Logbuch

DAS AMT.

Über die Art und Weise, wie deutsche Staatsbürger aus dem Kriegsgebiet im Nahen Osten evakuiert wurden, wird es in den nächsten Tagen eine Debatte geben, in der die amtierende Außenministerin nicht gut aussehen wird. Das sage ich voraus.

Die Zeiten sind zu ernst, als dass ich das ausbreiten möchte, warum es so lange gedauert hat, bis Fotos von Frau Baerbock in einem Truppentransporter der Bundeswehr möglich waren, die sie zeigen, wie sie ihre Bürger heimholt.

Die Arbeitsebene des Ministeriums ist doch keine andere als unter anderer Leitung, sollte man vermuten. Das Amt ist doch das Amt; und gerade beim Amt für das Äußere, da sachwalten doch Berufsdiplomaten; sollte man denken. Der öffentliche Eindruck ist ein anderer. Wie kommt das?

Dabei diskutiert die veröffentlichte Meinung, ob die Interviewaussage der Ministerin stimmen könne, dass Schulklassen über Island, also Reykjavik, ausgeflogen worden sind; was man nicht überprüfen könne, da die Passage im Interview mit der Ministerin vom Sender gelöscht worden sei. Kann das sein? In das Paradigma „Kanzler bei Flutkatastrophe“ (Schmidt, Schröder) passt es jedenfalls nicht.

Ich komme zum Punkt: es ist die Verantwortung der Verwaltung, dass der Laden läuft, unabhängig davon, wer da gerade die politische Leitung hat. Minister kommen und gehen; das Amt ist das Amt. Das gleiche gilt für die Leitenden Angestellten in Industrieunternehmen; man fährt den Laden so, dass er auch den aktuellen Vorstandsvorsitzenden erträgt. Im Zweifel durch zivilen Ungehorsam. Die Lähmschicht (Mittelmanagement) kann so was, spielend.

Ich kann doch, um ein Beispiel aus meinem Ressort zu sagen, nicht den aktuellen CEO für eine schlechte Presse verantwortlich machen. Man fährt als PR-Leiter den Laden so, dass er auch den amtierenden Chef überlebt. Alles andere wäre ja noch schöner, sprich Vasallentum.

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PAPIERLOS.

Beim Stapeln des Brennholzes fällt mir auf, dass der alte Eisenständer für Zeitungspapier leer bleibt. Überflüssig. So haben sich die Zeiten gewandelt.

Früher bestand ein Sonntag aus WamS und BamS, später auch FAZ, immer mit Wochenendausgabe der FT (lachsfarben) und, so verfügbar, der NZZ. Viel Papier. Eine Kanne starken Kaffees und viel Muße. Wichtiges wurde mit der großen Papierschere rausgeschnitten und auf die Seite gelegt.

Heiß erwartet war am Sonntag der SPIEGEL von Montag; als Profi hatte man jemanden in Hamburg, der schon am Samstag an das neue Heft kam. Dann konnte man sich schon mal darauf einrichten, dass es montags Steine regnete. Zeiten, in denen man gefürchtet hat, was heute jedermann am Arsch vorbeigeht.

Im Internet lese ich keine Zeitungen mehr. Nicht am Stück. Diese Eierdieberei der Verleger mit ihren Bezahlschranken geht mir auf den Senkel. Eigentlich kriege ich Presse nur noch mit aus den Clippings, mit denen mich die Auswerter versorgen, und aus dem Echo auf Artikel im Netz, vorwiegend Twitter, jetzt X. Die Selektion der Selektion der Selektion …

Ich erinnere noch, wie ich stolz wie Oskar die Druckunterlagen einer Schülerzeitung, an der ich mitgewirkt hatte, in eine kleine Druckerei in Witten brachte; eine regelrechte Reise von Kettwig aus im Käfer eines älteren Mitschülers, der bereits einen Führerschein hatte. Wie die gedruckte Auflage duftete… 55 Jahre her und schon Geschichte.

