchens laut Speisekarte beträgt 34 Dollar; wir wären also für die Blonde und mich bei einem Hunni; ist aber für Noppes, die Nudel, gezahlt haben wir wg. Hunger und Durst 250 USD. So geht Inflation.

Aus der analogen Miracoli-Packung zaubere ich eine anständige Portion für unter 2$. Mit frischen Tomaten, Knoblauch und Kräutern werden es vielleicht vier. Die Inflation bringt es also auf den Faktor zehn. Diesen Faktor hatten wir daheim neulich schon beim Sprit. Die Menschen werden am Ende wissen, wer die Irrsinnspolitik der willkürlichen Zölle bezahlt hat.

Es gibt sie noch die transatlantischen Wertegemeinschaft. Als Manchester-Kapitalismus. Marx hatte diesbezüglich in allem Recht.

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DER STAAT ALS BEUTE.

Manchmal verraten Formulierungen Verräterisches. So, wenn man vom Krankfeiern spricht. Da feiert also jemand. Es kassiert jemand Lohn und Brot, indem er eine ernsthafte Erkrankung simuliert, also die Allgemeinheit oder die Kasse betrügt. Besonders frevelhaft erscheint mir dies, wenn von Beamten vollführt, die besondere Privilegien eigentlich mit deutlicher Treue beantworten müssten.  

Es beginnt mit der Residenzpflicht und endet nicht mit „working late hours“. Man kriegt gutes Geld und eine auskömmliche Pension. Dem öffentlichen Dienst zahlt man seine Loyalität. Gestreikt wird nicht, auch nicht heimlich durch jene Sabotage, die „Dienst nach Vorschrift“ heißt. Und es wird nicht Dienstunfähigkeit vorgetäuscht, aber schwarz gejobbt. Sozialbetrug.

Im Babylon Berlin tritt eine überwiegend Krankgeschriebene im Wahlkampf auf, sie will Bürgermeisterin in Mitte werden, obwohl sie seit Monaten notorisch krankfeiert. Wahlkampf geht, Arbeit geht nicht. Die Dame ist zu allem Übel auch noch Sozialdemokratin. Der Staat als Beute. Die SPD tritt am Ort unter Führung eines Exportes aus Niedersachsen an, der zuhause nix geworden war. In Wolfsburg versuchen die Sozis auch so eine Nummer. Versorgungsfälle.

Mich schmerzt das besonders, da ich glaube, dass die Sozis hier eine ganz besondere Sorgfalt an den Tag legen müssten. Bin ich ein libertärer Liberaler, kann ich sagen, der Scheiß-Staat soll sich raushalten und ihn verächtlich machen, den elenden Leviathan. Bin ich ein reicher Rechter, kann ich ihn, wenn Sozialstaat, zum Teufel wünschen, da ich mir alles aus eigener Tasche leisten kann. Ich selbst bin Selbstständiger, arbeite sowieso selbst und ständig. Aber als Sozialdemokrat und im öffentlichen Dienst, da hüte ich mich vor dem Ruf eines perfiden Parasiten. Sollte man meinen.

Als Staatsdiener bin ich Diener des Staates, ein Vorbild an Fleiß und Exempel der Loyalität, nicht die faule Fregatte eines Sugar Daddy. Klar, Gnädige? Und dann heißt mein Motto: Dienend verzehre ich mich. Es lautet nicht: Mitnehmen, was geht. Man nimmt den Staat als Sozialdemokratin nicht als Beute. Parteischädigendes Verhalten. Und im Wahlkampf eine verheerende Botschaft. Die SPD des Herrn Saleh. Eine Schande.

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PÜNKTLICH.

Die Hallenuhr im Grandhotel an Edinburghs Hauptbahnhof geht fünf Minuten vor, damit man seinen Zug nicht verpasst. Das macht mich wahnsinnig; ich vergesse zuverlässig, ob sie nun vor oder nach geht. Im übrigen aus einer Zeit, da Pünktlichkeit und Bahn etwas miteinander zu tun hatten.

Der Engländer nennt es „in time“, also rechtzeitig, wenn man sein Ziel so erreicht, wie verabredet. Nun gelten insbesondere die Deutschen als pünktlich, was auf den unangenehmen Teil ihres Nationalcharakters einzahlt; sie gelten als Pedanten, denen solche Förmlichkeiten wichtig sind. Mir selbst ist vom Herrgott ein besonders großes Stück von diesem Kuchen zugeteilt worden: Ich bin immer zu früh. Und wer zu früh ist, ist eben auch unhöflich. Ich hasse es.

An der Uni gibt es einen Zusatz zum Termin, genau gesagt zwei: s.t. & c.t. für sine tempore und cum tempore, was Kirchenlatein ist und „ohne Zeit“ wie „mit Zeit“ meint. Im „akademischen Viertel“ verfügt man über 15 Minuten, die man den angebotenen Termin überschreiten kann. Oder eben nicht. Ich habe ein festes Meinungsbild von Studenten, die 16 Minuten nach Termin grußlos ins Seminar hasten und sich umständlich am Platz aus ihren Jacken schälen. Deren Hausarbeit lese ich immer.

Es entspricht für meine Begriffe nämlich einem tadellosen Benehmen zu einem geschäftlichen Termin fünf Minuten vor Termin zu erscheinen; bei akademischen c.t. zehn Minuten nach. So bleibt immer eine kurze, aber noch angemessene Zeit für die unvermeidlichen Umständlichkeiten. Anders bei privaten Einladungen; hier ist man fünf bis zehn Minuten zu spät, weil der Gastgeber nicht zu hetzen ist.

Meine Frau Mutter, die schon beim Gerechten weilt, wie Zaimoglu sagt, war, wenn sie ihre Kinder besuchte, immer eine halbe Stunde zu früh. Man war noch nicht angezogen, geschweige denn die Kinder, wenn sie, noch in Mantel und Hut, in die Küche vordrang, um Topfdeckel zu heben und das zu erkunden, von dem man ahnen konnte, dass es an nächsten Tag zu Verträglichkeitsproblemen bei ihr geführt haben werde. Sie konnte eine echte Nervensäge sein und würde es nicht schätzen, dass ich das hier erwähne.

Ein Freund erzählt mir von indischer Pünktlichkeit, die im Rahmen einer generellen Disziplinlosigkeit aberwitzige Ausmaße annehmen könne. Wenn ich im Süden Italiens wegen solcher geringfügigen Abweichungen auf die Uhr schaue, werde ich raunend Kartoffel genannt. Wie halten wir es also? Ich könnte meine Uhr fünf Minuten zurückstellen.