Das Ende der Gutenberg-Galaxis. Journalismus als Teil der holzverarbeitenden Industrie ist erledigt. Die in Mainz begonnene Manufaktur wurde ex Kalifornien endgültig kolonisiert. Tippe ich mit dem Zeigefinger der linken Hand in mein Smartphone, das die rechte hält. Ich war immer Rechtshänder. Die haben auch in meinem Kopf etwas umgedreht.

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STAATSRÄSON.

Das Existenzrecht des Staates Israel ist Teil der deutschen Staatsräson. Der Satz ist klar und deutlich. Es wird niemand vom Jordan ins Meer getrieben, um mal eine der gängigen Formeln des nahöstlichen Terrorismus aufzugreifen.

In Zeiten, in denen hunderte von Juden als Geiseln genommen werden, öffentlicher Schändung durch einen johlenden Mob ausgesetzt, verweigere ich Debatten über diese oder jene Wendung israelischer Innenpolitik, zu der ich durchaus eine Meinung habe.

Ich denke an meine Freunde in Israel und Bekannte, darunter auch solche, die eine Meinung zu dieser oder jener Innenpolitik haben. Besonders zwei ehemalige Botschafter in Berlin und den gegenwärtigen Präsidenten, den ich im Zusammenhang mit einer Magnesiumgießerei in Israel kennengelernt habe. Besonders aber an all die Frauen und Kinder und Alte, die in dieser Bedrohung immer schon leben mussten und ihr nun tatsächlich zum Opfer fallen.

Ruf rüber in die Sonnenallee in Neukölln: Regungen des Antisemitismus gehören nicht zu einer Meinungsfreiheit, die dieser Staat zu gewähren bereit ist. Eine Frage deutscher Staatsräson. Kleiner haben wir es nicht. Verfassungsprinzip, nicht weniger.

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AMI GOES HOME.

Vor einem guten halben Jahrhundert war alles anders. Die USA führten einen schmutzigen Stellvertreterkrieg in Vietnam gegen kommunistische Antipoden, den sie als koloniales Unterfangen von den Franzosen geerbt hatten. Ich trug einen Sloganbutton, der zur Unterstützung des Vietcong aufrief, und ein T-Shirt mit dem Ponem des Kubaners Che. Ich hatte die FR und die Peking Rundschau abonniert und romantisierte die Vorstellung einer Kulturrevolution. Man las Herbert Marcuse aus Berkeley und hörte über ihn von Studentenprotesten in Amerika.

Vieles davon war zu einem guten Teil auch postpubertäre Spinnerei, Dinge, die vor allem wegen der damit verbundenen Provokation ihren Wert hatten. Es ging darum, Spießer zu provozieren, auch als brave Kleinbürgersöhnchen. Aus Berlin hörten wir Eleven der Provinz den Slogan „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört zum Establishment.“ Dabei waren wir noch mehr Knaben denn Männer. Aber das Fluidum der Proteste beseelte den Zeitgeist. Das geht mir wegen der Libertinage nicht aus dem Kopf, obwohl schon im Studium politisch klüger.

Zu spinnen ist der Jugend Recht, jedenfalls der Kindheit. Jetzt räsoniere ich: Vor einem guten halben Jahrhundert war eigentlich doch nicht alles anders. Es meldet sich in mir wieder eine Wahrnehmung der USA, die ich ausgewachsen glaubte. Es ist ein merkantiler Imperialismus, der sich auch seiner vordergründigsten Interessen nicht schämen will. Man muss wissen, was ein Leviathan meinte, um das epochale Bild des Thomas Hobbes zu verstehen, ein Ungeheuer. Eine Sklavenhaltergesellschaft kehrt in diesen Tagen zu ihrer alten Nonchalance zurück.

Ich war mit 17 ein politischer Spinner. Und hatte doch, denke ich jetzt für einen kleinen Moment, in vielem recht. Ami goes home. Hier aber Europa als Gegenbild zu den heutigen Weltmächten zu sehen, ist geschichtslos. Die Engländer haben vom Sklavenhandel erst abgesehen, als sich dieser nicht mehr ökonomisch lohnte. Dann aus humanitären Gründen, klar. Jetzt bauen wir Europa als bessere Welt? Da bin ich aber mal gespannt.